Bdolf erklärt: Fleischlego, was ist das eigentlich?

David Weigend

Das ist Thomas Wehler (52), er nennt sich auch Bdolf. Wehler ist Sänger und Texter der Freiburger Band Fleischlego, die am Freitag im White Rabbit mit einem Konzert ihre Wiedervereinigung feiert. Die Idee von Fleischlego lässt sich nur schwerlich auf einem Bierdeckel aufschreiben. Aber es lohnt sich, Bdolf ein wenig erzählen zu lassen. Auch, wenn es manchmal ein bisschen wirr wird.



„Nonsense war da eigentlich gar keiner dabei. Ich habe das ja mal als Hyperrealismus bezeichnet. Was viele Leute als Zuspitzung empfinden, sehe ich als eine Art, in unserer Gesellschaft überleben zu können. Ich finde, dafür muss man Filtermechanismen ausbilden. In meinen Augen haben die meisten Menschen eine sehr seltsame Weltsicht. Sie haben eine dicke Mauer um sich errichtet, um diesen ganzen Mist aushalten zu können. Wenn man sich diesem Mist aussetzt und dieses Sichaussetzen dann entsprechend formuliert, wird das als etwas extrem Sonderbares wahrgenommen. Das Sonderbare finde ich hingegen, dass man sich an diesen ganzen Mist so schnell gewöhnt. Sich zwangsläufig daran anpasst.“


Eine Interviewpassage aus dem Gespräch mit Thomas Wehler (52), berufstätig im Regierungspräsidium Freiburg, Referat 26, Denkmalpflege. Im Privatleben ist er Sänger und Texter der Freiburger Polit-Sex-Trash-Hardcore-Band Fleischlego, eine Gruppe, die seit 1989 existiert. Wer verstehen will, was Fleischlego ist, setzt sich am besten mal mit Wehler zusammen.

Der nennt sich übrigens auch Bdolf, der dunkelste Denker und trinkt an diesem kalten Betzenhausener Novemberabend Tee im trauten Heim, nachdem es gestern, beim Kommando Sonne-nmilch-Konzert, etwas später wurde. Vielleicht sollte man doch erst ein wenig Biographisches anreißen, bevor man die metaphysisch dampfenden Bestandteile des Fleischlegoturms in Augenschein nimmt.

Der Denkmalpfleger mit dem Ramones-Shirt entstammt dem Schoße des Markgräflerlands, wuchs in Müllheim auf. „Eine etwas extreme Kleinstadt zu meiner Jugendzeit“, sagt er. Um nicht zu veröden, tat er sich mit Leuten zusammen, die er in einem urbaneren Umfeld gemieden hätte. Sehr ausgefallene Menschen. „Nicht umsonst hießen wir in Freiburger Hausbesetzerkreisen Der Müllheimer Schrecken.“

Schwarzwaldhof, Dreisameck, all diese Wegmarken des Freiburger Aufbegehrens hat Wehler miterlebt. Denn er war Punkrocker und Punkrock war im Freiburg der 1980er Jahre immer mit dem Hausbesetzerumfeld vernetzt, weil keine anderen Auftrittsmöglichkeiten existierten. „Wer heute durch Freiburg geht, kann sich gar nicht vorstellen, wie trostlos diese Stadt Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre war. Damals gab es den Roten Punkt und die Tangente. Da kam unsereins nur rein, wenn drinnen nichts los war. Ansonsten war nur die gepflegte Studentenschaft gern gesehen.“

Zu jener gehörte der Müllheimer Schrecken eher nicht. Wehler spielte zuerst Dorfhardrock im Magdeburger Vibrationsensemble, danach in der Fließband und bei Sodom und die Gomorrhas. Er lernte Mitch kennen, den heutigen Walfischchef, damals der Erste in Freiburg mir richtiger Irokesenfrisur. Wehler erzählt, wie er Mitch erstmals sah: Mitch spuckte einem Lederjackenpopper eine halbe Stunde lang von hinten an, bis der ganze Schmodder, ohne dass der Popper es merkte, in einem zähen Schleimbach über die Lederjacke floss.



Als Wehler 31 war, gründete er das Trio Fleischlego. Liezl spielte Schlagzeug, Cole Bass. Wehler alias Bdolf schrieb die Texte und spielte Gitarre. Man probte unterm Atlantik. Nach einem halben Jahr erschien auf Kalter Bauer-Tonträger die „Hass“-EP, unter anderem mit dem Titel „Peter Frankenfeld brachte das Heroin in unser Dorf“. Fleischlego wurde zum Quartett und bestritt die ersten Gigs im Crash und im Abwärts in Oberrotweil.

