Performance

Wie war’s beim … Public Walk mit Hamish Fulton auf dem Kanonenplatz?

Carolin Buchheim

Spazieren macht der britische Künstler Hamish Fulton zu Kunst. Rund 200 Freiburger nahmen seine Einladung zum Public Walk an, und schritten, gingen und schlenderten mit ihm über den Kanonenplatz.

Der erste Eindruck
Freitagnachmittag kurz vor 15.45 Uhr auf dem Kanonenplatz. Es sind 10 Grad Celsius, dünne Wolkendecke, kaum Wind: Besser könnten die Bedingungen für eine Outdoor-Performance Anfang Februar kaum sein. Die wetterfeste Kleidung, die bei der Anmeldung empfohlen wurde, ist da überflüssig. Freundliche Freiwillige haben sich große "Helfer"-Schilder an die Jacken geheftet und erklären den ankommenden Teilnehmern, wie der Walk abläuft: Nur zwischen den Bäumen laufen, nicht zwischen Wand und Bänken. Wie man läuft, das ist egal.


Die Regeln
Hamish Fulton hält sich im Hintergrund, spricht mit einzelnen Teilnehmern. Eine Helferin klettert auf die Bank unter dem zentralen Baum auf dem Platz und erklärt die wenigen Regeln für den Walk: Die ganze Zeit gehen, nicht stehen bleiben, nicht sprechen oder sonst kommunizieren. Handys und Fotoapparate sind erlaubt. "Ein offizielles Signal zum Start und zum Ende wird es nicht geben", sagt sie. "Schauen sie ruhig auf ihre Telefone."

Wer war da?
Freiburger Kunstperformance- und Vernissage-Publikum, Studierende, Junge, Alte, Eltern mit Kinderwagen, ein Baby im Tragetuch, zwei Hunde mit Frauchen. Es ist interessant, wer freitagsnachmittags Zeit hat, Kunst zu machen.

Die Performance

Auf die Telefone muss niemand gucken, denn Freiburg gibt doch ein offizielles Signal: Das Münster schlägt 16 Uhr, die Menge setzt sich im vorher festgelegten Bereich in Bewegung.

Es ist ein bisschen wie beim Start des Freiburg Marathon: die Teilnehmenden versuchen, sich zu sortieren. Wie schnell läuft man? Wo gehört man hin? Der Public Walk ist allerdings etwas komplizierter als ein Laufsportevent. Im abgegrenzten Gehbereich hat man so viel Freiheit. In welche Richtung gehe ich? Im Kreis um den Baum? In welche Richtung? Im Zickzack? Gucke ich auf den Boden oder schaue ich die Leute an? Ist das schon Kommunikation? Die Menge ist ruhig, nur das Geräusch der Füße auf dem Boden ist zu hören. Die Freiburger wuseln konzentriert, schreiten, schleichen, schlendern, sprinten.



"Gehen eröffnet ständig neue Perspektiven, auch auf das eigene Tun", sagte Hamish Fulton im BZ-Interview. Wer man in einer Gruppe, in dieser Gruppe ist, diese Frage stellt man sich als Mitgeherin zwangsläufig. Anpassen und Einreihen macht das Herumgehen unkomplizierter und weniger anstrengend, aber fühlt sich beengt an, falsch. Lustvoll und raumgreifend in den Konflikt zu gehen und Gruppen selbstbewusst zu durchbrechen fühlt sich dominant an. In der Menge entstehen Trends: mit geschlossenen Augen gehen etwa, oder rückwärts. Einer probiert es, jemand anderes tut es nach.

Hamish Fulton selbst ist ein ungebundenes Atom. Er durchschneidet die Menge mit kraftvollen, bestimmten Schritten wieder und wieder, den Blick einen Meter vor sich auf den Boden gesenkt. Er geht wie ein Mann, der sein Ziel kennt. Welches das wohl ist? Man denkt über Nähe und Entfernung nach, über sich selbst, über Bewegungsmuster, über Begegnung mit anderen. Offensichtliche Kollisionen gibt es nicht.

Die Glocken im Münster schlagen 17 Uhr. Die Geher bleiben stehen. 10 Sekunden, 20 Sekunden, 30 Sekunden sind sie reglos. Dann ein wenig Bewegung, dann Applaus.

Fazit
Wer Performances im öffentlichen Raum albern findet, kann sich jetzt über 200 Freiburger amüsieren, die eine Stunde lang um einen Baum herum gelaufen sind. Wer teilgenommen hat, hat möglicherweise eine interessante Erfahrung gemacht. Und selbst, wenn es nicht interessant gewesen sein sollte: eine Stunde Bewegung an der frischen Luft ist ja auch etwas Feines. Außerdem bleibt die Erkenntnis: in einer Stunde kann man rund fünf Kilometer weit einen Baum umkreisen.