baden.sm

Nina Braun

Sadomasochismus wird in Film und small talk gern mit geheimen Praktiken im dunklen Kämmerlein assoziiert, als Schmerzsex zwischen Perversion und Komik. Über die Probleme, mit denen sich SM-Anhänger konfrontiert sehen und darüber, wie sich in Südbaden eine vorsichtige Bewegung formiert, hat Carina mit Thomas Haas von der Freiburger Vereinigung SMile gesprochen.



Ketten im Schlafzimmer

Die kleine Wohnung liegt im sechsten Stock und bietet eine atemberaubende Aussicht über Freiburg und Vogesen. Erst der zweite Blick geht ins Innere und offenbart nach und nach unaufdringliche, aber eindeutige Zeichen dafür, dass hier etwas anders ist als in gutbürgerlichen Wohnzimmern: das Bild einer nackten, gefesselten Frau mit verbundenen Augen an der Wand; die Kerze im Regal in Form eines geschnürten Oberkörpers.

Schließlich ist im Halbdunkel des angrenzenden Schlafzimmers sogar eine so genannte sling zu erkennen – eine „Liebesschaukel“ aus Leder, die an dicken Ketten befestigt von der Decke hängt.

Die Liege ist für den passiven Sexualpartner gedacht und bietet etwa beim Analverkehr eine besonders geeignete Position. „Wenn Arme und Beine an den Ketten festgebunden werden und dann vielleicht noch Ohrstöpsel und Augenmaske ins Spiel kommen, ist man völlig machtlos“, erklärt Thomas Haas die Vorrichtung vor seinem Bett.

Der 50-Jährige ist bekennender Sadomasochist und Mitglied der Freiburger Vereinigung SMile, in der sich etwa 90 Leute im Einzugsbereich von Basel bis Karlsruhe organisiert haben. Sie veranstalten Partys und Filmabende. Vor allem aber treffen sie sich alle zwei Wochen zum Stammtisch - eine diskrete Möglichkeit auch für Interessierte, ihre ersten Schritte im SM zu wagen.



Träume vom Gefesseltwerden

Thomas Haas ist einer der Zuständigen für Neuanfragen. „Das Schwierigste ist immer das innere Outing“, sagt er. „Die meisten tragen sich jahrelang mit ihren geheimen Bedürfnissen herum.“ Ihm selbst wurden seine Neigungen schon ungewöhnlich früh bewusst. Im Kindergarten träumte er erstmals, von drei Mädchen aus seiner Gruppe an einen Baum gefesselt und berührt zu werden. „Bis heute hat mich das als Tagtraum nicht verlassen.“

Das unbestimmte Verlangen entwickelte sich. Schon Piratenfilme, in denen gefesselt und geschlagen wurde, erzeugten bei Haas subtile Empfindungen.



Mit siebzehn schmuggelte er sich in den Film „Die Geschichte der O“ nach dem gleichnamigen Skandalbuch von Dominique Aury. In dem Roman, den die Französin in Anlehnung an die Bücher des umstrittenen Namensgebers des Sadismus, Marquis de Sade, geschrieben hat, geht es um die Lust an der totalen Unterwerfung, ein Klassiker der SM-Literatur.

Für Thomas Haas bedeutete der Film die endgültige Gewissheit. Dass er dennoch erst als über Dreißigjähriger aktiv wurde und auf ein Inserat in der Zypresse antwortete, lag weniger an der Angst vor dem Outing denn an der schlechten Vernetzung. Vor 20 Jahren sei man noch auf versteckte Hinweise angewiesen gewesen, sagt er, etwa auf ein Flugblatt im Sexshop. „Wenn eine Party im Umkreis von 300 Kilometern stattfand, war das schon eine Sensation. Meist musste man weiter weg, nach Hamburg, Berlin oder Amsterdam.“

Heute ist es dank des Internets kein Problem mehr, sich über Veranstaltungen zu informieren und nach Gleichgesinnten zu suchen: „Inzwischen muss man sich an manchen Wochenenden sogar zwischen zwei Partys entscheiden.“ Die Website sklavenzentrale verzeichnet mehr als 100 000 Profile. Mit der virtuellen gelingt nun auch die regionale Vernetzung besser. Gruppen haben sich inzwischen in jeder größeren Stadt gebildet - in Freiburg vor 15 Jahren „SMile“ und vor etwa einem Jahr bereits die zweite, „Triskele“.

