Auferstehung in der Todesgruppe - das WM-Tagebuch (5)

Rudi Raschke

Morgen geht diese nie gesehene Kreuzung aus Katholikentag und Love Parade in ihre dritte Woche: Und ganz Deutschland zieht emotional weiter blank. Dass dabei auch mal tief in die Märchenkiste gegriffen werden kann, zeigte die FAZ gestern. Ihre Gefühle im Bauch: "Keine Wackersteine mehr, eher so, als habe man gerade sechs junge und zarte Geißlein verspeist."



Hm, vielleicht sollte man zur Durchleuchtung seines WM-Innenlebens auch einfach nur ins Stadion statt ins Grimm-Buch schauen. Gestern war wieder so ein Abend für mich: Arena München, 21 Uhr, Block 124, Reihe 20, Sitz 6, Serbien gegen Elfenbeinküste. Die Vorzeichen wie erwähnt mies: In der Todesgruppe mit Holland und Argentinien waren beide Teams bereits vor Anpfiff verblichen, die beiden Stars Kezman und Drogba gesperrt, es goß aus Kübeln und das Licht-Wunder von Fröttmanning präsentierte sich mattweiß vor grauem Hintergrund. Das Match des Tages stieg zeitgleich in Frankfurt. War ich zur falschen Zeit am falschen Ort?


Nein! Denn am Ende war es wieder eines dieser umwerfenden WM-Ereignisse, wie sie nur hier und jetzt während dieser kostbaren vier Wochen passieren: Kurz vor 23 Uhr feierte die große Mehrheit der 60.000 die Jungs der Elfenbeinküste, als hätten sie gerade den Titel geholt. Schöner kannst Du nicht ausscheiden: Nach 0:2- Rückstand noch einen Sieg erkämpft, bei jeder Ballstafette am Ende von einem johlenden Publikum gefeiert, nach Abpfiff auf dem Rasen die La Ola der Massen dirigiert. Wann wird je ein WM-Verlierer wieder so einen Auftritt im Fußball-Geschichtsbuch bekommen?

Nach Abpfiff gab es wieder jene unwirklichen Verbrüderungsszenen wie aus dem “Wildfremde-Menschen-liegen-sich-in-den-Armen”-Klischee. Noch der frustrierteste Serbe wollte sein Erinnerungsfoto mit einem echten Ivorer. Weil von denen so wenige zur WM reisen konnten, sprangen deutsche Afrika-Fans ein. Manche Münchner Familie erschien komplett in den orangefarbenen Fanartikeln der “Elefanten”.

Deshalb war das gestern wieder ein typisches WM-2006-Match: Der seit ein paar Jahren angezählte Fußball-Riese aus Deutschland interessiert sich endlich einmal für fremde Fußball-Kulturen. Noch die ältesten Grantler waren gestern als “Drogba” im Stadion ? auf der Backe orange-weiß-grüne-Schminke in Landesfarben, die sie vor ein paar Monaten garantiert nicht kannten.

Wer weder für die Balkan-Jungs noch für die Afrikaner war, zog sich einfach ein anderes Lieblingstrikot an: Bei 15 Ländern habe ich in der U-Bahn mit dem Zählen aufgehört. Die abwegigste Fahne war eine griechische an der Balustrade im dritten Rang: Darauf stand “Hellas Melbourne”. Die Wege des Fans sind unergründlich.