Beschnupperungs-Small-Talk

Philipp Aubreville

fudder-Mitarbeiter Philip absolviert in dieser Woche die Einführungswoche für seinen Bachelor of Arts-Studiengang. An seinem zweiten Tag als Student stehen mehr Socialising, die Prüfungsordnung und der erste Mensa-Gang auf Philips Programm. Und noch mehr Socialising, natürlich.

    Als um acht Uhr morgens der Wecker klingelt, beginnt der zweite Tag meiner Einführungswoche. Als Geschichtsstudent weiß ich aber natürlich bescheid über die Wichtigkeit des Kontextualisierens und beginne deshalb mit meinem ersten Tag – ct!


Der klang nach den bereits geschilderten Erlebnissen mit einer Kneipentour aus, die von der Politik-Fachschaft organisiert wurde. Obwohl ich mittlerweile schon über ein Jahr in Freiburg wohne, lerne ich noch zwei mir bisher unbekannte Kneipen kennen: Meine Gruppe startet die Tour im „Eimer“, wo der übliche Beschnupperungs-Small-Talk zum Glück alles andere als nervtötend ist.

Als Politik-Nebenfächler bin ich zusammen mit meiner Mitbewohnerin allerdings ein ziemlicher Exot und vor allem von Islam- und Sozialwissenschaftlern umgeben. Die thematischen Debatten beschränken sich dann aber auch eher auf regionale Klischees, die Vorzüge Jogi Löws und die etwas unpatriotische Frage, ob es noch Karten für den Gästeblock des FC St. Pauli beim Spiel in Freiburg gibt.

Was folgt, ist ein Wechsel in die „Goldene Krone“, den Treffpunkt nicht nur der Politik- Fachschaft. Denn während einer der Gäste mir mit der Behauptung, er habe sie in „Frankreich übersetzt“ meinen Sex Pistols-Badge abknöpfen will, entdecke ich ein verrauchtes Hinterzimmer.

Dort treffe ich jedoch nicht etwa auf Fat Toni oder eine illegale Pokerrunde, sondern die Geschichts-Fachschaft und David, den Betreuer meiner gestrigen Beratungsgruppe. Dieser macht mich noch einmal auf das am nächsten Tag stattfindende Fachschafts-Frühstück aufmerksam. Rabattbedürftig, wie mich nun zumindest gesellschaftliche Institutionen vom Kinokassierer bis Hartmut Mehdorn einstufen, hatte ich sowieso nicht vor, mir eine kostenlose Mahlzeit entgehen zu lassen.



Dass ich mit dieser APPD-Attitüde nicht alleine bin, stelle ich am nächsten Morgen fest, als ich gegen neun beim Fachschafts-Frühstück erscheine und neben einigen alten und mittelalten auch diverse neuere und neuste Gesichter erblicke.

Mein Sitzplatz stellt mich vor die Wahl, die gestrigen Informationen zu rekapitulieren oder an einer Debatte über Sinn und Unsinn von Vegetarismus und Bio-Produkten teilzunehmen. Mein innerer Pragmatiker siegt und ich entscheide mich für Ersteres.

Das sehr schön organisierte Wohlfühl-Frühstück muss aber leider bald unterbrochen werden, um dem ersten Pflichttermin nachzukommen: Frau Ehinger ruft zur „Information zum studienbegleitenden Prüfungssystem“ in die Aula. Unwillkürlich schießt mir das Wort „Dehydrierung“ durch den Kopf. Aber was muss, das muss – sagt zumindest der Volksmund.

So beschäftige ich mich eine gute Stunde mit Ausführungen über Fristen, Noten und zu erbringende Leistungen. Diese werden immer wieder von der immer zynischer werdenden Bemerkung unterbrochen, die Hinterbänkler mögen doch bitte nach vorne kommen, da „die Folie nicht für hinten konzipiert ist“. Nachdem mir die Relevanz der Prüfungsordnung endgültig klar geworden ist, gehe ich mit einigen meiner neuen Kommilitonen zum Essen in die Mensa.



Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich zum Dinieren die Rempartstrasse aufsuche, doch die Ähnlichkeit zur Kulisse US-amerikanischer High-School-Filme fällt mir erst nach einer Bemerkung meines Tischnachbarn auf. Zwar treffe ich im weiteren Verlauf des Mensa-Aufenthalts weder auf den Kapitän des Football-Teams noch auf kichernde Cheerleader, aber immerhin hat das Wetter etwas von Kalifornien.

So sehe auch ich mich genötigt, mich zusammen mit meinen Kommilitonen in hippiesker Pose auf die Mensa-Wiese zu setzen.

Nach einem kurzen Ausflug ins KG II begebe ich mich an den Ort, der von Insidern, Doppelagenten und anderen coolen Typen gemeinhin als „Aquarium“ bezeichnet wird.

Dort hält der Bachelor-Beauftragte für das Fach Geschichte, Herr Krieg, ein Fachreferat zu meinem Hauptfach. Seinem Namen macht der Professor jedoch keine Ehre, sondern beschert mir eher inneren Frieden: Ich muss keine weitere Fremdsprache lernen. Mein Herz spielt Erster-Mai-Randalierer und lässt Steine fallen.
Auch sonst wirkt Herr Krieg ziemlich nett und nimmt sich eine Menge Zeit für unsere Fragen. Die Tatsache, dass er uns auch weiterhin als Ansprechpartner zu Verfügung steht, löst bei mir Gefühlsanalogien zu Valium aus.

Derartig beruhigt begebe ich mich in den Innenhof der Universität, um an einer Führung unseres Betreuers David teilzunehmen. Nach dem wir die wichtigsten Orte kennen gelernt und ein paar hilfreiche Tipps bekommen haben, entlässt uns David in die Vorbereitung auf die am heutigen Abend stattfindende Kneipentour der Geschichtsfachschaft.

Nachdem auch heute ein Informationswust zu verarbeiten war, sehe ich mich zur Teilnahme fast verpflichtet; es gab da mal einen Beatles-Song namens  „Hard days night“. Der Titel triffts.