Barbara Mundel: "Ich feier sehr gern."

Johanna Schoener

Barbara Mundel geht als Intendantin des Freiburger Stadttheaters in die zweite Spielzeit. Die ehemalige Chefdramaturgin der Münchner Kammerspiele erzählt bei fudder, warum Bildung manchmal mit Sackgassen zu tun hat, warum Kante im Großen Haus spielen dürfen und warum wir vielleicht irgendwann tagsüber zum Milchkaffee trinken ins Theater gehen können.



Eine Persönlichkeit formen

„Entschuldigung“, ruft Barbara Mundel schon von weitem, als sie mit zehn Minuten Verspätung im Schnellschritt über den Bühneneingang im Theater ankommt. Eine Viertelstunde habe sie zum Reden, sagt sie mit Blick auf die Uhr. Wenige Tage vor der Eröffnung ihrer zweiten Spielzeit am Freiburger Theater ist der Terminkalender voll. 

Dennoch nimmt sie sich Zeit beim Antworten, denkt nach, formuliert und ergänzt. Beim Stichwort "Kulturelle Bildung" hört sich das so an: „In der Diskussion um frühkindliche Musikerziehung habe ich den Eindruck, Kinder sollen gestählt werden für den Lebenskampf. Und da spielt jetzt Musik auch noch eine Rolle. Beim hochstilisierten Kampf um den besten Platz in dieser Gesellschaft soll kulturelle Bildung ihren Beitrag leisten. Ich glaube, das funktioniert anders. Bildung hat auch manchmal mit Sackgassen, Verschwendung, sich mit seltsamen Blüten beschäftigen zu tun. Mit einer Formung des Menschen, der sich vielleicht auch mal mit Dingen auseinandersetzt, die nicht nützlich sind, um dafür ein umso nützlicheres Mitglied dieser Gesellschaft sein zu können. Wir haben im Moment ein dermaßen vereinfachendes Bild über die Entwicklung eines Menschen und darüber, wie sich eine Persönlichkeit formt, dass ich es wirklich manchmal erschreckend finde.“

Tiefe und Oberfläche

Zumal Mundel selbst einen anderen Weg gegangen ist. Während ihres Studiums in Berlin, Frankfurt und München hat sie „unglaubliche Semesterzahlen“ angehäuft.

Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft mussten immer wieder hintanstehen, denn schon ab den ersten Semesterferien machte die gebürtige Heilbronnerin  Regieassistenzen. Noch vor ihrer Magisterarbeit hat sie selbst inszeniert. In München wollte sie sich eigentlich ganz auf ihr Studium konzentrieren und war zwei Jahre weg vom Theater, nur um dann in einer Literaturagentur zu landen. „Theater ist doch eine sehr oberflächliche Welt“, dachte Mundel damals und dass Bücher „tiefer“ seien. Dann fehlte ihr der Dialog und die Auseinandersetzung mit Schauspielern über Texte und Themen und sie merkte: „Ich muss wieder zurück.“

Um Dialog geht es Mundel auch, wenn sie von einem Stadttheater der Zukunft spricht: Das Theater als Treffpunkt, als Ort, an dem Geschichten ausgetauscht werden, als Ort gesellschaftspolitischer Diskussion und im besten Fall als Ort, wo sich „die Ghettos auflösen, sich Szenen durchdringen, sich das Publikum durchmischt“. Und als Ort, wo Partys gefeiert werden, denn "ich feier sehr gern", sagt Mundel lachend.

Raus in die Stadt

Vieles, was sich die Intendantin wünscht, hört sich idealistisch oder utopisch an. Für sie kein Grund, die Dinge nicht in Angriff zu nehmen. In ihrer ersten Spielzeit in Freiburg 2006/2007 hat sie die mobile Theaterstation „Orbit“ in verschiedene Stadtteile geschickt und damit den Kontakt zur Bevölkerung gesucht. Bei einer Kritikerumfrage der Zeitschrift „Die deutsche Bühne“ wurde das Theater Freiburg gerade mit dem ersten Rang für „ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“ ausgezeichnet. „Aber auch hier ist der Theaterbegriff bisher noch sehr, sehr traditionell und wendet sich an Wenige, die Geld haben“, sagt Mundel. Und das stört sie. 



