Bekam ein Südbadener den ersten Strafzettel der Welt?

Max Schuler

Mercedes wirbt derzeit damit, dass vor 121 Jahren ein Denzlinger den ersten Strafzettel der Welt bekam. Unser Autor hat sich auf Spurensuche begeben: War Alexander Gütermann der erste Raser überhaupt?



"Mit Ihrem Benz-Motor-Pferd sind sie nachmittags zwei Uhr mit einer derartigen Geschwindigkeit durch Denzlingen gefahren, dass in einer Wirtschaft die Vorhänge geflattert haben." Deshalb soll Alexander Gütermann aus Gutach am 16. Mai 1895 zu einer Geldstrafe von drei Mark verdonnert worden sein.


Der Autobauer Mercedes-Benz hat mit diesem historischen Dokument eine Werbekampagne gestartet und behauptet, dass dies der erste Strafzettel der Welt ist. Aber stimmt das?

Der in der Werbung verwendete Strafzettel existiert tatsächlich – zumindest eine Abschrift davon. Diese liegt im Archiv des Automobilmuseums "PS.Speicher" im niedersächsischen Einbeck. Dort ist seit 2014 auch das Gefährt zu sehen, mit dem Gütermann damals durch Denzlingen gerast ist. Es handelt sich um den Patent-Motorwagen Benz Victoria, der auf den ersten Blick aussieht wie eine Kutsche, aber für den Erfinder des Automobils, Carl Benz, zeitlebens das Lieblingsauto gewesen sein soll.

Auf ebener und befestigter Straße waren mit dem Benz Viktoria 30 Stundenkilometer möglich. Da die meisten Wege allerdings für Pferde ausgelegt waren, konnte das Auto maximal eher 15 bis 20 km/h schnell fahren. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit betrug im Großherzogtum Baden seinerzeit 12 km/h außerorts und 6 km/h innerorts.

Leichte Zweifel an der Echtheit des Dokuments

Der Nähseidenfabrikant Gütermann soll die 99. Benz Viktoria im Sommer 1894 in Mannheim gekauft haben. Laut Mercedes-Benz hat er dafür 4075 Mark bezahlt – 200 Mark mehr als im Prospekt angegeben, wegen des stärkeren Motors mit vier statt drei PS. "Alexander Gütermann hatte das erste Auto im Elztal", sagt die Waldkircher Stadtarchivarin Juliane Geike. 115 Jahre befand sich das Auto in Familienbesitz, bevor es an das Museum in Niedersachsen verkauft wurde.

Zwar wirbt das Museum damit, dass für dieses Auto der wahrscheinlich erste Strafzettel der Welt ausgestellt wurde. Auf Nachfrage bei der Geschäftsleitung des Museums werden aber doch leichte Zweifel geäußert.

"Wir sind uns da nicht hundertprozentig sicher, ob es tatsächlich der Erste ist", sagt Verena Ludwig aus der Marketingabteilung. Zur Zeit des Ausstellungsdatums hätte es in den Landesteilen verschiedene Kategorien für Ordnungswidrigkeiten gegeben, deswegen sei es schwierig, dies exakt zu überprüfen.

In der Marketingabteilung von Mercedes-Benz ist man auch vorsichtiger in der Wortwahl, als in der Werbeanzeige zu lesen war. "Ob das tatsächlich der allererste Strafzettel der Welt war, mag ich nicht wirklich beschwören – zumindest ist er aus der frühesten Frühzeit des Benzin-Automobils, und bei unseren Recherchen haben wir keine konkreten Hinweise auf frühere Automobil-Strafmandate gefunden", sagt Gerhard Heidbrink.



Zweifel auch, weil der Strafzettel mit Schreibmaschine verfasst wurde

Einige Historiker äußerten Zweifel an der Echtheit des in der Werbeanzeige abgebildeten Strafzettels, weil dieser in Schreibmaschinenschrift geschrieben wurde, was um 1895 eher ungewöhnlich war. Die Schrift irritierte auch die Waldkircher Stadtarchivarin Geike.

"Schreibmaschinengetippte Schriftstücke treten in den städtischen Akten eigentlich nicht vor 1910 auf." Ausgestellt hatte das Schriftstück ein Oberamtmann Krohn vom Großherzoglich Badischen Bezirksamt. "Mir ist aufgefallen, dass sich der in der Werbung erwähnte Oberamtmann 1895 noch gar nicht in Waldkirch befand, sondern erst ab 1899 hier seinen Dienst verrichtete", sagt Geike.

Der Ausstellungsleiter des Museums, Sascha Fillies, erklärt die Sache mit der Maschinenschrift. Das liege daran, dass es sich um die Abschrift des originalen Strafzettels handle: "Diese muss Jahre später gemacht worden sein. Mit Maschine hat man 1895 noch nicht flächendeckend gearbeitet – und schon gar nicht in den Amtsstuben", bestätigt er.

Die Urenkelin des Temposünders

Alexandra Gütermann ist die Urenkelin des in Denzlingen erwischten Temposünders. Sie lebt in Gutach, hat die Familienchronik verfasst und erinnert sich noch gut an die Geschichten über den alten Benz. "Bäuerinnen bekreuzigten sich vor Schreck am Wegesrand, als mein Urgroßvater an ihnen vorbeifuhr."

Pferde scheuten angesichts der neuen Konkurrenz im Transportwesen. Auch der Strafzettel sei Gegenstand zahlreicher Geschichten gewesen. Sie ist sich sicher, dass das Datum 18. Mai 1895 stimmt – auch wenn sie das Original nicht mehr finden kann. Ihr Großvater Paul Gütermann habe die Echtheit des Schriftstücks mit seiner Unterschrift bezeugt.

Welche Vorhänge haben gewackelt? Na die im Ochsen, sagt der Historiker



Bleibt noch zu klären, welche Vorhänge Alexander Gütermann in Denzlingen zum Flattern brachte? Denzlingens Ortshistoriker Dieter Ohmberger ist sich ziemlich sicher, dass es sich bei der erwähnten Gaststätte nur um den Ochsen handeln kann (heute Pizzeria Belvedere). Er geht davon aus, dass Gütermann auf der alten B 294 von Freiburg nach Gutach unterwegs war. Und solange kein älterer Strafzettel auftaucht, wird Alexander Gütermann weiterhin der erste dokumentierte Temposünder der Automobilgeschichte bleiben.

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[Foto 1: Mercedes-Benz, Foto 2: privat]