Diese halb offiziellen Gemeinschaften, die Stammtische und Partys anbieten, bilden eine Art dritten Weg. Lange hat sich SM nur versteckt abgespielt, privat oder in Dominastudios. Die aufblühende SM-Szene macht nun vorsichtig auf sich aufmerksam. Sie unterhält Infostände auf dem Christopher Street Day, gibt Zeitschriften heraus.

Konflikt zwischen Outing und Privatsphäre

Es ist der Versuch, die Angst vor dem Unbekannten abzuschütteln und die Unsicherheit zu nehmen, die oft abseits der Klischees und Witze herrscht. Das erinnert durchaus an die frühe Schwulenbewegung, zeigt sich im Inneren jedoch ungleich zerrissener. Denn in der Szene selbst ist man sich uneins, wie und vor allem ob man sich mit der Öffentlichkeit arrangieren solle.



Während einige für Aufklärung und Öffnung plädieren, in Kooperation mit Ärzten und Psychologen schon fast politisch arbeiten und Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen versuchen, sind die meisten eher misstrauisch. Viele betrachten ihre sexuellen Neigungen als Privatsache, die sie gar nicht erst in der Öffentlichkeit – aufgeklärt oder nicht – diskutiert wissen wollen. Man solle besser unter sich bleiben. Anderen geht es gar nicht um Prinzipien, sondern sie fürchten schlicht die konkreten Probleme, die ein Outing aufwerfen könnte.

„Das fängt beim Beruf an“, sagt Haas. „Dass etwa Bundestagsabgeordnete es nicht publik machen wollen, ist das eine. Aber vor allem auch Lehrer und andere, die mit Kindern, Jugendlichen oder gar mit psychisch Kranken arbeiten, könnten deswegen massiv unter Druck gesetzt werden.“ Zwar dürfe aufgrund des Antidiskriminierungsgesetzes niemand mehr wegen sexueller Neigungen entlassen werden, „aber dann wird man eben rausgemobbt.“



SM und Familie

Auch in der Familie befürchten viele Konsequenzen. Das SM-Magazin Schlagzeilen, das einen Sklaventest anbietet und dessen Artikel Überschriften wie „Gut geschnürt“ und „Tut mir weh“ tragen, behandelt denn auch Fragen wie „Erfüllte Sexualität – und trotzdem Kinder?

Hier geht es nicht nur um die Reaktionen von außen. Es geht ganz allgemein um die für viele selbst nur schwer denkbare Vereinbarkeit von SM und Familie, von Erwachsenen- und Kinderwelt – zumal vermeintliche Perversionen des ehemaligen Partners auch schnell vor dem Familiengericht landen können, wenn das Sorgerecht verhandelt wird.

Selbst nach einem gelungenen Coming Out ergeben sich wieder neue Schwierigkeiten und Herausforderungen, vor allem in der Partnersuche. „Die meisten haben einen langen inneren Kampf hinter sich und ihre Sexualität viel stärker reflektiert als andere“, erklärt Haas, „daher nimmt sie auch einen zentralen Stellenwert im Leben ein. Wenn es sexuell nicht stimmt, kann eine Beziehung da kaum funktionieren.“ Doch die Spielarten dessen, was allgemein als Sadomasochismus bezeichnet wird, zeigen sich so vielfältig, dass die Anforderungen an die Passgenauigkeit zwischen zwei Partnern enorm sind.