Kante und Kinder

In der nun beginnenden Spielzeit werden im Großen Haus zum ersten Mal Popkonzerte stattfinden. Den Auftakt bilden am kommenden Wochenende Bernadette La Hengst, The 3 Normal Beatles und Kante. „Damit wollen wir signalisieren, wir öffnen das klassische Opernhaus auch für diejenigen, die sich nicht für Oper interessieren.“

Zwei-, dreimal pro Spielzeit soll es Konzerte geben. Mundel will Jugendliche und Kinder in das Theatergeschehen einbeziehen. Das Pilotprojekt „indieOper!“ etwa richtet sich an Grundschulkinder, die das Musiktheaterstück „Der unglaubliche Spotz“ während der Proben begleiten und in Workshops selbst Musik machen und Theater spielen können. Auch im wörtlichen Sinne möchte Mundel daran arbeiten, dass das Theater offen ist und zwar tagsüber – zum Lesen, Kaffeetrinken oder Arbeiten mit dem Laptop. Denn immer noch sei das Stadttheater ein sehr „cleaner“ Ort. 

Bannersprüche

Sich einmischen, Fragen stellen und zu kontroverser Debatte anregen: Das sind Mundels Mittel. Für Provokation sei sie nicht der Typ. Mit den provokanten Slogans, die auf Bannern am Theater stehen, möchte sie in erster Linie zum Nachdenken auffordern. Den aktuellen Satz – „Europa wird kulturell sein oder es wird nicht sein“ könnte man auch, wie ein Münchner Blogger, als "philosophische Binse" titulieren.

Mundel sieht diesen Satz vielmehr im Zusammenhang mit der Zukunftsfrage, die schon in der letzten Spielzeit gestellt wurde: „In welcher Zukunft wollen wir leben?“ Dazu gehören, neben der Frage nach der kulturellen Identität, Themen wie wissenschaftlicher Fortschritt und Familie. Gerade bei letzterem scheint Mundel die Gedankenlosigkeit vieler aus der Fassung zu bringen. „Sind diese entsetzlichen Altenheime unsere Zukunft?“, „Wie kriegen wir das mit dem Problem der Kinderbetreuung hin?“ Es sind die Fragen, die sie selbst beschäftigen, die sie weitergeben und diskutieren will. 

Frauending?

„Ich weiß in dem Fall wirklich, wovon ich spreche“, sagt Mundel angesichts ihrer eigenen Schwierigkeiten, Beruf und Mutterrolle zu vereinbaren. Ihre Tochter Jeanne ist fünfeinhalb, ihr Lebensgefährte arbeitet unter der Woche in Belgien, zur Unterstützung hat sie ein Au-Pair-Mädchen. „Dennoch muss ich vieles absagen und kann auch mal Termine nicht wahrnehmen.“ Zur Welt kam Jeanne, während Mundel Intendantin in Luzern war. Grund genug für die Schweizer, eine öffentliche Diskussion loszutreten, ob sie jetzt aufhöre zu arbeiten. „Es war fast ein kleiner Tabubruch, als ich schwanger wurde und ich merkte: In dem Moment, wo man ein Kind bekommt, wird man auf einmal zur Frau“, erinnert sie sich.  

Davor hatte sie selten das Gefühl, anders wahrgenommen zu werden, als ihre männlichen Kollegen – weder bei ihren Musiktheaterinszenierungen in Frankfurt, bei den Salzburger Festspielen und an der Volksbühne in Berlin, noch bei ihrer Zusammenarbeit mit berühmten Regisseuren wie Bergman, Kroetz, Castorf oder Schlingensief. Nur als sie am Bayerischen Staatsschauspiel zwei Jahre Regieassistentin war, gab es einmal einen Punkt, an dem Mundel das Gefühl hatte, dass ihre Ideen ausgenutzt wurden. „Ob das ein Frauending war, weiß ich nicht genau, aber es war sicherlich ein Männerproblem, nicht zugeben zu können, dass Ideen der Anderen mit in die Arbeit eingeflossen sind.“ Irgendwann habe sie das unglaublich gefuchst. Auch wenn sie sich selbst nicht als „klaren Machtmenschen“ empfinde, sie wisse, was sie wolle. Und dazu gehört die Anerkennung für die eigene Arbeit. 

Die Viertelstunde hat sich bereits verdreifacht, als es an der Tür klopft. Der nächste Termin für Mundel steht an. Schnell verabschiedet sie sich. Draußen vorm Theater denkt man tatsächlich: Schön wär’s, hier jetzt einfach am helllichten Tag hereinspazieren zu können und einen Kaffee zu trinken.

[Fotos: Maurice Korbel]