Auf Kneipentour mit Hochbegabten: Schlau? Scheißegal!

Marius Buhl

800 Hochbegabte treffen sich gerade in Freiburg. Auch auf ihrem Programm: eine Kneipentour durch die Altstadt. Aber was passiert, wenn ein IQ von über 130 mit Bier, Wein und/oder Hochprozentigem konfrontiert wird? fudder-Redakteur Marius Buhl hat die schlausten Deutschen ins Hemingway, Shooters und El.Pi begleitet. Sein Ziel: Trinken bis zur Niveaulosigkeit.

Da stehen sie also, die schlausten Deutschen, dicht zusammengedrängt vor der Hemingway Bar. In Funktionsjacken, in Anzügen, in Röcken. Wenn der Gruppenleiter spricht, hören alle aufmerksam zu: “Smoker's Lounge, guter Whiskey Sour da drin, na dann mal rein mit euch.” Der Türsteher schaut etwas schräg auf die weißen Schilder mit den roten Bändeln, die sich die Hochbegabten um den Hals gehängt haben. Darauf stehen ihre Namen, die Vornamen sind besonders wichtig. Man duzt sich hier.


Kneipentour mit Hochbegabten, läuft das anders ab, als mit Arbeitskollegen oder Schulfreunden? Saufen Leute mit IQ 130 plus oder trinken sie nur? Und: Über was reden sie?

Rund 800 Hochbegabte sind derzeit in Freiburg, der Hochbegabtenverein Mensa veranstaltet hier das Jahrestreffen. In unserer Dreisamstadt haben sie fünf Tage volles Programm: Schneeschuhwanderung auf dem Feldberg (leider abgesagt), Hypnosekurse, Brauereibesichtigung. Und eben eine Kneipentour. Etwa 40 Leute sind gekommen, erwartet waren mal 80. Die anderen schlafen schon, höre ich, manche spielen auch Brettspiele. Eigentlich schade, dass nicht alle 800 gekommen sind.  

Ich stelle mir das Ganze so vor: Am Anfang werden wir über Intelligenz reden, klar. Über logisch-mathematische und über intrapersonale. Auch ein bisschen über IQ-Tests, ob die repräsentativ sind und so. Dann aber, so hoffe ich, werden wir abstürzen; Intelligenz einfach Intelligenz sein lassen und an der Bar abhängen. Kurze trinken. Sprüche klopfen. Vielleicht auch mal einen auf Kosten der Bedienung. Biergläser klirren lassen, mit der flachen Hand vor Lachen fest auf die Bar klatschen. 

Hemingway, halb eins. Mein Nachbar, ein Typ aus dem bayerischen Wald, Brillenträger, wache Augen. Lehre zum Koch gemacht, trinkt Whiskey für 14 Euro. Der Schluck, wohlgemerkt. Ich schaue noch in die Karte, sehe einen Drink und murmele seinen Namen. Dann schließe ich die Karte, wir reden über abgebrochene Studien, über die wärmste Stadt Deutschlands, es dauert lange bis die Bedienung kommt. Als sie kommt, habe ich längst vergessen, wie mein Drink heißt. Gut, dass mein Nachbar einen IQ höher als 130 hat - er hat sich mein Gemurmel gemerkt: “Einen Dr. Smoke wolltest du, das ist der fein herbe Whiskey mit Zitronengras.” Dankeschön, Meister.

Nach einem Drink ist hier Schluss, die Hemingway schließt. Was habe ich gelernt? Ein wenig finnische Grammatik, ziemlich viel über Whiskey und dass man im Leben das machen muss, was einem Spaß macht. Das wusste ich aber schon vorher. Und, dass der Bayer ein ganz herzlicher ist. Er zahlt meinen Dr. Smoke, könne ja nicht sein, dass ein Reporter was zahlen muss.

Nächster Stopp: Shooter Stars. Man muss sich die Ironie vorstellen. Mit den schlausten Menschen Deutschlands ins Shooters. Das ist jene Bar, in der man für zwei Euro lausige Shots bekommt, die sie dort Frigide Uschi oder Dreisam nennen und die auch genau so schmecken. Wir bleiben eher am Eingang der Bar stehen, mit etwas Abstand zu den anderen Barbesuchern. Die schauen interessiert auf, als wir eintreten.

Kaum da, quatscht mich eine betrunkene Freundin an. Was machst’n hier? Saufen mit Hochbegabten. Wie, was? Sie will es genauer wissen, fängt an, Andreas, Leiter der Kneipentour, IQ über 130 und auch Leiter der Mensa-Interessengruppe Go-SIG (sprich: Gothic) auszufragen. Der erklärt bereitwillig. Dass er ADHS hat, dass er dreimal schneller denkt als viele andere und deshalb Leute dauernd unterbricht. Weil er weiß, was man sagen will, bevor man es ausgesprochen hat. Die Leute mögen das manchmal nicht.

Dann gibt er der betrunkenen Freundin Tipps zu ihrer Ausbildung als Architektin, am Ende hat sie so viele, dass sie sich vermutlich keinen mehr merken kann. Ich werde langsam nervös: Saufen wir jetzt? Ich gehe aufs Klo, als ich zurückkomme hat die Bedienung die Drinks gebracht. Bier für die meisten, keine Shots.

Letzter Stopp: El.Pi, hat ja sonst nichts mehr auf. Viele sind schon heimgegangen, von den paar wenigen, die noch da sind, stolpern einige schon etwas angeschickert die Treppen zu diesem Freiburger Studentenladen hinab. Der DJ spielt das, was er immer spielt.

Wir setzen uns neben die Tanzfläche, die Gesprächsthemen kreisen noch immer um Intelligenz. Vielleicht liegt das daran, dass die Hochbegabten mir zu viel darüber erklären wollen. Ganz bedacht sind sie darauf, dass man sie nicht als hochnäsig oder arrogant abstempelt. Dass man weiß, dass neben Im-Privatjet-Anreisenden auch Auf-dem-Bauernhof-Arbeitende in Freiburg dabei sind. Dass Intelligenz nicht Wissen ist. Aber das weiß ich ja schon alles.

Angetrunken und leicht genervt frage ich meinen Nachbarn, einen Mittfünfziger mit Indiana-Jones-Jacke: Werdet ihr eigentlich nie betrunken und redet dummes Zeug? Er lacht. Dann erklärt er: Stell dir vor dein Gehirn ist ein VW Golf. Meins ist eher ein Porsche 911. Wenn ich Alkohol trinke, zieht mir das 100 PS ab. Damit bin ich aber noch immer schneller als der Golf. Ich muss lachen, sehe aber ein, dass ich verloren habe. Einen dummen, unreflektierten Stammtisch-Möpse-Dummkopf-Satz werde ich heute nicht mehr zu hören bekommen. Die Hochbegabten gehen jetzt tanzen. Ich hole meine Jacke und gehe. Frühstück beim Döner. Schlau? Scheißegal.

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