Berlin in Second Life

Christoph Müller-Stoffels

Der Rummel um die virtuelle Welt Second Life ist ziemlich abgeebbt und hat anderen Meldungen Platz gemacht. Abseits medialer Einschätzungen entwickelt sich das Metaversum aber weiter. Das große Potenzial, das im dreidimensionalen Internet steckt und im Medienhype nur eine Randnotiz war, wird langsam erschlossen. Die Nachbildung Berlins hat dabei eine Vorreiterrolle inne.



Von der Weltzeituhr sind es nur ein paar Schritte bis zum Kulturbahnhof, wo gerade Jakob Mebes und Sebastian Dsenne eine Auswahl ihrer Werke präsentieren. Direkt dahinter kommt der Fernsehturm, in dem sich der TV-Sender TV.B ein Studio eingerichtet hat. Geht man in die andere Richtung, findet man das Haus des Lehrers, das zwischen 1962 und 1964 entstandene erste Hochhaus am Alexanderplatz. Man kann natürlich auch hinfliegen, denn wir befinden uns in newBerlin, dem virtuellen Nachbau der deutschen Hauptstadt.


Seit Mitte November diesen Jahres steht dort auch das Einkaufszentrum ALEXA, das zwei Monate zuvor am wirklichen Alexanderplatz seine Tore geöffnet hatte (Bilanz der Eröffnung: 15 Verletzte). Es ist damit die erste reale Mall, die eins zu eins in Second Life nachgebaut wurde. Mittelfristig sollen alle Ladeninhaber des realen ALEXA auch virtuell über ihre Produkte informieren, virtuelle Artikel an Avatare ausgeben und via SL einen Online-Shop für reale Produkte betreiben. Dieses ehrgeizige Ziel hat sich zumindest der Mall-Betreiber Sonae Sierra gesetzt.

Hierin liegt sicherlich eine der neuen Vermarktungsmöglichkeiten via dreidimensionales Internet. Online-Shopping kann so zum Gemeinschaftserlebnis werden, was derzeit schlicht nicht der Fall ist. Berlin ist nicht die einzige Stadt, die versucht, sich durch einen virtuellen Nachbau neue Geschäftsfelder zu erschließen. Die Erbauer von Frankfurt Virtuell, der ersten deutschen Stadt in SL, etwa bieten an, Werbebanner im Metaversum mit den Sites des zweidimensionalen Internets zu verbinden. Das virtuelle Amsterdam wurde im Juni von 3dutch.com, einer3D-Plattform des niederländischen Unternehmens BOOM BV übernommen.

Die virtuelle deutsche Hauptstadt hat sich mittlerweile in Second Life etabliert und erlebt laut ihrem Betreiber einen "enormen Zustrom". Allerdings ist das relativ zu sehen, denn sehen, denn da sich nach wie vor im Schnitt nur etwa 20-50.000 Avatare auf über 800 virtuellen Quadratkilometern verlieren, ist auch newBerlin in der Regel vereinsamt. Bei einem Rundgang über den virtuellen Weihnachtsmarkt vor der Mall begegne ich keiner Avatar-Seele.

Second Life, so wird immer wieder beschworen, stecke voller kreativer Energie. Die scheint sich aber zum Teil darin zu erschöpfen, real existierendes nachzubauen und genauso zu benennen. Allerdings ist das keine wirklich neue Erkenntnis, wie das reale New York, New Orleans oder die vielfältigen Berlins in den realen USA bezeugen.

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