Aufwachsen am Existenzminimum

David Weigend

Er ist 17, besucht ein Freiburger Gymnasium und kommt jetzt in die 11. Klasse. Er will anonym bleiben, denn er spricht mit uns recht offen über die Armut, in der er mit seiner fünfköpfigen Familie lebt. Ein Interview, das den schwammigen Begriff "Hartz IV" vielleicht etwas konkreter macht.



Wie groß ist deine Familie?

Wir leben zu fünft in einer Wohnung, die 85 Quadratmeter groß ist. Meine Mutter, 36, allein erziehend; mein 16-jähriger Bruder, mit dem ich ein Zimmer teile. Nebenan wohnt meine neunjährige Schwester. Außerdem ist vor ein paar Monaten noch eine kleine Schwester dazugekommen.

Wie sieht euer Zimmer aus?

Bis vor zwei Jahren war es eher chaotisch eingerichtet. Dann haben wir vom Sozialamt Gutscheine bekommen für reduzierte Möbel in einem speziellen Kaufhaus. Dort haben wir Fehlproduktionen von Ikea gekauft. Schrankbretter, bei denen ein paar Löcher gefehlt haben. Aber das macht ja nichts.

Welche Poster hast du aufgehängt?

Musiker, die gerade in den Charts waren. Hauptsächlich Eminem. Der war damals sehr wichtig für mich. Heute nicht mehr so. Die frühen Texte von Azad beschäftigen mich zur Zeit.

Wieviel Taschengeld bekommst du im Monat?

Vor drei Jahren haben meine Mutter und ich vereinbart, dass ich 20 € im Monat bekomme. Seit acht Monaten kriege ich das Geld nicht mehr. Ich spreche meine Mutter aber nicht darauf an. Es ist cool, wenn sie die 20 € sparen kann. Ich verdiene ja genug, knapp 100 € im Monat.

Wie verdienst du das Geld?

Ich beliefere alte Damen und Bedürftige mit Medikamenten. So bin ich als Fahrradkurier vor allem in der Wiehre unterwegs. Komischerweise bekomme ich in den Villen am Lorettoberg das kleinste Trinkgeld. Außerdem gebe ich Nachhilfe in Mathe und Deutsch.

Hartz IV klingt abstrakt. Was heißt das für euch konkret?

Das Arbeitsamt überweist meiner Mutter im Monat etwa 1500 €. Da ist das Wohngeld schon inklusive. Unsere Miete darf nur 5,20 € pro Quadratmeter betragen. Jedem in der Familie, bis auf das Baby, stehen also ungefähr 345 € zu.



In welchen Situationen bereitet dir die finanzielle Lage Probleme?

Bei Klassenfahrten zum Beispiel. Da wird’s hart. Letztes Jahr sollten wir mit der Klasse nach Berlin fahren. Da musste ich 240 € zusammenkratzen. Das Arbeitsamt bezuschusst so was maximal mit 130 €. Um diesen Zuschuss zu kriegen, musste ich dem Arbeitsamt einige Bescheinigungen vorlegen. Der Klassenlehrer musste genau auflisten, was wieviel kosten würde: Bahnfahrt, Hotel, Essen, Ausflüge und so weiter. All das musste die Stufenleitung unterschreiben.

Kompliziert.

Es ist dann auch nicht so, dass das Arbeitsamt sofort zahlt. Die sind da eher unzuverlässig. Ich weiß nicht, wie die sich das vorstellen. Es war für uns jedenfalls wirklich nicht einfach, dieses Geld vorzustrecken.

Fühlst du dich benachteiligt?

Ich kenne es nicht anders. Ich habe schon immer von Sozialhilfe gelebt und seit 2005 eben von Hartz IV. Vor 2005 war es einfacher, mal einen neuen Schrank zu bekommen. Auch das Kleidergeld war üppiger, man bekam Essensgutscheine für die Tafel. Insgesamt wurde mehr genehmigt.

Siehst du auch positive Aspekte darin, dass du am Existenzminimum aufwächst?

Ich habe erfahren, dass man auch mit wenig Geld viel Spaß haben kann. Ich betrachte meine Umwelt vielleicht kritischer als andere.

Wieviel Geld gibst du für eine Hose aus?

Mehr als 70 € zahle ich nicht. Ich kann mir auch nicht immer eine kaufen. Manchmal muss ich einen Monat warten, bis ich eine Hose gefunden habe und genug Erspartes in der Tasche habe, um sie mir zu leisten.

Was entbehrst du?

Oft fragen mich Freunde, ob ich mit denen ins Kino gehen will und ich muss passen. Kinobesuche leiste ich mir nur selten. Am letzten Schultag wollten einige Freunde ins Laguna fahren. Da musste ich auch sagen: „Sorry, ist bei mir nicht drin.“



Vergleiche euren Kühlschrankinhalt mit dem deiner Freunde.

Der Kühlschrank bei Freunden ist dreimal so voll wie unserer. Ich kenne auch keine Familie, die am Ende des Monats noch den Euro für die Milch zusammenkratzen muss. Es gab Monate, in denen wir die letzten vier Tage gar kein Geld mehr hatten.

Wann wird in deiner Familie über Geld gesprochen?

