Auf ein Buch mit Michael Schwarz (1)

Maria-Xenia Hardt

Neue Serie bei fudder: Wir besuchen kleinere, charmante Freiburger Buchhandlungen und lassen uns vom Inhaber seinen aktuellen Lesetipp geben. Den Anfang macht Michael Schwarz von der gleichnamigen Buchhandlung in der Wiehre. Er erzählt, warum er Wojciech Kuczoks "Lethargie" empfehlenswert findet.



In Zeiten von amazon und Thalia hat mancher schon fast vergessen, wie es ist, eine kleine, gut sortierte Buchhandlung zu betreten, in der man mit Namen begrüßt wird, in der es noch nach Büchern riecht und nicht nach Kaufhaus. Glücklicherweise gibt es noch einige dieser herkömmlichen Buchhandlungen in Freiburg. Die wollen wir in einer kleinen Serie vorstellen, indem wir uns mit den Ladeninhabern und ihrem derzeitigen Lieblingsbuch treffen.


Die Buchhandlung

Unsere erste Station befindet sich in der Günterstalstraße, wo Michael Schwarz seit fast zehn Jahren Bücher verkauft. „Literatur ist, was mich an- und umtreibt“, sagt er. Er versteht Bücher als eine Chance, aus dem eigenen Leben auszubrechen, immer wieder Neues durch die Augen anderer zu sehen.

Im Laden von Herrn Schwarz finden sich ausgesuchte Romane, aber auch Kinderbücher, Reiseführer und Krimis. „Hier gibt es keine Wahllosigkeit“, sagt er, „das ist der Unterschied zum Supermarkt: Die Kunden schätzen, dass sich jemand die Mühe macht, auszuwählen. Sie spüren, dass Literatur uns wirklich interessiert.“

Dieses Interesse am geschriebenen Wort ist vor allem dann zu spüren, wenn Schwarz über weniger bekannte Autoren spricht, die er seinen Kunden auch gerne mal ans Herz legt und denen er im Rahmen von Lesungen immer wieder ein Podium bietet, sich und ihr Werk zu präsentieren.

So ist es kaum verwunderlich, dass er zur Lektüre Wojciech Kuczoks neuen Roman Lethargie vorschlägt – ein Buch, das man auf den Verkaufstischen der großen Buchhandlungen vergeblich sucht.

Aber darum geht es hier ja auch gar nicht, im Gegenteil, es geht um „Offenheit, sich auf Fremdes einzulassen“, sich davon berühren zu lassen und den immateriellen Wert zu entdecken, der zwischen zwei Buchdeckeln steckt. „Durch Literatur kann man Regionen kennenlernen, in denen man noch nie war und die man vielleicht auch nie bereisen wird. Man erfährt, was die Leute dort bewegt. Das macht Literatur so lebendig  - sie ist ja auch immer ein Angebot zum Dialog."



Das empfohlene Buch

Unsere Reise geht nach Polen, zu Adam, einem jungen Arzt, der seine Homosexualität nicht offen leben kann; zu Robert, einem Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann, der „vom Nichtschreiben besessen“ ist; zu Rosa, einer Schauspielerin, die zwischen Schläfrigkeit und der Angst, ihren Ehemann an eine andere zu verlieren, gefangen ist.

Mitunter rasant und doch mühelos springt Wojciech immer wieder von einer Geschichte zur anderen, im einen Satz noch steht Adams junger Geliebter unerwartet vor dessen Tür, im nächsten flüchtet Robert vor seiner hysterischen Ehefrau ins Badezimmer, auf der Suche nach etwas Ruhe.

Manchmal streifen sich die Geschichten oder kreuzen sich gar, wenn Robert Rosa sein Leid klagt, nachdem Adam seine Chancen eine schwere Krankheit zu überleben als eher niedrig eingestuft hat: „Sie müssen Lust haben auf das Leben. Und ich spüre in Ihnen eher eine starke Todessehnsucht.“

Kuczok schönt nicht und seine Realität ist die harte Realität dreier Menschen, die sich in einem Land zurechtfinden müssen, dass mitunter seltsam paralysiert wirkt, als traue es sich nicht recht, sich nach dem Ende des Kommunismus in seiner neuen Freiheit zu entfalten.

„In diesem Land wird man nie richtig Gas geben können“, stellt Kuczok einmal fest, „denn hier repariert man eine alte, statt neue Autobahnen zu bauen.“ Er bemängelt scheinbar am Rande durch den Mund eines Fußballreporters die „Lethargie im Spiel der Polen“, die Zerrissenheit seiner Protagonisten spiegelt die Zerrissenheit Polens wieder. Es ist ein ehrliches und manchmal schonungsloses Porträt, das er zeichnet, aber kein unversöhnliches.

Buchhändler Michael Schwarz gefällt, dass Kuczok auf Probleme hinweist, aber keine vorgefertigten Lösungen anbietet: „Kuczok zeigt die polnische Gesellschaft im Umbruch – der Riesenfreiraum der post-kommunistischen Zeit und das gleichzeitige Verankertsein im traditionellen Katholizismus. Er ist gewiss niemand, der dem Papst huldigt, aber er urteilt auch nicht darüber. Literatur, die scheinbare Lösungen anbietet, ist keine. Kuzcok zeigt vielmehr Probleme auf, lässt viel Platz für den Leser – und das ist die große Gabe der Literatur.

Ob er damit wohl auch in seiner Heimat Erfolg hat? Schwarz kann nur mutmaßen: „Ich kann mir vorstellen, dass konservative Polen ein Problem mit diesem Buch haben, gerade weil es ihre eigene Zerrissenheit mit einer gewissen Härte porträtiert.“

Das große Happy End, man ahnt es, bleibt aus, aber zwischen den Zeilen lassen sich doch Spuren des Glücks finden, für jeden der drei Protagonisten. Der Leser kann das Buch sowieso mit einem erhabenen Gefühl schließen, denn so schwermütig mitunter der Inhalt ist, so leichtfüßig ist auch Kuczoks Stil.

„Er ist ein virtuoser Schriftsteller“, schwärmt Michael Schwarz, „sehr musikalisch, sehr rhythmisch, sehr temperamentvoll, er erzählt mit viel Tempo - das ist sicherlich ein formaler Trick, weil das alles im Kontrast zur beschriebenen Lethargie steht.“

Und vielleicht sorgt gerade Kuczoks Ehrlichkeit und das eher ernüchternde Schicksal der Protagonisten dafür, dass sich der Leser Roberts Fingerzeig zu Herzen nimmt: „Es gibt sieben Todsünden, und die schwerste von ihnen ist die Trägheit… Gib dich der Lethargie nicht hin, wenn sie dich einmal befällt, lässt sie dich nie wieder los.“

Die Buchhandlung
Buchhandlung Schwarz
Günterstalstraße 44, 79100 Freiburg
Telefon: 0761-71806
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9.30-19 Uhr; Sa 9.30-14 Uhr

Der Buchhändler empfiehlt:
Wojciech Kuczok: Lethargie; Suhrkamp 2010, 252 Seiten, 19,80 €, ISBN 978-3518421833

Mehr dazu:

Was: Lesung mit Wojciech Kuczok
Wann: Dienstag, 9. November 2010, 20 Uhr
Wo: Buchhandlung Schwarz