Bildungsüberfall: Im Namen der Demokratie aus dem Bett geklingelt

Martin Jost

Achtung Weingartner: Montagmorgen um sechs werdet ihr von Gutmenschen raus geklingelt, die euch demokratische Erziehung verpassen wollen. Die Landeszentrale für politische Bildung macht Hausbesuche – mit Tütenmilch.



„Wenn es morgens um sechs bei mir läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe“, soll der britische Premierminister Winston Churchill gesagt haben. Der Literaturnobelpreisträger Churchill ist ein so beliebtes Sprachrohr für kernige Sätze, dass man ihm sogar welche zuschreibt, die er nicht nachweislich gesagt hat.


Die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) hat sich von Churchills Milchmann-Zitat zu einer – wie sie selbst schreibt – „provokanten“ Aktion inspirieren lassen: Milchmänner sind eigentlich längst durch Supermärkte ersetzt. Aber Montagmorgen ab sechs Uhr werden LpB-Mitarbeiter in Weingarten, Freiburgs Stadtteil mit der niedrigsten Wahlbeteiligung (nicht ganz ein Drittel bei der zurück liegenden Landtagswahl, à propos Statistik), klingeln und Milchkartons verschenken. Dahinter steht der Wille, die Anwohner der Krozinger Straße für die Grundrechte der bundesrepublikanischen Verfassung zu sensibilisieren, insbesondere Artikel 13 des Grundgesetzes über die Unverletzlichkeit der Wohnung.

Unter der Überschrift „Affektive Lernziele“ heißt es im Konzept zu der Aktion: „Die produktive Irritation stellt die kommode Selbstverständlichkeit persönlicher Freiheit in Frage.“ (Produktive Irritation kann zum Beispiel heißen, dass sich jemand, der Menschen um sechs Uhr aus dem Haus klingelt, im Wertehorizont einiger Betroffener eins auf die Nase verdient hat.) „Bei den Bewohnern entsteht ein Gefühl der Wertschätzung ihrer persönlichen Freiheit und Unantastbarkeit.“ (Oder das. Na mal sehen.)

Abwurfgebiet für die milchigen Demokratiebomben sind 550 Wohnungen in der Krozinger Straße. Zielpersonen dürfen sich auf die „Killersätze“ (O-Ton LpB) „Demokratie braucht aufgeweckte Leute“ und „Essen, trinken, Demokratie denken“ freuen. Wie die Aktion ausgegangen ist, lest ihr dann hier auf fudder – entweder in einer Reportage oder - falls es für die freien Mitarbeiter der Landeszentrale Saures gab - in der Rubrik „Blaulicht“.

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