Fächerung der Szene

Denn eigentlich ist SM nur eine Richtung innerhalb der Szene, die korrekt „BDSM“ heißt. Das Akronym setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Begriffe Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism zusammen und steht für ein ganzes Spektrum an Liebesspielen.

„Das Klischee ist natürlich einfach: Jemand ist oben, jemand unten“, sagt Haas. „In Wirklichkeit aber sind die Möglichkeiten fast unendlich, Grenzen setzt allein die eigene Phantasie.“ Die Unterscheidung zwischen Doms und Subs gehört zwar zum festen Vokabular der Beteiligten; dennoch gibt es viele Switcher und innerhalb der sadistischen und masochistischen Praktiken entscheidende Unterschiede.

„Manche sind devot, sie dienen und unterwerfen sich gerne, haben aber mit Schmerzen gar nichts am Hut. Andere dagegen empfinden Schmerz als luststeigernd bis zur Ekstase, aber niemals würde sie jemandem dienen.“

Fesseln, Ketten, Nadeln und Peitschen, aber auch alltägliche Hilfsmittel wie Ohrstöpsel oder Frischhaltefolie können je nach Neigung eingesetzt werden, um die Spiele um Macht und Ohnmacht, Erniedrigung und Unterwerfung, Schmerz und Lust zu dirigieren. Vieles läuft dabei in der Psyche ab. „Kopforgasmen“ nennt Thomas Haas seine lustvollsten Momente, die auch mal mehrere Stunden dauern und unabhängig von körperlicher Erregung ablaufen können.

Überhaupt sei die Fixierung auf den körperlichen Orgasmus im SM viel weniger ausgeprägt, sehr viel entscheidender dafür die Vorstellungskraft und die gefühlte Ekstase.



Besorgnis von Zuschauern

„Alles basiert aber auf dem Prinzip der Einvernehmlichkeit“, betont Haas. Um zu gewährleisten, dass nichts gegen den Willen der Beteiligten geschehe, gebe es klare Absprachen oder auch eine Art „Metakonsens“ zwischen Leuten, die sich schon lange kennen. „Man kann jederzeit abbrechen.

Ist eine Artikulation nicht möglich, zum Beispiel wegen eines Knebels, gibt es andere Wege – indem man etwa dem Partner einen Gegenstand in die Hand legt, der als Zeichen dann fallen gelassen werden kann.“ Dennoch sei es für Außenstehende selbst in der SM-Szene oft schwer zu beurteilen, ob nicht Grenzen überschritten würden. Auch auf den Partys, wo die Besucher in „Spielzimmern“ ihren Phantasien nachgehen können, komme es ab und an zu Unterbrechungen durch besorgte Zuschauer.

Haas ist einer von denen, die Sadomasochismus gesellschaftsfähig machen wollen. Er selbst kann bisher nur auf positive Reaktionen zurückblicken. Lediglich die Eltern seien anfangs etwas geschockt gewesen: „Und was wohl die Nachbarn denken würden?“ Eher zufällig war er damals durch ein Foto in der Zeitung stadtweit geoutet worden. Tags darauf sprach ihm die 80-jährige Nachbarin im Aufzug ihre Anerkennung aus, auch der Chef seines Taxibetriebs nahm es mit Humor: In einer Notiz an die Mitarbeiter empfahl er, aus gegebenem Anlass die Prügelstrafe wieder einzuführen.



Dennoch bleibt für die Aufklärungswilligen der Szene einiges zu tun. So wird SM-Anhängerinnen von Feministinnen eine Verinnerlichung patriarchalischer Strukturen vorgeworfen. Die Einordnung des Sadomasochismus in die WHO-Diagnoseliste ICD (International Classification of Diseases) suggeriert noch immer eine krankhafte Störung, ebenso wie früher bei Homosexualität, die inzwischen von der Liste gestrichen wurde. „Die Schwulen haben den Weg gewiesen“, sagt Haas.