Badezimmer-Saughaken in die Weltkulturerbeliste der Unesco

Alexander Ochs

Im ausverkauften E-Werk hat der Schriftsteller Max Goldt aus seinem zwischen E (wie ernsthaft) und U (wie Unterhaltung) changierenden Werk gelesen. Den verbalen Ritt von streichfähiger Zahnpasta über Gorgonzola-Quinoa-Knödel bis hin zur traditionellen Toilettenschenkung an die Mutter hat Alex mitgemacht.



„Max Goldt liest viel Neues und vielleicht ein bisschen was Altes“, lautet die unscheinbare Ankündigung auf den Postern, die auf die Lesung hinweisen. Allein die Art, wie schlicht und scheinbar altbacken diese Ankündigung daherkommt, verrät schon einiges über den Humor dieses Mannes, dessen Bücher in bestimmten Kreisen wie flüssig’ Gold(t) kursieren oder wie jüngste Offenbarungen gehandelt werden: alles andere als marktschreierisch, und dabei auch ein wenig schnoddrig. Kurzum, seine Bücher werden gelesen (von wie vielen Büchern kann man das schon behaupten?), und daraus wird auch vorgelesen, zumindest gelegentlich.


Geschlagene acht Jahre ist es her, dass Max Goldt in Freiburg zu Gast war. Um kurz vor acht ist die letzte Karte weg, und eine knappe halbe Stunde später tritt der Dichter vor sein Publikum. „Man sagte mir, das Freiburger Publikum sei besonders unpünktlich und würde erst zwanzig Minuten später kommen“, beginnt er. Wo andere sich vielleicht entschuldigen würden für die Verspätung, dreht und wendet Goldt dies augenzwinkernd ins Schelmische.

Jenseits von Schnellfeuer-Lachsalven gehypter TV-Comedians und repetitivem Wortgestammel und -gestümmel zelebriert er die selten gewordene gepflegte Nuance. Mit sonorer Stimme trägt er wohltuend langsam und ironieschwanger seine fein ziselierten Texte vor, ganz so als würde er einen Schatz ausbreiten. So zum Beispiel den vom Reisenden, der am Flughafen aufgrund seiner streichfähigen Zahnpasta vom Sicherheitspersonal aufgehalten wird und sich die Möglichkeiten eines zahnpastalosen Daseins in quietschbunten Farben ausmalt.

Dabei wirken Goldts wilde Sprünge sehr assoziativ und surreal, sind aber ein ganz präzise gesetzter Stachel. Max Goldt nagelt nichts und niemanden an die Wand, sondern spießt fein säuberlich und mit unbeschreiblicher Detailverliebtheit alle möglichen Alltagsphänomene auf. Groteskes, exakt heraufbeschworen.

Der Sonderling, der mit angeleintem Leguan zur Plattenbörse geht, das Verlagsgebrabbel auf Buchrücken und ein Rezept für Gorgonzola-Quinoa-Knödel aus dem Vollwertkochbuch für Eilige führen in ein und demselben Text eine friedlich-lustvolle Koexistenz. Dabei geht es dem Vortragenden hier eigentlich um den Umgang mit Büchern. Und ab und zu, nach ausgiebigem Klatschen, flötet er Vielen Dank!

Wie gut das vordergründig Disparate tiefgründig oder abgründig gut zusammengeht, zeigt das Lachen im Saal. Es ist Gradmesser für die Stimmung und Seismograph für die Stimmigkeit des Ganzen. Vom zögerlichen Schmunzeln über laute Lacher und aufglucksendes Lachen bis hin zum ungläubigen Staunen reicht die Bandbreite, wenn Goldt dafür plädiert, seinen Badezimmer-Saughaken in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufnehmen zu lassen, wenn er den „Migrationshintergrund“ von Straftätern in den Medien in alternative Schlagzeilen wie Geschöpfe töteten Chauffeur gießt oder den Irrwitz elterlicher Kindesnamensfindung schelmisch aufspießt.



Die meisten Texte, die der Schriftsteller und Musiker vorträgt, sind in den letzten zwei, drei Jahren entstanden und werden wohl in seinem für Herbst angekündigten Band Zimbo Unterschlupf finden. Auch aus dem neuen, herrlichen, in nobler Handwerksarbeit gefertigten Atlas van de nieuwe Nederlandse vleermuizen, der by the way weder etwas mit Niederländisch noch mit Fledermäusen zu tun hat, gibt Goldt allerlei kleine Perlen zum Besten, darunter diejenige, wie dem CDU-Politiker Roland Koch eine klassische Knochenbrühe zu dünn gerät, woraufhin seine Frau Anke erwidert: Ach, dann koch doch noch'n Knochen, Koch!

Gegen Ende nimmt er sich des Internets als Daueraufbewahrungsschrein für Kultquatsch an (Ausraster auf YouTube), widmet sich den 22 ungenutzten Tasten seiner Tastatur und seziert die Top-Model-Gesellschaft im TV („Heidi Klum, die eisige Beauty-Apparatschik“). Kurzum, er plädiert für Sprech- und Sprachunterricht statt Brust-OP. Mitunter mäandrieren seine Texte auch mal gemütlich vor sich hin, um irgendwie noch die allerletzte Kurve zu kriegen, aus der sie beinahe geflogen wären. Mit einer schwächeren absurden Geschichte über rituelle Toilettenschenkungen an die Mutter beschließt er den Reigen. Vielen Dank!, flötet er zum letzten Mal.

Mehr dazu:

Web: Katz & Goldt