B@.tv: Die Clubgänger-Community

Bernhard Amelung

Zunächst herrscht Stille, wenn man be-at.tv im Browser aufruft. Das Unternehmenslogo, ein B und ein @, zerspringt explosionsartig in tausende Fetzen, kaum dass sich die Website aufgebaut hat. Fast zeitgleich drohen auch die Lautsprecher des Laptops zu bersten_ Fiese Sägezahnsynthesizer fräsen sich erbarmungslos in die Gehörgänge. Brutal derbe Basskicks trommeln auf den Unterleib ein. Willkommen im Online-Club, willkommen bei B@.tv.



B@.tv ist ein im Herbst 2008 von den beiden Londonern Ray Smith und Damian Mould ins Leben gerufenes Internet-Unternehmen. Es basiert auf dem Prinzip sämtlicher sozialer Netzwerkplattformen: vernetzen, verknüpfen, verbinden. Primär angesprochene Zielgruppen sind zum einen Clubs, Party- und Festivalveranstalter, DJs und Live Acts sowie die dazu gehörende Konsumentengruppe, Clubgänger und Festivalbesucher.


Die Online-Plattform eröffnet den Organisatoren von Clubnächten und Festivals, Live Video- und Audio-Sets, die unmittelbar auf dem Event aufgezeichnet werden, einer unbestimmten Vielzahl von Website-Besuchern zur Verfügung zu stellen. Diese wiederum haben die Möglichkeit, mittels B@.tv als Online-Hub, die – angeblich – weltbesten DJs und weltgrössten Festivals in die eigenen vier Wände, an den Schreibtisch oder ins Wohnzimmer zu holen. Überall dort, wo ein Internetanschluss vorhanden ist, wo es sich in ein (WLan-)Netz einloggen lässt, findet nun die Party statt.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich zunächst nicht, denn über Be-At TV werden keine unscharfen, verwackelten Videosequenzen angeboten, wie man sie beispielsweise von YouTube kennt. Hier kann man von vier Kamerapositionen aus DJs, Clubgängern und Festivalbesuchern über die Schultern blicken, und ihnen beim Auflegen und Abfeiern zuschauen. Besucht man B@.tv zum ersten Mal und ist noch nicht registriert, dann poppt nach ungefähr zehn Minuten ein Popup-Fenster mit einem knapp gehaltenen Formulartext auf, der einen dazu auffordert, sich entweder anzumelden oder zu registrieren.

Mit diesem Schritt wird man Mitglied der weltweiten B@.tv-Community. Da sich die Plattform noch immer in der Markteinführungsphase befindet, werben die Betreiber auf Facebook mit folgenden Worten: „Get on our website now while all the good nicknames are still available.“ Macht durchaus Sinn. Denn das bloße Anschauen von DJs hinter dem Mischpult und leichtbekleideten Party-Hotties ist nur eine kurze Weile lang unterhaltsam. Einen Mehrwert wie eine Community, in der sich über musikalische Vorlieben, DJs, Clubs, Festivals und weitere im Zusammenhang mit der Feierkultur stehenden Themen austauschen lässt, ist das Mindeste, was Zwei-Null-Unternehmer auffahren müssen, um die Seitenbesucher bei der Stange zu halten. Dazu gehört dann auch ein aussagekräftiges Pseudonym, der „good nickname“.


Hat man sich einmal registriert, kann man das gesamte Angebot von Be-At TV nutzen. Schnell, leicht zu navigieren, übersichtliche Menüführung und benutzerfreundliche Gestaltung – dies alles zeichnet die Website aus. Denn die Startseite zeigt bereits auf den ersten Blick alle wichtigen Menüpunkte und Features der Plattform.

Zwei Navigationsleisten, jeweils eine am unteren und eine am oberen Bildschirmrand, führen durch das Angebot. Die untere zeigt regelmäßig an, welches DJ-Set von welchem Event gerade läuft. Es ist versehen mit Datums-, Orts- und Zeitangabe und lässt sich in einer Zeitleiste kommentieren. Die obere Navigationsleiste führt die Menükategorien auf. B@.tv hält insgesamt fünf bereit: Events, Artists, Venues, Members, Groups.

