Bayern beim SCF: Batzi, Schweini, Eigentor

Christoph Wendt & David Weigend

Der SC Freiburg hat heute gegen Bayern München mit 1:2 verloren. Wir haben versucht, das Geschehen nachzuzeichnen: Mit einer Reportage aus dem Gästeblock, mit einem Stimmungsbild von der Nordtribüne und mit Meinungen zum Spiel.



Im Gästeblock

Vorweg: Ja, ich bin Bayern-Fan. War ich immer und werde ich immer sein. Das ist was Genetisches.

Aber damit hat man es oft nicht leicht. Wenn der FC Bayern verliert, ist die Häme größer als bei allen anderen. Wenn man gewinnt, muss man sich auf der Heimfahrt in der Straßenbahn „Und schon wieder keine Stimmung FCB“ anhören. Seit der „Ära“ Klinsmann oft sogar beides auf einmal.

Ehrlich gesagt: Es stimmt ja. In der Allianz-Arena in München-Fröttmaning, die manche daheim gerne die „aufgeplatzte Weißwurscht“ nennen, beschleicht einen das Gefühl, dass viele lieber den Telekommunikationssponsoren des FC Bayern unterstützen als die Mannschaft. „Du Schatz, ich bin grad bei den Bayern. Ja, voll cool, ein Arbeitskollege ist krank geworden, ich hab´ seine VIP-Karte bekommen. Das Essen ist super.“ Und ich stehe daneben und kotze. Zu viele machen hier Bussi Bussi und zu wenige Ole Ole.



Deswegen war ich skeptisch, zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder auf ein Auswärtsspiel zu fahren. Kommen nach Freiburg auch nur solche Fans, die nur SMS-Schmatzerl nach Hause schicken wollen?

Zum Glück nicht. Im Gegenteil, es war großartig. Super Stimmung, ein 90-minütiger Dauergesang. Ich war stolz auf die Batzis. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich mich wieder wie ein Fan gefühlt. Und zwar nicht, weil Bayern gewonnen hat. Im Gegenteil, die Fans im Gästeblock waren am Schluss sogar sauer auf die Spieler. Dazu gleich mehr.



Jetzt muss erst einmal die Geschichte von Fabi (links) erzählt werden. Fabi ist 17, er kommt aus einem Dorf in der Nähe von Amberg und spricht ziemlich Fränkisch. Er ist Mitglied im Fanklub Red Dogs und natürlich gerade rotzedicht. Ein bisschen heiser ist er Anfang der zweiten Halbzeit auch schon, vom vielen Singen an der frischen Luft.



Ihm gefällt das Stadion. „Hier ist man ja nur fünf Meter weg vom Spielfeld, des ist scho super“, sagt er.

Bei aller Nähe: Vom Spiel bekommt er trotzdem nichts mit. Weil er doch hüpfen und singen muss und weil am Zaun direkt vor ihm, wie ein Vorhang, die Transparente der Fanklubs hängen. Er hat zwar gehört, dass Bayern in der ersten Halbzeit ein Tor gemacht hat. Aber wenn man ihm jetzt sagen würde, dass Freiburg 4:1 führt, er würde es wohl glauben. „Ich bin hier, um Stimmung zu machen, sonst nix.“ Das hört man gern von einem Bayern-Fan.



Sein Spezl Markus (oben rechts)bringt die Sache auf den Punkt. Er sagt einen Satz, der sich erstmal wirklich besoffen anhört, aber es heißt ja, Besoffene sagen die Wahrheit: „Man bekommt hier schon viel mehr mit, aber halt nicht vom Spiel.“

Fabi findet die Stimmung in der Münchner Arena übrigens auch schlecht, „außer bei Champions League-Spielen“, und er kämpft oft dagegen an. In Freiburg fällt das diesmal recht leicht, weil man ja spätestens nach dem 0:2 gar nichts mehr von der anderen Seite des Platzes zu hören bekommt – und man dort drüben wahrscheinlich umso mehr von den feiernden Bayern. Die Fans singen „FC Bayern meine Liebe, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee“ in einer Endlosschleife. Dazu ein herzlicher Pogo und am Schluss ist auch noch Zeit für was Politisches: „Gegen alle Stadionverbote!“



Es gibt sie also noch, die echten Bayern-Fans. Das mag euch Freiburgern vielleicht egal sein, vor allem nach diesem Ergebnis. Aber es ist wichtig, dass Deutschland es weiß: Bayern-Fans sind besser als ihr Ruf. Sie haben in Freiburg alle Vorurteile widerlegt.

