Literaturhaus

Beim Freiburger Bücherstammtisch kommen Leseratten auf ihre Kosten

Lisa Petrich

Seit 2016 organisiert Ayasha Mack mit dem Freiburger Literaturhaus einen Bücherstammtisch, bei dem sich Leseratten über Themen der Belletristik austauschen. Die Besonderheit: Ayasha hat nur nur noch zwei Prozent Sehrest.

Bücherwürmer aufgepasst: Einmal pro Monat trifft sich der Freiburger Bücherstammtisch – eine Gruppe von Buchliebhabern und Leseratten, oder wie Ayasha Mack sie nennt, "Buchlingen". 2016 hat Ayasha den Stammtisch ins Leben gerufen, nach dem sie sich schon lange gesehnt hatte.


Ihr Wunsch war es, einen Raum für offenen Austausch und lebendige Gespräche rund um die Welt der Bücher anzubieten – und das setzt die 25-Jährige seit drei Jahren erfolgreich in die Tat um.

Auf dem Blog rezensiert sie Bücher und Hörbücher

"Ich fand die Idee schön, direkt hier in Freiburg meine Bücherwürmer zu haben und nicht ständig auf die Buchmessen warten zu müssen", sagt Ayasha. "Hier gibt es so viele Buchhandlungen, da dachte ich, dass es doch auch interessierte Leute geben muss, die sich über Bücher austauschen möchten." Und da lag Ayasha richtig. Der Bücherstammtisch befindet sich seither im wandelnden Prozess. Worum es bei einem Treffen gehen soll, kündigt Ayasha im Voraus immer auf ihrem Blog "Ge(h)schichten" unter dem Namen Emma Zecka an.

Auf dem Blog, den sie 2014 gegründet hat, rezensiert sie Bücher und Hörbücher, berichtet über die Stammtischtreffen und erzählt davon, wie sie mit ihrer Sehbehinderung beim Lesen und im Alltag zurechtkommt.

Ein Problem, aber kein Hindernis

Ayasha ist nämlich seit ihrer Geburt auf dem linken Auge blind und auf dem rechten hochgradig sehbehindert, sodass sie einen Blindenlangstock benötigt, um sich draußen zu orientieren. Mit nur noch zwei Prozent Sehrest wird sie offiziell als "blind" eingestuft.

Das hält die lesebegeisterte 25-Jährige allerdings nicht davon ab, drei bis fünf Bücher im Monat zu verschlingen, einen Buchblog zu führen und nebenher den Freiburger Bücherstammtisch zu organisieren. Außerdem studiert sie Soziale Arbeit in Freiburg und schreibt bald ihre Bachelorarbeit. Wie sie das meistert? Kinderleicht, so scheint es – denn die Studentin hat Wege gefunden, wie sie im Alltag zurechtkommt und nicht auf den Genuss eines guten Buches verzichten muss.

"Ich mache es noch, solange ich es kann, aber ich merke, dass ich langsam auf Punktschrift umsteigen sollte." Ayasha Mack
Natürlich dauert das Lesen bei Ayasha länger als bei anderen Bücherwürmern, aber dank eines speziellen Bildschirmlesegeräts, bei dem sie Schriftgröße, Helligkeit und Kontrast individuell einstellen kann, wird auch Sehbeeinträchtigten wie ihr das Lesen ermöglicht. Mittlerweile greift Ayasha auch gerne zum Hörbuch, wenn die Fassung ungekürzt ist und ihr der Sprecher oder die Sprecherin zusagt.

Mit der Zeit hat sich allerdings einiges an ihrem Sehvermögen geändert. "Früher hatte ich noch 30 Prozent Sehrest und deutlich besser gesehen. Da konnte ich noch mühelos hundert Seiten an einem Tag lesen. Heute schaffe ich das, wenn es gut läuft, in einer Woche", sagt Ayasha. "Ich mache es noch, solange ich es kann, aber ich merke, dass ich langsam auf Punktschrift umsteigen sollte."

