Aus dem Badmülleimer

Johanna Schoener

Götz Widmann, einst Deutschlands Kiffliedermacher Nummer eins, kommt nächste Woche für zwei Abende ins Café Atlantik. Widmanns neues Album könnte die Fans der ersten Stunde ziemlich verstören. Eine wohlwollende Betrachtung von Johanna Schoener.

Liedermacher, sind das nicht diese Weltver(schlimm)besserer, die klampfend auf der Bühne sitzen und politisch korrekt sind? Früher vielleicht, ja. Götz Widmann, vielen bekannt als Ex-Joint Venture Mitglied, ist der Rocker seiner Zunft. Zu seinem Repertoire gehören alte Kiffer-Kracher, amüsante Alltäglichkeiten oder die neue Nachdenklichkeit. Am 8. und 9. November spielt Widmann im Atlantik. Im Gepäck hat er die Botschaft „Habt euch lieb“ – die neue Platte mit verändertem Sound. Meine erste Erinnerung an Götz Widmann liegt zehn Jahre zurück. Auf einer Studentendemo in seiner Wahlheimat Bonn saß er mit seinem Bandkollegen Kleinti als Joint Venture auf der Bühne und grölte: „Immer wenn’s mich umhaut und mir schwindet der Humor, stell' ich mir Politiker beim F… vor“. Das Demo-Publikum war begeistert. Ein Jahr später waren Joint Venture neben Portishead und The Cure für uns eines der Highlights beim Bizarre-Festival in Köln. An allen drei Tagen spielten sie gegen Nachmittag auf der kleinsten Bühne. „Keine Macht den Drogen“ stand auf ihren T-Shirts, „Haschisch rauchen macht harmlos“ sagten ihre Münder. Zwei Gitarren, zwei sympathisch-rotzige Männerstimmen, gelegentliches Mundharmonika spielen oder auf dem Kamm blasen. Seit diesen Ersteindrücken ist viel passiert. Am fünften Juni 2000 starb Martin „Kleinti“ Simon im Alter von 33 Jahren an einem Herzinfarkt. Götz Widmann bezeichnete den plötzlichen Tod seines Freundes im Interview mit braintab tv „als tiefsten Einschnitt, den ich bis jetzt in meinem Leben erfahren habe“. Nach einer Auszeit entschied sich Widmann für seine Solokarriere. Im Herbst 2001 erschien seine erste Platte „Götz Widmann“. Die Live-CD „Drogen“ und das Album „Zeit“ folgten. Am 13. Oktober kam „Habt euch lieb“ heraus, überraschenderweise eine Bandproduktion, für die Götz mit befreundeten Musikern ins Studio gegangen ist.

Dabei waren unter anderem Strom und Wasser, Janina, Rüdiger Bierhorst, Veit von JBO und Jesse von den Busters. Die Instrumentalisierung mit Bass, Flügel, Percussion und Co ist für die Fans von Götz’ Gitarrengesang mit Sicherheit gewöhnungsbedürftig. Dafür gewinnen Lieder wie „Kamikazefraun“ und „Exfreundin“ an Tanzbarkeit. Salon-Musik-Charakter wie sie „Ein Erguß von meinem Schwanz“ erzeugt, ist mit einer Gitarre allein nur schwer machbar. Insofern: mehr Instrumente, mehr Stimmung. Ein durchaus komischer Penisappell obendrein. Trotz aller Veränderung im Sound ist das neue Album eine typische Götz Widmann-Platte. Wieder bietet der Barde Einblick in den Abgrund der männlichen Seele. Die damit verbundenen Unanständigkeiten sind so entwaffnend direkt und so geschliffen getextet, dass man Widmann jede Geschmacklosigkeit verzeiht und gerne seinen Blick in den weiblichen „Badmülleimer“ teilt. Das beste Mittel, um sich Frauen abzugewöhnen. Das perfekte Lied für den verlassenen Mann, von denen es auf CD noch mehrere gibt. Wie schon bei seiner Platte „Zeit“ sucht man umsonst nach den lustigen Kiffliedern, mit denen Joint Venture bekannt geworden sind. Widmann hat mal gesagt, dass er keine besseren Lieder mehr zu diesem Thema schreiben könne. Vielleicht hat er auch einfach keine Lust mehr dazu.

Gut so, denn er beherrscht auch die nachdenklichen Töne. Mit denen kreist er auf der neuen CD oft um sich und sein Sängerdasein. Der singende Autor, als der er sich versteht behandelt auch religiöse Konflikte und Armut. Ohne erhobenem Zeigefinger, ohne Pathos. Trotzdem ist „Habt euch lieb“ manchmal ein wenig zuviel des Guten. Dann wünscht man sich den Sound ein bisschen spartanischer. Dann hat man das Gefühl, Widmann wolle zu viele, verschiedene Texte unterbringen. Gerade hat man erfahren, dass Götz ein „Kind der Zivilisation“ sei, dann kommt auch schon das „Kosmische Kind“ im Mantra-Stil. Götz’ Album „Zeit“ tickte runder und unaufgeregter. Im Atlantik wird Götz Widmann wie gehabt allein auf der Bühne sitzen. Es gibt zwar Pläne, auch mal mit Band auf Tour zu gehen. Dafür wird er seine Solokonzerte jedoch nicht aufgeben. Zum Glück. Selten habe ich jemanden auf der Bühne so rocken sehen.


Mehr dazu:

Was: Götz Widmann
Wann: Mittwoch, 8. November und Donnerstag, 9. Nov., 21 Uhr
Wo: Café Atlantik