Barcamp Offenburg: Sessions rund ums Web 2.0

Christoph Müller-Stoffels

Am vergangenen Wochenende trafen sich beim ersten Offenburger Barcamp rund 200 Blogger, Programmierer, Web 2.0-Experten und interessierte Laien zu einer Konferenz, die eigentlich gar keine Konferenz ist. In sogenannten Session unterhielten sie sich über Social Networks, Mobile Commerce, Unternehmenskommunikation und Marketing 2.0. Christoph hat in die besondere Barcamp-Atmosphäre hineingeschnuppert.



"Der Erfolg von MySpace war, dass sie sehr schnell eine kritische Masse erreicht haben", sagt ein junger Mann. Die anderen Teilnehmer im Konferenzraum nicken. Sie besprechen gerade, welche Bedingungen ein Unternehmen erfüllen muss, um im Internet erfolgreich zu sein. Im Nebenraum geht es um "Cellcast-API", später am Tag stehen unter anderem noch "Web 2.0 in China", "Zensur in sozialen Netzwerken" oder "Jugend im Netz" auf dem Programm.


Das Programm gehört zum ersten Offenburger Barcamp, das am vergangenen Wochenende im Burda Medien Park stattgefunden hat. Ein Barcamp ist eine Konferenz, die Menschen zusammenbringen soll, die sich irgendwie mit Computertechnologie und Web 2.0, dem Mitmach-Internet, auseinandersetzen. Und eigentlich ist es gar keine Konferenz.

Barcamps haben ihren Ursprung 2005 im kalifornischen Silicon Valley, dem Mekka der Computerindustrie. Junge Computerschaffende waren es leid, für große Konferenzen mit begrenzter Teilnehmerzahl viel Geld auszugeben und beschlossen, selbst ein Treffen auf die Beine zu stellen, das kostenfrei und für alle frei zugänglich sein sollte. Außerdem sollten sich alle einbringen können mit spontanen Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden, Sessions genannt. Thematisch bewegen diese sich zwischen allgemeinen Web 2.0-Themen und programmiersprachlichen Fachdiskussionen.

Vorträge im Stil von Frontalunterricht wie der von Oliver Ueberholz zum Thema "Web 2.0 in China" gehören da zur Ausnahme. Allerdings sind die nicht weniger interessant als die vielfältigen Diskussionsrunden. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass es in China betreutes Englisch-Twittern für Abendschulstudenten gibt, die dabei ihre Sprachkenntnisse trainieren sollen?

Das Konzept wurde zu einem großen Erfolg, wie Florian Krakau (Bild unten), einer der Organisatoren des Offenburger Treffens, berichtet. "Allein im deutschsprachigen Raum gab es in den vergangenen zwei Jahren etwa fünfzehn Barcamps an unterschiedlichen Standorten." Dass die Ortenau, bislang nicht unbedingt als Standort der IT-Branche verschrien, zum ersten Mal Austragungsort dieser Veranstaltung ist, verdankt sie dem jungen Burda-Mitarbeiter, der seit seiner ersten Teilnahme begeistert ist und diese Begeisterung auch auf seinen Arbeitgeber übertragen konnte. "Barcamps haben eine besondere Atmosphäre. Nach meinem ersten Barcamp war ich voller Energie und neuer Ideen", erzählt Krakau.



Burda stellte als einer von zehn Sponsoren nicht nur den Medien Park als Veranstaltungsort zur Verfügung, sondern sorgte auch für die Verpflegung der etwa 200 Teilnehmer, von denen die Hälfte aus Baden-Württemberg kam. Aber auch aus Hamburg und Berlin sind Teilnehmer gekommen, einer wohnt nahe der polnischen Grenze. "Der hatte wahrscheinlich die weiteste Anreise."

Für gut ein Drittel der Teilnehmer ist es das erste Barcamp, das sie besuchen. Einige Regeln müssen die Neulinge dabei beachten. So verpflichtet die erstmalige Teilnahme dazu, eine Session anzubieten. Damit soll erreicht werden, dass jeder sich einbringt und niemand einfach nur das Wissen anderer  mitnimmt. Wer das Barcamp wieder verlässt, soll darüber reden und die Idee verbreiten. In der Regel passiert das natürlich über das Internet, und so sind auch schon während der Veranstaltung viele Teilnehmer online und bloggen, twittern und laden Fotos ins Netz. Auch ein Video-Live-Stream sollte die Sessions übertragen, damit alle, die es nicht nach Offenburg geschafft haben, die Diskussionen aber trotzdem mitverfolgen konnten. So ganz hat das leider nicht geklappt.

Für die Teilnehmer war es trotzdem eine schöne Erfahrung. "Es war immer schade, dass die Diskussionen abgebrochen werden mussten, weil eine neue Session anstand", sagt Blogger und Ex-fudder-Autor Roger Graf, der mittlerweile aus der Regio ins Ruhrgebiet verzogen ist. Er ist eher zufällig zu dieser ersten Barcamp-Erfahrung gekommen. "Eigentlich wollte ich nur einen Freund besuchen." Nur eines stört ihn: "Ich hätte mich gefreut, wenn ein paar mehr Frauen hier wären."

Die Dominanz des männlichen Geschlechts verläuft tatsächlich parallel zur Dichte der Produkte der Firma mit dem angebissenen Apfel. "Fühlt man sich als Windows-User hier nicht als Randgruppe?", wird ein PC-Nutzer von einem anderen Teilnehmer grinsend gefragt. Eine noch größere Randgruppe stellen höchstens noch die Überfünfzigjährigen dar. Aber auch von denen haben sich einige wenige mutig ins Geschehen gestürzt.

Dass sich große Unternehmen in die Barcamps einbringen und beispielsweise wie Burda die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, wird in der Szene zwiespältig betrachtet, denn manche befürchten, dass nur die guten Ideen abgegriffen werden sollen. Allerdings waren Barcamps seit jeher nicht nur eine Austauschplattform von Fachleuten und interessierten Laien, sondern auch eine Anlaufstelle für Investoren, die auf der Suche nach Ideen sind.

Wichtig ist nur, das eine weitere Regel beachtet wird: Präsentationen, die spezifische Produkte oder Unternehmen anpreisen, sollen nicht stattfinden. Deshalb kann sich Krakau gut vorstellen, dass es eine Wiederholung der Veranstaltung geben wird. Die Idee jedenfalls verbreitet sich weiter, und wer einmal die Atmosphäre eines Barcamps erlebt hat, kann das auch verstehen.