„Wir versuchten, auf unseren Konzerten eine bestimmte Haltung wiederzugeben. Wir wollten Aggressivität projizieren – gegen die Gesellschaft, das System, den Menschen als solchen.“ Projektion und keine Explosion, das klingt nach Kunstgriff, nach Theorie. Und das war es auch. Fleischlego versuchten eine Art Gegenentwurf der typischen Rock-Ideologie mit ihrer behaupteten Authentizität, „etwas, was in Wirklichkeit etwas sehr Künstliches ist.“



Diesen Ansatz, so Wehler, muss keiner verstehen. „Frank Zappa hat ja mal schön gesagt: ,Es gibt maximal zehn Leute auf der Welt, die mich und meine Musik verstehen. Davon leben wahrscheinlich acht in Philadelphia.“ Als Wehler dieses Zappazitat bringt, lacht er, ohne dies bewusst zu tun, wie der Central Scrutinizer, jene durch und durch zynische Erzählerfigur aus Zappas Rockoper Joe’s Garage. Und wenn man ihn, Wehler, dann ganz naiv fragt, ob er sich als Zyniker sehe, sagt dieser nur vieldeutig: „Alle Zyniker sind in ihrem Inneren ja Humanisten. Sie haben nur eine andere Art, dies zu formulieren.“

1995 verabschiedete sind die Rhythmusgruppe von Fleischlego in Elternzeit. Am 10. Dezember spielt die Band im White Rabbit einen wiedervereinigten Gig in Originalbesetzung (plus My Ways Egbert Landes an der Gitarre. Auf der Setlist stehen auch die neuen Songs aus den „Amstetten Lounge Sessions“. Bdolf hat da textlich mit seinen Fleischlegosteinen etwas zusammengebaut, was beim ersten Hören ziemlich verstört, beim zweiten Hören aber anfängt, Spaß zu machen.

Es geht da, drunter macht's Bdolf inzwischen wohl nicht mehr, um Existenzialismus als Lebensstil. Bloß, und jetzt kommt wieder dieser, um es mal wertfrei auszudrücken, etwas ambivalente Fleischlegogedanke ins Spiel: Das Bild vom Existenzialistenkopf Sartre, wie er mit Pfeife am Nierentisch sitzt, schaltet Wehler zusammen mit dem Kellerverlies des Josef Fritzl in Amstetten, wo Natascha ein paar Routinen an der Stange tanzt. „Das ist ja auch ein sehr existenzieller Ort, eine sehr existenzielle Situation. Eine Situation, aus der man nicht mehr herauskommt. Das Gestell. Man ist ins Dasein gestellt.“



Wehler scheint das Collagieren Spaß zu machen. Er sucht sich ein paar Schrotthaufen aus der Welt, seien es Ereignisse, seien es Ideen, und kehrt daraus einen weiteren, noch größeren, herrlich stinkenden Schrotthaufen zusammen. Am liebsten sind ihm die Haufen, die mit Goldfolie bedeckt sind. Er macht sich lustig über Andreas Baaders ästhetisch etwas zurückgebliebenen Musikgeschmack („In Stammheim 1977 hörte er am liebsten Santana“) und Brigitte Mohnhaupt, die in einer Edelboutique festgenommen wurde. Außerdem scheint die Lust am Makabren bei Wehler mit dem Alter nicht kleiner geworden zu sein, wie seine Amokläufer-Hommage „Aus Spaß wird Ernst (Wagner)“ zeigt.

So richtig lustig wird’s, als Bdolf nach der dritten Tasse Tee auf die neue Fleischlego-Surfnummer "Pamela Anderson, flieg dein Nazi-Ufo!" zu sprechen kommt. Erotische Popfolklore meets Nazi Eso Underground. Es ist dies der Moment, da der Reporter kurz mal auf die Wand starrt und sich denkt, oh je, jetzt wird's richtig wirr.

Aber dann lacht Wehler wieder sein Central Scrutinizer-Lachen und sagt, ja, genau das sei aber doch menschlich.

Da hat er Recht. Und kurz hat man das Gefühl, verstanden zu haben, worum es bei Fleischlego eigentlich geht. Wehler sagt: „Mich fasziniert, inwieweit man dann tatsächlich seine Wirklichkeit rein subjektiv zusammenbauen kann, ohne auf konventionelle Wirklichkeitsmuster übertriebene Rücksicht zu nehmen.“

Fleischlego: Website& Hörproben der Amstetten Lounge Sessions   Bdolf: Website & Magical Mystery Mix

Was: Fleischlego und Monofones
Wann: Freitag, 10. Dezember 2010, 21 Uhr
Wo: White Rabbit, Leopoldring 1
Eintritt: 7 € (AK)

Beitrag im SWF über Fleischlego

Quelle: YouTube

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