Unter dem Menüpunkt „Events“ sind vor allem große Festivals vertreten, unter anderem das britische Global Gathering, das belgische Tomorrowland sowie das Extrema Nederland. Auch Clubnächte auf der weißen Insel Ibiza dürfen in dieser Auflistung nicht fehlen, und so findet sich beispielsweise das diesjährige Opening des Space Clubs im Programmangebot wieder. Das Hauptaugenmerk liegt hier deutlich auf grossen Open-Air-Veranstaltungen im – tendenziell – kommerziellen Bereich.

Dies belegt auch deutlich die zweite Kategorie, „Artists". Die Suche nach seinem persönlichen Lieblings-DJ oder Live Act lässt sich entweder alphabetisch oder nach Musikgenre sortiert angehen. Auffällig ist, dass sich hier eine Vielzahl Trance- und Grossraum-Elektro-DJs tummeln. Ferry Corsten, Armin van Buuren oder Tiesto sind genauso vertreten wie David Guetta oder das One-Hit-Wonder Mylo. Diese rangieren in der Beliebtheitsskala – man darf seine Lieblinge bewerten und markieren – auch an allererster Stelle. Man könnte meinen, die Ergebnisse wurden durch die Bildzeitung der elektronischen Musik, das britische DJ-Mag, manipuliert. Sei’s drum.



Nach kurzer Suche finden sich auch Acts wie Len Faki oder die Detroiter Carl Craig und Octave One sowie mit Onur Özer und Ricardo Villalobos zwei Vertreter des minimalen Techno. Die Auswahl der Veranstaltungsorte deckt sich nahezu mit dem Angebot, das die Rubrik „Events“ bereithält. Ein wenig Ibiza mit Space und Amnesia, sehr viel Outdoor sowie das Zouk in Singapur oder das Sankeys in Manchester. Auch ein deutscher Club hat sich in dieser Auflistung behaupten können. Es ist der Frankfurter Cocoon Club, Sven Väths Technotempel. Ein vorhersehbares Ergebnis. Am Rande bemerkt: die Location-Suche lässt sich auch anhand der Suchparameter „Länder“ durchführen. Die Liste hält auch Staaten wie Afghanistan, Irak, Iran oder Saudi-Arabien bereit. Ist das nun noch oder schon wieder britischer Humor?

Zu guter letzt: die Mitglieder und die Gruppen. Wer Facebook, Studi- oder MeinVZ kennt, wird im Umgang mit diesen Funktionen keine Probleme haben. Als Freund markieren, als Freund hinzufügen, einer Gruppe beitreten, und so weiter. In Spassgruppen wie „I Am Brain Damaged“ lässt sich sinnfrei übers Nachtleben diskutieren, in DJ-Fangruppen dürfen die Sets bis in die einzelnen Takte zerpflückt und analysiert werden. Die Videomitschnitte selbst, die in der Regel um die sechzig Minuten andauern, lassen sich ebenfalls bewerten. Zu vergeben sind insgesamt fünf Sterne. Erachtet ein Video für so wertvoll, dass es alle Freunde ebenfalls sehen sollten, kann man es auf diverse Wege, unter anderem via Facebook, teilen. Auch dass man einen Videomitschnitt zu einer persönlichen Favoritenliste hinzufügen, dass man sich selbst und seine Freunde darin markieren, also taggen kann, bedarf keiner ausführlichen Erwähnung. B@.tv will ja zwonullig sein.



Letztendlich ist B@.tv eine soziale Netzwerkplattform, die sich an eine klar umrissene Zielgruppe wendet: Festivalbesucher und Clubgänger. Was langfristig am Zuhause-Anschauen von Festival-Filmchen und dem Taggen von sich selbst und anderen darin reizvoll sein soll, erschließt sich mir auch nach der dritten Testwoche nicht. Das mag vieleicht ein Generationenproblem sein. Ganz grundsätzlich jedoch verhindern Kameras jeglicher Art im Club ein ausgelassenes Feiern und den totalen Exzess, weil die Möglichkeit besteht, dass Fremdzeugen Anteil nehmen können. Das mag ich nicht. Und logge mich aus.

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