Blöd ist nur, dass die Spieler des FC Bayern mal wieder alle Vorurteile untermauert haben. Nach dem Sieg sammeln sich fünf oder sechs von ihnen am Sechzehner, dann winken sie kurz den Fans und verschwinden. Und die sind empört. „Du, schreib´ des fei ja rein in deinen Bericht, dass die Spieler danach nicht zu den Fans gekommen sind“, sagt Markus, „des war scho echt schwach.“



Der Bus zurück nach Hause fährt für die „Red Dogs“ um 17.45 Uhr, eine halbe Stunde nach dem Spiel. Keine Zeit, die Stadt kennen zu lernen. Sie sind schon richtig viel rumgekommen, aber sie kennen eigentlich nur Deutschlands Autobahnen und 17 gegnerische Gästeblöcke.

Stimmung auf Nord

Die Stimmung in der ersten Halbzeit auf der Nordtribüne ist sagenhaft. Man hat wirklich das Gefühl, da steht eine südbadische Wand hinter Simon Pouplin, der in der ersten Halbzeit einmal mehr seine Leidenschaft für den Faustball zur Schau stellt. "Das ganze Stadion sollte deutlich machen, dass wir heute gegen den FC Bayern spielen", hatte Robin Dutt angesagt und die Fans kommen dieser Forderung nach.



Über NBU und WJF mag jeder seine eigene Meinung haben, aber gerade in den ersten 20 Minuten hat man den Eindruck, dass der Support, der von Nord-Mitte ausgeht, einen deutlichen Schub für die Spieler bringt. Das erste Gegentor kurz vor der Halbzeit ist zwar ein Dämpfer, aber er kann die Moral der Fans nicht trüben. Die Kehle schreien sich die meisten auch weiterhin aus dem Leib. "SC Freiburg, unsre Liebe..."



Der Schock kommt erst in der 68. Minute. Das Eigentor von Du-Ri Cha löst in der Seele des SC-Fan ungefähr das gleiche aus, wie wenn man mitansehen müsste, dass es die eigene Frau mit dem debilen Nachbarn treibt.



Bezeichnend, dass Stadionsprecher Claus Köhn den Namen des unglücklichen Torschützen Cha gar nicht erst ausspricht. Danach beschränken sich einige leider darauf, Spieler der Gastmannschaft zu verhöhnen. Luca Toni wird zum "Hu-hu-hu-Hurensohn" ernannt, bei der Einwechslung von Mario "Iiiihhh!" Gomez gibt's ein gellendes Pfeifkonzert. Auch Feindbilder gehören zum Fußball.



Der Großteil der Nord bleibt nach dem 0:2 aber einfach ruhig. Im Zweifelsfall geht man eben Bierholen. Man fragt sich: "Und wer isch jetzt seller Bektasi?", stellt fest: "Der Targamadze ist zwar schnell, aber gegen Lahm sieht er trotzdem alt aus", analysiert: "Oh je, der Schuster im Sturm, das war nix."  Während DJ Robert Heart in der Bude Würstle in die Weckle stopft, gelingt Stefan Reisinger ein sehenswerter, leider zu später Anschlusstreffer. Nach Abpiff hat keiner mehr so recht Appetit.

Meinungen nach dem Spiel



Heiko Butscher

"Diese Niederlage ist ärgerlich. Wir hatten uns heute Chancen ausgerechnet. Aber die Bayern waren wahnsinnig ballsicher und haben verdient gewonnen. Wir sind gut gestartet, doch dann haben die Bayern das Tempo angezogen und beim Spiel nach vorne sind uns viele Ballverluste unterlaufen. Auf meiner Seite standen Lahm und Braafheid sehr offensiv, was mir das Verschieben erschwert hat. Das Umschalten in die Offensivbewegung ist uns sicher auch schon besser gelungen. Wir werden unsere Fehler analysieren und versuchen, drei Punkte in Mainz zu holen."

Daniel van Buyten

"Freiburg ist läuferisch eine sehr starke Mannschaft. Gerade da mussten wir dagegenhalten. Trotz Kontersituationen in Überzahl ist es uns am Ende nicht mehr gelungen ein Tor zu erzielen, weil Freiburg alles gegeben hat."



Robin Dutt

"Wir sind so ins Spiel gestartet, wie wir uns das vorgestellt haben. Das 0:1 war sehr ärgerlich und selbstverschuldet. Dass wir beim 0:2 auf diese Weise aus dem Spiel genommen wurden, war für uns sehr bitter."



Louis van Gaal

"Wir haben in der ersten Halbzeit das Spiel kontrolliert, hatten aber zu viele Ballverluste. Die zweite Halbzeit haben wir dominiert. Aber ich war sehr böse über das Gegentor. Das war wirklich unnötig. Insgesamt bin ich zufrieden."

Abschließend sagt der Trainer, der - wie die Kollegen von 11Freunde schon treffend erkannten - offenbar bei der Geburt von Gustav Gans getrennt wurde, einen Satz, der es sicherlich in die ewige Top Ten der schlimmsten Trainer-Nonsense-Sprüche schaffen könnte: "Es war heute sehr wichtig, dass wir wie eine Mannschaft gespielt haben."

[Fotos: Christoph Leischwitz, David Weigend, dpa]