Doom Metal & Jazz

Ben Krahl von Bensnburner: "Eine gewisse Darkness fasziniert mich"

Valentin Heneka

Für das dritte Album seiner Band Bensnburner hat sich der Freiburger Ben Krahl mehrere Monate in einer alten Halle eingeschlossen. Wie sie seine Musik beeinflusst und was sie mit seinem längst abgeschlossenen Jazz-Studium zu tun hat, erklärt der Bassist im Interview.

Für dein neues Album "Noclip", das am Freitag erscheint, hast du dich in einer stillgelegten Industriehalle in Emmendingen eingemietet. Wie kam es dazu?

Ben Krahl: Ich habe Jazz studiert. Da kriegst du erstmal eine Gehirnwäsche: Du musst funktionieren wie eine Maschine, für Emotionen gibt es wenig Platz. Mit der Zeit – das Studium habe ich vor zehn Jahren abgeschlossen – wurde Langsamkeit ein großes Thema für mich. Sie war auch der Hauptgrund, eine Halle anzumieten. Jeder Ton klingt bis zu sieben Sekunden nach. Ich dachte, dass bei so viel Hall jazziges Abwichsen gar nicht möglich sei und, egal wer, langsam machen muss. Jetzt habe ich zwar völlig andere Erfahrungen gemacht, aber ich bin dennoch froh, es gemacht zu haben. Auch, weil man in solchen Räumlichkeiten Klang neu erleben kann.

Als Bassist mit ein paar Jahren Erfahrung weiß ich, wie ein Basston klingt. Meine Aufmerksamkeit gilt in der Regel dem Stück, das ich gerade spiele. In der Halle ist es anders. Da habe ich mich manchmal an meine Tochter erinnert gefühlt, die auf irgendetwas rumhaut und Spaß dabei hat. Zu versuchen, an diesen Punkt zu kommen, kann ich allen Musikern nur empfehlen. Die Halle war Teil des Album-Konzepts, 90 Prozent der Stücke sind hier entstanden. Die Interpretationen der Soundtrack-Ausschnitte von Blade Runner und Twin Peaks, die uns schon länger begleiten, wurden auch komplett in der Halle aufgenommen.



Wie lang warst Du in der Halle?

Ich hatte die Halle für ein Jahr. Im Mai diesen Jahres bekam ich, als ich gerade mit Äl Jawala auf Tour war, eine SMS: Die Halle steht unter Wasser. Zum Glück hatte ich nur ein paar kaputte Kabel und Boxen zu beklagen. Das war dann der Schlussstrich unter der Sache. Wäre das nicht passiert, würde ich immer noch in der Halle sitzen und Gigabytes an Aufnahmen anhäufen. Früher war dort eine Firma untergebracht, bei der ich mal einen Ferienjob absolviert habe – ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal da bin.

"In meinem Hauptberuf als Profimusiker muss ich immer Kompromisse eingehen, Bensnburner ist die Alternative dazu."

Du bezeichnest Bensnburner als soziales Kollektiv oder auch als dein "Open World/Sandbox-Game". Was darf man sich darunter vorstellen?

Bensnburner ist meine Spielwiese zum Experimentieren. In meinem Hauptberuf als Profimusiker muss ich immer Kompromisse eingehen, Bensnburner ist die Alternative dazu. Es geht darum, zu demonstrieren, dass man es anders machen kann, um ein Ausbrechen aus der Normalität und das Zusammenbringen von Menschen. Dann entsteht irgendetwas – meistens ist es Musik.



Wie entstehen Bensnburner-Stücke?

Mit vielen, mit denen ich über die Zeit zusammengearbeitet habe, bin ich eng zusammengewachsen und befreundet. Ich kenne die anderen und ihre Erfahrung. Die anderen wissen, wie ich denke und ich muss niemandem mehr seine Melodie notieren. Wichtig ist mir, dass jeder seine Persönlichkeit einbringt. Meist gebe ich einen Impuls, indem ich eine vorproduzierte Strophe oder eine Stimmung vorspiele und wer auch immer gerade da ist, reagiert darauf.
Zur Person:

Ben Krahl, 1984 in Emmendingen geboren, ist Gitarrist bei Äl Jawala, unterrichtet an der Macromedia Hochschule und veröffentlicht am 27. September 2019 mit "Noclip", das dritte Album seiner eigenen Band Bensnburner. Eine LP wird Anfang 2020 erscheinen.

Das neue Album wurde also in einer ähnlichen Besetzung aufgenommen, wie das vorherige?

Die Besetzung war ähnlich, aber der Aufnahmeprozess war noch offener. Ich habe viel Zeit alleine mit Aufnahmen in der Halle verbracht. Manches habe ich, zum Beispiel mit Harald Kimmig (Improvisations- und Jazz-Violinist, Anm. d. Red.), in einer Duo-Besetzung aufgenommen. Anderes in Sessions mit meinen treuen Begleitern. Manchmal haben wir minutenlang nur lange oder kurze Töne gespielt und aufgenommen. Die anderen wussten dabei nicht immer, was ich damit will: Manches habe ich Techno-Produzenten gegeben, Björn Peng, Chris Uenay, Konrad Dycke und Jens Montana haben daraus Remixe gefertigt. Produzentinnen habe ich trotz intensiver Suche leider keine gefunden – wer sich angesprochen fühlt, darf sich gerne bei mir melden.



Auf dem vorherigen Album finden sich noch loungige Neo-Soul-Stücke. Hat es auch mit der Halle zu tun, dass der Bensburner-Sound immer düsterer wird?

Durch die Halle überwiegt schon ein eher dunklerer Sound. Ich komme ja ursprünglich aus der Metal-Ecke, eine gewisse Darkness fasziniert mich. Insbesondere wenn sie auf Dur-Terzen basiert, wie oft bei Nine Inch Nails oder Miles Davis der Fall, wirkt sie als musikalische Formel sehr anziehend auf mich. Ich habe auch viel mit Verzerrern experimentiert – bis zu dem Punkt, an dem ein Mehr dazu führen würde, dass es keine Musik mehr wäre.

"Musikalisch ist das neue Album experimenteller als alles Vorherige."

Wird es Live-Auftritte geben?

Ich hätte ja gerne ein Release-Konzert in der Halle gegeben, wäre sie nicht für Publikumsverkehr ungeeignet, da lebensgefährlich. Soweit es die Touren von Äl Jawala zulassen, versuche ich aber Auftritte auf die Beine zu stellen. Musikalisch ist das neue Album experimenteller als alles Vorherige – wir passen sowohl zu Jazz- als auch zu Metal-Festivals mit offenem Publikum. Sowas würde ich gerne als Trio machen, nicht mehr als fünfzehn-köpfige Bigband oder als Quintett. Das ist auch beeinflusst durch die Halle: Man musste aufpassen, dass nicht zu viel passiert.
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