Beim Medizin-Check der SC-Spieler: Bin ich fit wie ein Profi?

Marius Buhl

Wenn der SC Freiburg einen Neuzugang präsentiert, war der zuvor in der Sportmedizin der Uniklinik beim Medizin-Check. Wie so ein Check abläuft, hat fudder-Redakteur Marius Buhl im Selbstversuch heraus gefunden. Die Frage, die ihn umtrieb: Könnte er der nächste Neuzugang des SC Freiburg sein?



„Wer ist das?“, flüstert ein junger Sportler seiner Mutter zu, als ich durch die sportmedizinische Abteilung in der Uniklinik Freiburg gehe. Ich trage eine weiße Hose, Sportschuhe und dazu das rote Trikot des SC Freiburg. Der Junge hält mich für die nächste Neuverpflichtung des Sportclubs. Natürlich liegt er falsch. Aber nicht ganz: Einen Tag lang werde ich heute in die Rolle  eines Neuzugangs schlüpfen und den Medizintest der SC-Spieler absolvieren. Mit Leistungsdiagnostik, Blutuntersuchung und Körpervermessung.


Auf dem Gang begrüßen mich Thorsten Hammer und Gerrit Bode. Die beiden sind die Mannschaftsärzte des Sportclubs, sie begleiten die Kicker zu Trainingslagern, Heim- und Auswärtsspielen. Zweimal im Jahr kommen Mehmedi und Co. zu ihnen in die Klinik, um Leistungswerte zu ermitteln – einmal nach dem Sommerurlaub und einmal an Weihnachten. Auch jeder Neuzugang muss den Test  machen. „Wir machen das nicht nur für den SC, um den Spieler auf seine Tauglichkeit zu testen, sondern auch, weil wir dem Spieler gegenüber seine Gesundheit garantieren möchten“, sagt Thorsten Hammer. Am Montag sei der neue SC-Stürmer Dani Schahin zum Check da gewesen, am Dienstag die Neuverpflichtung aus Kaiserslautern, Marc Torrejón. Beide Spieler bekamen nach dem Test ein „Ja“. Danach wurden die Verträge unterschrieben.

Mich interessiert natürlich: Kann ich selbst mit den Profis mithalten? Könnte ich der nächste Neuzugang sein? Wäre ich den Anforderungen des Athletiktrainers Simon Ickert gewachsen?



Erster Test: Ruhe-EKG. Durchsichtige Saugknöpfe kleben auf meinem Oberkörper, sie ermitteln die elektrische Aktivität meines Herzens. Ergebnis: Alles gut, das Herz schlägt rhythmisch. Dann wird mein Körper vermessen: Größe, Gewicht, Taillenumfang, Körperfettanteil. „Diese Parameter sind sehr wichtig, anhand ihrer können wir sehr schnell erkennen, wie ein Spieler drauf ist. Wir kennen ja seine Optimalwerte“, sagt Stephan Prettin, der den internistischen Teil des Medizinchecks leitet. Und meine Werte, wie liegen die im Vergleich zu den Profis? Prettin muss lachen: „Wenn Sie so aus dem Urlaub zurückkommen würden, dann gäbe es eine herbe Standpauke vom Athletiktrainer.“ Was der Athletiktrainer sagen würde, wenn ich so zum ersten Spiel erscheinen würde, will ich mir gar nicht ausmalen.

Raumwechsel, Fragestunde. Trinken Sie Alkohol? Gelegentlich. Rauchen Sie? Nein. Allergien? Nein. Andere Probleme? Nein. Stephan Prettin bescheinigt mir eine ausgezeichnete Gesundheit. Auch der Ultraschall bestätigt das: Mein Herz schlägt fehlerlos, der Internist entdeckt keine Anomalien. „Sie sind absolut gesund. Von den SC-Spielern kann man das nicht immer sagen. Viele denken: Wenn ich fit bin, dann bin ich auch gesund. Das ist ein Trugschluss.“

Besonders durch die Austrainiertheit der Spieler werde das Immunsystem geschwächt. Dadurch seien die Spieler vor allem in englischen Wochen sehr krankheitsanfällig. „Dann kommt hier ein Spieler nach dem anderen rein, da haben wir ordentlich zu tun.“ Verletzte Spieler würden laut Prettin in Freiburg aber nicht fit gespritzt: „Da ist der Sportclub ein hervorragender Arbeitgeber. Wenn einer nicht spielen kann, dann spielt er nicht. Schmerzmittel und Spritzen bewirken nur eines: Der Spieler geht kaputt. Das will auch der Verein nicht, der Spieler ist ja schließlich viel Geld wert.“

