Augmented Reality: Willkommen, neue Wirklichkeit!

Christian Heller

Früher waren die digitale und die analoge Welt klar getrennt: Bits und Bytes, Videospiele, das Internet und seine Informationen, all dieses Virtuelle war sicher verstaut im Computer-Kasten auf dem Schreibtisch. Himmel, Bäume, Städte, Menschen dagegen waren draußen, in der Wirklichkeit. Doch diese Grenze verschwindet. Spezielle Anwendungen erweitern die Realität und reichern sie mit Informationen an. Auf Englisch heißt anreichern "to augment". Und so heißt der dazugehörende Techniktrend "Augmented Reality".



Konkret funktioniert das zum Beispiel so: Ein Tourist steht in Freiburg vor dem Münster oder vor dem Martinstor und betrachtet das Bauwerk durch sein Handy. Wie ein Scanner erkennt ein Spezialprogramm das Gebäude und gibt Auskunft über seine Geschichte, den Bauherrn oder die Öffnungszeiten. Der Tourist kann sich außerdem auf einer Google-Karte anzeigen lassen, welche Cafés sich in der Nähe befinden – und er kann sich darüber informieren, wie andere Gäste diese Cafés bewertet haben.


Das klingt ein bisschen nach Science-Fiction. Ausprobieren kann man diese neue Wirklichkeit jedoch schon heute mit Programmen, die für die neuesten Smartphones entwickelt wurden. Smartphones sind sehr leistungsfähige Mobiltelefone wie das iPhone von Apple, das T-Mobile G1, der Palm Pre, das Nokia N900 oder das Motorola Milestone.

Diese modernen Mini-Computer sind nicht nur ständig online. Sie können auch ihre räumliche Umwelt erfassen. Sie besitzen eingebaute Kameras, kennen dank der Satellitentechnologie GPS (Global Positioning System) ihre genauen, räumlichen Koordinaten und erkennen durch einen Kompass die Blickrichtung des Handy-Nutzers.

Sensoren identifizieren sogar, ob (und in welchem Winkel) man das Gerät quer, hochkant oder schräg hält. Smartphone-Programme wie Layaroder Wikitudeverknüpfen dann all diese Informationen mit geographischem Wissen aus dem Netz.

Layar, worlds first mobile Augmented Reality browser

Quelle: YouTube [youtube b64_16K2e08 nolink]

So schließen sie, auf welche Stadt, welches Monument oder welches Gebirge die Handy-Kamera gerade schaut. Wie eine durchsichtige Scheibe hält der Benutzer das Smartphone vor seine Augen, um Dahinterliegendes auf den Bildschirm verdoppelt zu sehen; dort wird es vom Programm überlagert mit Online-Informationen wie Namen, Entfernungen, Geschichte - oder auch mit einem Verweis auf die Website des gerade betrachteten Restaurants samt Speisekarte.

Wohin man den Kamera-Sucher auch richtet: Jede Straße, jedes Haus, jeder Gebirgszug wird auf dem Bildschirm benannt, erklärt und verortet, wie von einem Reiseführer oder Lokalhistoriker. Das Smartphone wird so zu einem neuen Fenster in die Welt: eine Art magischer Brille, durch die der Besitzer Neues aus seiner Umgebung herauslesen kann.

Auf diese Weise macht „Augmented Reality“ die Welt zum Buch. In diesem Buch kann nicht nur gelesen, sondern auch geschrieben werden: So kann man eigene virtuelle Kommentare an die räumlichen Koordinaten eines Geschäfts heften – zum Beispiel an eine Eisdiele oder einen Feinkostladen. Spätere Besucher können diese Kommentare dann studieren wie eine handschriftliche Notiz in einem Stadtführer.

Andere Augmented-Reality-Programme setzen darauf, Muster visuell zu erkennen. Der Zxing Barcode Scanner identifiziert zum Beispiel Produkt-Strichcodes, wie man sie bei Milchkartons oder DVD-Hüllen kennt. Das kann in Supermärkten nützlich sein. Richtet man die Smartphone-Kamera auf das Muster eines Produkts, können kritische Online-Rezensionen das Eigenlob des Verpackungstextes überlagern; oder Online-Preisvergleiche das Preisschild – so kann man im Laden recherchieren, ob ein Produkt teuer oder günstig ist. Sogenannte QR-Codes dagegen, das sind quadratisch-schwarzweiße Pixel-Grafiken, werden im Kamerabild als verschlüsselte Text-Mitteilung oder Internet-Adresse erkannt und entschlüsselt angezeigt.

Auch Menschen, die ein schlechtes Gesichts- oder Namens-Gedächtnis haben, können von Augmented-Reality-Programmen profitieren. Schon heute funken viele Smartphone-Besitzer ständig ihre Position samt Identität ins Netz, zum Beispiel über Google Latitude. Das eigene Handy muss nur diese Daten abgreifen und ins Blickfeld projizieren – schon findet man sich wieder sozial zurecht.

"Augmented Reality" hilft auch dabei, sich räumlich zurecht zu finden. Wer sich in einer fremden Stadt verlaufen hat, kann sich mit richtungsweisenden Pfeilgrafiken orientieren – wie mit dem Navigationssystem eines Autos. Auch virtuelle, dreidimensionale Gegenstände lassen sich in die „erweiterte Realität“ werfen: So erzeugt das Handy-Spiel ARhrrrr! auf dem Smartphone eine kleine, dreidimensionale Stadt, durch die Miniatur-Zombies laufen.

ARhrrrr - An augmented reality shooter

Quelle: YouTube [youtube cNu4CluFOcw nolink]

Diese Technologie könnte zum Beispiel auch beim Online-Einkauf von Kleidung genutzt werden, um Kleidungsstücke zur Erleichterung der Kaufentscheidung auf dem Smartphone oder dem PC-Bildschirm auf den Körper des möglichen Käufers zu projizieren.

Zugara's Augmented Reality & Motion Capture Shopping App

Quelle: YouTube

[youtube NxQZuo6pFUw nolink]

Für Besucher von New York lässt das schon erwähnte Wikitude mit dreidimensionalen Bildern neuerdings die Türme des World Trade Center wieder auferstehen, am ursprünglichen Ort, in ursprünglicher Größe, sichtbar von überall her in der Umgebung, von nah und fern – wenn man denn dabei durchs Handy-Fenster blickt. Vielleicht dürfen Touristen auf diese Weise bald auch die Ruinen von Pompeji als intakte, belebte Stadt der Antike durchwandeln?

Jeder Architekt, Städteplaner oder Phantast kann jetzt nach diesem Prinzip seine Gestaltungsideen real existierenden Räumen auferlegen.

Was wohl herauskommt, wenn die Kreativität des Internets unsere äußere Welt neu schreibt?

Mehr dazu:


Der Wikitude-Browser in Aktion