Bibletunes: Die Hörbibel aus dem Internet

Manuel Lorenz

Die Bibel ist verstaubt, unlesbar und langweilig. So lauten jedenfalls die gängigsten Vorurteile. Der Südbadener Detlef Kühlein kämpft dagegen an und stellt jeden Tag einen Bibletune ins Internet - und bald auch altorientalische Erotik.



Der Hardcore-Rapper Sido als Vorleser der Bibel? Nein, das kann sich Detlef Kühlein dann doch nicht vorstellen. „Nina Hagen, das wäre so ein Traum von mir“, sagt Kühlein, für die Johannes-Apokalypse, also das letzte, überaus geheimnisvolle Buch der Bibel. Oder Xavier Naidoo, für die Sprüche Salomons. Warum er sich gerade diese beiden Popstars wünscht, liegt auf der Hand: Nina Hagen veröffentlichte letztes Jahr ihr christlich durchtränktes Album „Personal Jesus“ und Xavier Naidoo besingt schon immer das Christentum. Sido hingegen steht für den „Arschficksong“.


Kühlein lebt in Eimeldingen bei Lörrach und produziert einen Podcast namens Bibletunes. Seit Mai 2010 veröffentlicht er fünf Mal die Woche einen kurzen Beitrag, der aus Bibeltext und Andacht besteht – wobei Kühlein nicht „Beiträge“ sondern „Episoden“ sagt, so als ob er über die neueste Staffel „How I Met Your Mother“ spricht und nicht über die MP3-Schnipsel eines alten Buches. Außerdem sagt er nicht „Andacht“ sondern „Impuls“, und die fünf Bücher Moses heißen bei ihm nicht „Pentateuch“ sondern „Mose’s Box“. Man merkt, dass er versucht, mit der Zeit zu gehen.

Auch die Website von Bibletunes überrascht. Kühlein ist seit Jahren in dynamischen, progressiven Freikirchen unterwegs. Da erwartet man eigentlich gut gemeintes, poppiges 90er-Jahre-Design. Stattdessen ist die Website minimalistisch und modern. Junge, urban gekleidete Menschen, die ihre Augen schließen und unbeschwert lächeln; auffällig platzierte Buttons mit den Reizworten der Gegenwart: Facebook, Twitter und iTunes. „In die Website ist sehr viel Geld reingeflossen,“ sagt Kühlein. „Mir war wichtig, den Internetauftritt professionell und alltagstauglich zu gestalten.“ Dass aber selbst der Spendenaufruf in Apple-Manier gestaltet worden ist, schießt vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus: Wer das No-Budget-Projekt finanziell unterstützt, darf sich fortan „iSponsor“ nennen.



Kühlein will die gedruckte Bibel nicht abschaffen: „Mein Ziel ist, dass die Leute das Ding wieder in die Hand nehmen und selbst auf Entdeckungsreise gehen.“ Dabei unterscheidet er nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Menschen seien auf der Suche, hätten Fragen: „Und da kann Bibletunes helfen.“ Bis zu 1000 Mal wird der Podcast täglich runtergeladen - Tendenz steigend.

Bibletunes hat kaum Konkurrenz. Vor einigen Jahren hatte Martin Dreyer, Gründer der Jesus Freaks, angefangen, die von ihm initiierte Volxbibel einzulesen und online zu stellen. Dreyer schaffte aber gerade mal die Apostelgeschichte, und der letzte Eintrag datiert vom 5. November 2009. Der schweizerische Bibellesebund liefert nur vereinzelte Bibeltexte; die Deutsche Bibelgesellschaft bietet zwar die vollständige „Große HörBibel“ an - die allerdings kostet auf acht mp3-CDs 79 Euro.

Kühlein hingegen will systematisch alle 66 Bücher der Bibel einlesen und sie nach und nach zur freien Verfügung stellen. Für das Alte Testament darf er dazu die sogenannte Hoffnung für alle benutzen, für das Neue die Neue Genfer Übersetzung. Wenn alles gut geht, will er noch dieses Jahr eine iPhone-App anbieten, und in ferner Zukunft sind auch vollständige CD-Boxen der einzelnen biblischen Bücher geplant.

Darin werden auch Texte wie Levitikus 18,22 zu hören sein, wo geschrieben steht: „Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel.“ Wie interpretiert Kühlein solche Verse in den Kurzbetrachtungen seines Podcasts? „Ich bin ein naiver Bibelleser und nehme die Dinge so an, wie sie dastehen.“ Allerdings seien viele seiner Freunde schwul. „Und da denke ich beim Thema Homosexualität doch an sie, lasse Raum zur Diskussion und gebe nicht vor, die letzte Wahrheit zu haben. Schließlich leben wir ja in der Postmoderne.“



Vielleicht ist es Kühlein bewusste Entscheidung fürs Christentum, die ihn so stark an den Wortlaut der Bibel fesselt. Er wuchs in einer nichtchristlichen Familie auf und kam erst mit 14 Jahren zum Glauben. Dass er sich aber nicht allzu leicht auf den Stereotyp eines Fundamentalisten reduzieren lässt, zeigt seine vielseitige Glaubensbiographie: Er ist bei den Baptisten groß geworden, landete dann bei der International Christian Fellowship (ICF) in Zürich, frequentierte sowohl extreme Brüdergemeinden als auch extreme Charismatiker und arbeitet heute als selbstständiger Bildungsreferent und Theologe: „Ich bin eine Mischung und komme mit allen Kontexten klar.“

Und das Hohelied Salomons, jenes knisternde Stück altorientalischer Erotik? Wer wird das einlesen, wo es das Duo Bardot-Gainsbourg doch längst nicht mehr gibt? „Das muss ein Ehepaar machen,“ sagt Kühlein, „und zwar ein verliebtes, im Wechsel.“ Und dann kommt ihm die zündende Idee: „Das machen meine Frau und ich.“

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  [Bilder: Detlef Kühlein]