Auf dem geschichtsträchtigsten Laufband der Republik

Es wird Ernst: Wacklig stehe ich auf einem der geschichtsträchtigsten Laufbänder der Republik. Die Luft ist muffig, es riecht nach Ruhm und Skandalen. Hier wurden Champs jeglicher Sportarten auf ihre Fitness getestet: Sven Hannawald, Martin Schmitt, Matthias Ginter. Auf dem Fahrrad nebenan radelten einst Jan Ullrich und die Kollegen vom Team Telekom, daneben standen die Dopingärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich und beobachteten, wie sich die leistungsfördernden Substanzen auswirkten. „Diese Zeiten sind vorbei“, sagt Stephan Prettin. „Überdies haben wir Internisten heute strenge Auflagen. Wir dürfen den SC Freiburg nicht mehr an den Spielfeldrand begleiten, das hat die Leitung der Klinik angeordnet. Dafür sind nun die Orthopäden Hammer und Bode zuständig.“

Thorsten Hammer und Gerrit Bode lösten im Oktober 2013 den vormaligen Mannschaftsarzt Andreas Aust ab. Die beiden sind Hüter eines Geheimnisses: den Fitnessdaten. Wer ist der fitteste SC-Kicker? „Das dürfen wir nicht sagen.“ Wurden Neuzugänge im Leistungscheck abgelehnt? „Keine Namen.“ Wurden beim Ausleihen des verletzungsanfälligen Vaclav Pilar Fehler gemacht? „Nein.“ Etwas erfährt man doch: Vladimir Darida gehört zu den konditionell Stärksten; ein anderer Spieler, der damals mit ihm kam und den Verein inzwischen wieder verlassen hat, war alles andere als top trainiert.

Das Laufband läuft mit sechs Stundenkilometern an, ich kann beinahe gehen. „Freuen sie sich nicht zu früh“, sagt die Medizinisch-Technische Assistentin Andrea Pippers, die den Laufbandtest mit mir macht. „Es wird noch härter.“ Dann hält sie kurz das Laufband an, piekst mir ins Ohrläppchen und presst Blut heraus. Das beschriftet sie und stellt es in eine Plastikbox. „Das Blut werten wir aus, wir können darin deinen Laktatgehalt nachmessen.“ Laktat ist ein Salz der Milchsäure. Es entsteht, wenn der Körper ohne Sauerstoffzufuhr Energie gewinnen muss. „Das Laktat sagt uns später sehr genau, wie fit jemand ist, mit welcher Herzfrequenz er trainieren soll und wie er im Vergleich zu den anderen Menschen steht“, erklärt Prettin.



Immer drei Minuten dauert eine Stufe. Auf sechs Stundenkilometer folgen acht, auf acht zehn und immer so weiter. Nach jeder Stufe entnimmt mir Andrea Pippers Blut am Ohr. Zusätzlich bin ich erneut verkabelt, auch unter Anstrengung soll ein EKG meine Gesundheit überprüfen. Bis zwölf Stundenkilometer fällt mir das Laufen leicht, 14 sind bereits deutlich anstrengender, bei 16 schnappe ich nach Luft. „Willst du aufhören?“, fragt Pippers. Nein, eine Stufe geht noch: Eine Minute und 30 Sekunden renne ich noch bei 18 Stundenkilometern, dann rufe ich laut „Stopp“. Der Schweiß tropft, mein Herz pumpt wie verrückt. Ich kann nicht mehr. „Auslaufen“, befiehlt Andrea Pippers. „Das machen die SC-Spieler auch so.“

Die Auswertung meiner Ergebnisse nimmt Stephan Prettin vor. Anhand meiner Laktatwerte bestimmt er meine anaerobe Schwelle, er legt fest, bei welcher Herzfrequenz ich trainieren müsste und berechnet meine hypothetische Marathonzeit: rund 3 Stunden 30 Minuten. Mein Herzvolumen ist überdurchschnittlich groß, mein Body-Mass-Index dagegen leider zu hoch, auch mein Körperfettgehalt übersteigt den durchschnittlichen Wert der SC-Kicker.

Immerhin bin ich fitter als 85 Prozent der Männer meines Alters. Also wäre Athletiktrainer Simon Ickert begeistert von meinen Fitnesswerten? „Wohl kaum. Als Neuzugang hätten Sie so kaum eine Chance. Zumindest müssten Sie ein extremes Sondertraining einlegen.“ Enttäuscht blicke ich zu Boden. Stephan Prettin tröstet: „Andererseits glaube ich nicht, dass die anaerobe Schwelle eines Arjen Robbens viel höher liegt, der ist eher ein Sprinter. Vielleicht ist das bei Ihnen ähnlich.“ Ich strahle. Herr Ickert, ich bin bereit!