Ein Bücherstammtisch voller Herzblut

Wie viel Ayasha erkennen und lesen kann, ist auch tagesformabhängig. Aber egal, ob sie gerade einen guten oder schlechten Tag hat – in den Bücherstammtisch steckt sie ihre volle Energie. Auch alle anderen Mitglieder der Gruppe sind Herz und Flamme für die Welt der Bücher. Es wird in einem sehr lebendigen Ton über verschiedenste Geschichten, die Ordnung im Bücherregal oder die bisher ungelesenen Titel, die bei jedem noch auf der "To-Do"-Leseliste stehen, diskutiert.

"Wir besprechen hier kein bestimmtes Buch, sondern haben verschiedene Themen. Dazu kann man gerne Bücher mitbringen, ob Krimi oder Liebesroman bleibt jedem selbst überlassen", meint Ayasha.

Studentinnen zwischen 20 und 30

Im März stand das Treffen unter dem Überthema "Mein (Hör-)Buchregal". Dabei wurde lebhaft diskutiert, wie viele Bücher jeder in seinem Zimmer verstaut hat und nach welchem Prinzip alles sortiert wird. Durch die Gespräche erfährt man auf unterhaltsame Art und Weise einiges über die anderen Teilnehmer der Gruppe und erhält gleichzeitig neue Buchtipps.

Während einige Stammtischler weit über 200 Bücher besaßen und sie in alphabetischer Reihenfolge nach Autor und Titel sortierten, zählten andere rund 50 Bücher und verstauten sie teils unter ihrem Bett. Und dann gibt es da noch die Harry-Potter-Fraktion: "Je näher andere Bücher bei meiner Harry Potter Reihe stehen, desto mehr mag ich sie", erzählt eine Buchliebhaberin aus der Runde.

Der Stammtisch besteht bisher hauptsächlich aus Studentinnen zwischen 20 und 30 Jahren mit ganz unterschiedlichem Buchgeschmack. Ayasha freut sich aber über jedes neue Gesicht. "Man muss kein Vielleser sein, um etwas von unseren Treffen mitnehmen zu können. Was das Lesen betrifft, sind wir alle sehr verschieden und unterschiedlich schnell", sagt sie, "wichtig ist nur, dass man eine Zeit lang aktiv gelesen haben muss und Interesse für Literatur und dem Austausch darüber mitbringt."

Zukunftsträume

Ayasha hofft, dass der Bücherstammtisch weiterwachsen und sich entwickeln wird. Für ihre berufliche Zukunft würde sie auch gerne mit Büchern arbeiten, weiß aber, dass ihr durch das eingeschränkte Sehvermögen auch Grenzen gesetzt sind.

"Mein Traum für die Zukunft wäre, dass ich einen Job finde, der mir Spaß macht und von dem ich leben kann. Gerade studiere ich Soziale Arbeit, aber in letzter Zeit habe ich immer mehr bemerkt, dass mir auch die Arbeit in einem Verlag großen Spaß machen würde. Ich glaube allerdings, dass ich dafür fachlich nicht qualifiziert genug bin", sagt sie. "Ich kann einige Dinge aufgrund meiner Behinderung einfach nicht machen, wie beispielsweise auf einer Buchmesse alleine einen Stand betreuen. Ich würde es schlicht und ergreifend nicht sehen, wenn ein Kunde fragend umherschaut, weil ich keinen Blickkontakt aufnehmen kann."

Ayashas Leidenschaft gilt aber nicht nur dem Bücherlesen und -hören, denn sie schreibt auch selbst gerne Geschichten. Ihren aktuellen Roman möchte sie dieses Jahr gerne abschließen und anschließend an Literaturagenturen schicken. "Ein Mix aus halbtags in einer sozialen Einrichtung arbeiten und den Rest des Tages Bücher schreiben wäre sehr cool", meint die 25-Jährige.

Doch bis dieser Traum in Erfüllung geht, widmet sie sich der Welt der (Hör-)Bücher und Geschichten und leitet weiterhin leidenschaftlich ihren geselligen Bücherstammtisch.
Info

Die nächsten beiden Treffen des Bücherstammtischs finden am Montag, den 8. April und am 20. Mai statt. Um 17.20 Uhr treffen sich die Mitglieder und Interessenten vor dem Eingang der Rombach Buchhandlung und gehen dann gemeinsam in ihren Raum im Literaturhaus. Wer Interesse hat, kann sich gerne vorher bei Ayasha unter EmmaZecka@gmx.de anmelden oder einfach spontan dazustoßen.