Rock und Pop

Billy Talent in der Sick-Arena: Band und Fans in Ekstase

Joshua Kocher

Die kanadischen Alternative-Rocker sind inzwischen über 40 Jahre alt – verlernt haben sie nichts. Ihr Auftritt war vielleicht das Beste, was die junge Sick-Arena gesehen hat. Und gesprächig waren sie auch.

Mit diesen 6 Sprüchen brachten Billy Talent die Sick-Arena zum Beben:

"Wir haben zehn Jahre nicht in Freiburg gespielt. Versprecht uns, wenn wir in ein paar Jahren wiederkommen, dann kommt ihr auch alle!"

Frontmann Benjamin Kowalewicz scheint sich an den letzten Auftritt in der Stadt zu erinnern. Und dieser liegt tatsächlich bereits zehn Jahre zurück. Auf Tour ging es damals mit dem Album "Billy Talent II", das 2007 gerade ein Jahr alt war und bald zur meistverkauften Platte der Band wurde. Die Zeiten, in denen man jedoch mehrere Stunden für einen Auftritt des Quartetts aus Streetsville, Ontario, Kanada anstehen musste, sind heute vorbei. Die Sick-Arena wurde in der Hälfte abgetrennt und statt 8000 sind es wohl etwa 3000 bis 4000 Menschen, die gemeinsam mit der Band durch den Abend wollen. Die Anwesenden sind dafür doppelt motiviert, was Kowalewicz gleich mehrfach anerkennend bemerkt.

"You guys are f**cking crazy!"

Die Band legt einen Kaltstart hin. Ian D’Sa betritt mit seiner Gitarre die Bühne, wird kurz in zartrotem Licht angestrahlt und schlägt sofort die Töne in die Saiten. Die Crowd ist hellwach und spätestens als Kowalewicz bei "Devil In A Midnight Mass" auf seine unverwechselbare Art beginnt, das Mikrofon zur Hälfte aufzufressen und zur Hälfte reinzugrölen, gibt es kein Halten mehr. Band und Fans befinden sich nach drei Songs in völliger Ekstase. Eine Handvoll Leute schwebt da bereits in der Menge und lässt sich auf den Händen bis an den Wellenbrecher tragen.

"Ich wünschte, ich könnte eine riesige Kanne voll Wasser in die Crowd schütten."

Es ist warm in der Sick-Arena. Sehr warm. So warm, dass die roten Hemden der Band nach einer halben Stunde klatschnass an ihren Körpern kleben. Und so warm, dass Kowalewicz bei "Rusted from the rain" vergisst, dass Bassist Jonathan Gallant noch nicht am Mikrofon steht und ohne ihn beginnen möchte. Am Ende des Konzerts soll tatsächlich der kondensierte Schweiß von der Decke tropfen. Aber die Jungs geben auch alles, damit das Publikum zu keiner Sekunde steht. Das Konzert besteht über die gesamten 90 Minuten aus Vollgas. So mancher Fußballtrainer würde sich freuen, wenn seine Mannschaft so lange am Limit spielen würde.
Die Setlist des Konzerts wurde von der großen "Afraid of Heights"-Tour vom vergangenen Jahr zum Großteil übernommen und nur an wenigen Stellen modifiziert. Gespielt wird ein Großteil des gleichnamigen Albums, gemischt mit einigen Klassikern wie "Surrender", "Devil on my shoulder" oder "Red Flag". Der Auftritt in Freiburg ist nur einer von zwei Solo-Auftritten in Deutschland in diesem Jahr. Ansonsten spielen die vier Kanadier nur auf Festivals.

"Ihr denkt euch sicher, wie kann der Kerl weiße Hosen mit schwarzer Unterwäsche tragen."

Es gibt nur wenige Worte, mit denen Bandleader Benjamin Kowalewicz und sein Auftreten auf der Bühne beschrieben werden kann. Er hüpft in seiner weißen Hose einem Flummi gleich über die Stage, versucht jede Ecke der Halle zu erreichen und schüttet sich nach jedem zweiten Lied eine komplette Flasche Wasser über den Kopf. Nicht nur mit seinen immer länger werdenden Haaren erinnert er mehr und mehr an Punk-Legende Iggy Pop. Auch seine ekstatische Bühnenpräsenz lässt einen den "Godfather of Punk" auf der Bühne vermuten. Dass seine schwarze Unterhose durch die weiße Hose durchschimmert, verzeihen die treuen Fans.

"Suizid ist niemals eine Lösung."

Als der Name Chester Bennington fällt, wird es ruhig im Publikum. Viele sind mit Shirts, auf denen das Linkin-Park-Logo gedruckt ist, erschienen. Und auch Kowalewicz ist sichtlich bewegt, als er gesteht, dass er das alles nicht glauben kann. "Unsere Gedanken sind bei der Linkin-Park-Familie. Es ist so tragisch. Wir müssen miteinander reden, wenn es uns schlecht geht und füreinander da sein", fordert er das Publikum auf. Beim anschließenden "Nothing to lose" herrscht Gänsehautstimmung. Ein paar Feuerzeuge stehen in der Luft, als Kowalewicz von seinem ganz eigenen Schmerz singt.

"Wir werden uns später noch im Schwarzwald abkühlen."

Das Konzert neigt sich dem Ende, alle sind ausgepowert und nassgeschwitzt. Doch das Highlight soll erst noch folgen. Als das Drumset zum wohl bekanntesten Song der Band, "Red Flag", erklingt, folgt der wohl größte Massenpogo, den die Sick-Arena bis auf Weiteres sehen wird. Und als "Fallen Leaves" im Encore gespielt wird, gelingt sogar ein Sit-Down. Dehydrations-Gefahr 100 Prozent. Im Foyer der Messehalle sitzen völlig erschöpfte Billy-Talent-Fans und sind überglücklich.

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