Im Zusammenhang mit Essen. Meine Mutter sagt dann zum Beispiel: „Haut nicht so rein. Das Gemüse muss noch ein bisschen halten.“ Generell ist es am Monatsanfang einfacher als am Monatsende. Am Anfang ist mehr Essen im Haus, weil wir da einen Großeinkauf machen.

Welchen Stellenwert hat Geld für deine Mutter?

Meine Oma hat meiner Mutter vermittelt, dass Geld nicht das Wichtigste sei. Jetzt hat sie ihre Meinung geändert. Sie sagt zu mir: „Schau, dass du rauskommst aus diesem Scheißleben. Streng dich an in der Schule.“ Sie sagt das nicht als Drohung, sondern wirklich gut gemeint.

Wenn du nachts noch mal Hunger bekommst, kannst du dann einfach in die Küche gehen und dir etwas braten?

Eigentlich darf ich nicht ran an den Monatsvorrat. Außerdem ist die Küche von dem Zimmer meiner Mutter nur von einer dünnen Schiebetür getrennt. Es würde sie also stören, wenn ich mir da nachts was bruzele. Auch wenn ich das gerne machen würde, könnte ich nicht einfach an den Kühlschrank gehen und mir eine Tomate rausnehmen.

Gehst du am Wochenende mal abends in die Kneipe?

Dafür habe ich nicht das Geld. Viel zu teuer. Ich beobachte bei vielen Leuten aus meiner Schule, dass die immer mehr trinken und kiffen. Darauf habe ich keinen Bock, auch wenn ich so vielleicht ein wenig zum Außenseiter werde. Dieses Jahr sind vier Schüler aus meiner Klasse sitzen geblieben, weil sie es abends zu weit getrieben haben. Mein Ziel ist es, das Abi mit einem Durchschnitt von 1,9 zu schaffen. Im Moment stehe ich auf 2,3.



Du hast seit einigen Monaten eine kleine Schwester. Wird es nicht langsam zu eng auf euren 85 Quadratmetern?

Die Wohnung ist inzwischen viel zu klein. Aber das Arbeitsamt bemisst unseren Wohnraum als ausreichend. Ein eigenes Zimmer wäre schon sehr cool. Seit sieben Jahren teile ich das Zimmer mit meinem Bruder. Unsere Betten stehen, genau abgemessen, hintereinander.

Wie kommt ihr aus?

Es passt schon. Aber es gibt auch Konflikte. Er braucht zum Beispiel mehr Schlaf, als ich. Jeden Abend beschwert er sich, dass ich um 22.30 Uhr noch Licht anhabe. Manchmal wünscht man sich einen Freiraum, dann muss ich halt rausgehen.

Welche Verpflichtungen hast du im Haushalt?

Küche aufräumen, kochen, Müll runterbringen, fegen, wischen, einiges einkaufen, je nach Plan. Es gibt Tage, da bin ich, inklusive Schule, zehn Stunden am Arbeiten. Lernen muss ich am Wochenende oder morgens auf der Busfahrt zur Schule.

Sind die Umstände, unter denen du aufwächst, Ansporn für dich, viel Geld zu verdienen?

Auf jeden Fall. Da bin ich sehr ehrgeizig geworden. Ich will später einen Medienberuf ausüben, am besten etwas mit Fotografie. Ich habe neulich in einem Magazin gelesen, dass Fotografen bis zu 3900 € brutto verdienen. Mein Ziel ist es, als Fotograf einmal 8000 € brutto im Monat zu verdienen.

Deine Freunde bekommen von Eltern und Verwandten zum Geburtstag wesentlich höhere Geldbeträge geschenkt, als du. Bist du da neidisch?

Neidisch nicht. Ich bin ein bisschen verärgert, dass manche dieses Geld für Mist ausgeben. Beispielsweise kaufen die sich irgendein elektronisches Gerät, ohne sich zu informieren, ob es sein Geld wert ist oder nicht. Sie kaufen es, weil die Werbung sagt, dieses Gerät sei toll. Ich schaue mich mindestens drei Wochen um, bevor ich ein Gerät kaufe, das teurer ist als 100 €.

Soll nicht jeder mit seinem Geld machen, was er will?

Ich habe kein Problem damit, wenn jemand viel Geld hat. Aber ich finde es schade, wenn er damit schludrig umgeht.



Was ist für dich Luxus?

Wenn ich mir ein belegtes Brötchen für 1,50 € beim Bäcker holen kann. Normalerweise sag ich mir: „Nee, ich warte jetzt noch zwei Stunden, dann gehe ich in die Pizzeria und hole mir da für 2,50 € ne Pizza.“ Für den Hunger zwischendurch sind 1,50 € einfach nicht drin. Dann gehe ich zum Penny Markt und hole mir ein Brötchen für 15 Cent.

Gibt es einen Verlust, den du wegen eurer Armut hinnehmen musstest?

Wir hatten uns einen Hund aus dem Tierheim geholt. Alles lief bestens. Nach einem Jahr aber konnten wir die Kosten für den Hund nicht mehr aufbringen: Steuern, Versicherungen, Futter, Arztkosten. Wir mussten den Hund weggeben. Ich habe ihn sehr geliebt.