Auf ein Bier mit Agnostic Front

David Weigend

Die New Yorker Hardcore-Gründungsväter von Agnostic Front haben gestern im beängstigend vollen Café Atlantik einen kurzen und schmerzvollen Gig hingelegt. Wir haben Roger Miret (Gesang) und Vinnie Stigma (Gitarre) vorher auf ein Bier getroffen (mit Videoclip zur agnostischen Tattookunde).



"Sind wir hier in Bayern?", fragt der etwas übermüdete Roger Miret, als er das riesige Walfischschnitzel in Angriff nimmt. Natürlich nicht. Doch darf man dem AF-Shouter die Desorientierung nicht übel nehmen: Gestern noch London, ausverkaufte Show, eine unruhige Nacht im Nightliner, nun also Freiburg. Roger und Vinnie lassen es sich schmecken und sie putzen die panierten Dinger vollständig weg.


Die Kalorien werden sie brauchen. Gegen 23.30 Uhr wird es wieder soweit sein, dass Roger schweißüberströmt im Atlantik den Tourmanager anhaut, er möge doch die Monitorboxen wegschaffen, das ganze Geraffel brauche doch kein Mensch, die Leute wollen mehr Platz zum Stagediven.

Alltag einer Hardcoreband, deren Gründungsmitglieder zwar keine Straßenkämpfer mehr sind (der dreifache Vater Roger lebt mittlerweile mit Kind und Kegel in einem Vorort von Phoenix, Arizona und schraubt Hot Rods zusammen), die aber dennoch an Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion für die Szene nicht einen Deut eingebüßt haben - auch wenn sich gestern leider kein einziger Titel von "One Voice" auf der Setlist befand, dafür viel noch älteres Material von "Victim in Pain".



Vor dem Konzert haben wir mit Roger und Vinnie ein Bierchen getrunken. Die Essenz ihrer Statements im folgenden.

Hardcore

Roger: Hardcore ist eine Bewegung, kein Trend. Ein Gefühlsausdruck.

Vinnie: Es geht um Bruderschaft. Schau mal, Roger und ich machen das seit 28 Jahren.

Roger: Ich kann es schwer beschreiben. Aber wenn du auf unserem Konzert bist, spürst du, worum es bei Hardcore geht. Du kannst die Verbundenheit fühlen.

New York

Roger: Erstmal will ich sagen, dass New York die wahre Hauptstadt Amerikas ist. Es ist mir wurscht, was andere sagen. Denn NYC ist wirklich dieser vielzitierte Schmelztiegel von verschiedenen Kulturen, Religionen, Mentalitäten. Wir sind da mittendrin aufgewachsen. Lower East Side Manhattan. Anfang der 1980er Jahre war es da noch nicht so lauschig wie heute. Schau dir Scorseses Taxi Driver an, oder The Warriors von Walter Hill. Wie gesagt, damals war New York ein gefährliches Pflaster. Wenn du heute durch die Stadt gehst und versuchst, unsere Texte mit der Wirklichkeit zu vergleichen, denkst du: „Worüber reden die Jungs bloß? Ist doch ganz nett hier.“ Nun ja, damals war das anders.



Vinnie: Die Straßen von New York sind heute voller Luschen und Weicheier. Die sind von überall her, aber nicht aus New York City. Es sind keine echten New Yorker. Aber sie meinen, sie wären’s, weil sie ein Jahr dort gelebt haben. Scheiß drauf. Das geht mir auf den Sack. Denn ich bin ein echter New Yorker, geboren und aufgewachsen in der Stadt, die niemals schläft. Und sie ist immer noch meine Heimat nach all den Jahren. Ich habe dort alles gesehen. Tod und Geburt.

Schule

Roger: Ich besuchte die Schule bis zur achten Klasse. Danach war die Straße mein Lehrmeister. Keine High School, kein College. Mein Abschluss war „Victim in Pain“.

Vinnie: Ich war auf der Geburtstagsparty, als Harley Flanagan (Gründer der CroMags, Anm. d. Red.) 12 wurde. Er hat mir vors Schienbein getreten und ich habe ihn dafür die ganze Nacht um den Block gejagt. Mein Kind wird bald 14. Ich würde ihm nicht erlauben, so aufzuwachsen.



Rebellion gestern und heute

Roger: Als ich die Texte für One Voice schrieb, saß ich im Knast. Das war 1988 und 1989. Es ging damals darum, unser Territorium zu verteidigen. Diese Zeiten sind vorbei. Ich schätze, wir haben die Schlacht verloren. Gegen die Polizei, gegen Giuliani. Früher trugen wir Konflikte selber aus. Wir hatten unsere eigenen Gesetze, unsere eigenen Strafen.

Aber ist es nicht seltsam, dass etwa ein Freiburger Bürger im Jahre 2009 mit den Texten von „One Voice“ was anfangen kann, obwohl das überhaupt nicht seine Lebenswelt ist? Wir machen unsere Musik für Leute, die für ihre Vorstellung von Gerechtigkeit eintreten. Und es wird in hundert Jahren noch so sein, dass Leute unsere Texte verstehen. Denn Wut und der Wunsch, etwas zu verändern, das wird es immer geben.



Obama

Vinnie: Obama ist ein Versager. Er macht nichts. Der Rest der Welt sollte besser aufwachen und aufhören, seinen Arsch zu küssen.

Drogen

Roger: „Addiction“, der erste Song unseres aktuellen Albums „Warrior“, ist ein Straight Edge Song. Er ist ein Appell: Drogen dürfen nicht dein Leben kontrollieren. Wir haben schon zu viele Freunde daran krepieren sehen.

Vinnie: Und das müssen nicht nur Drogen sein, es kann auch Glücksspiel sein. Mein Vater war ein Spieler. (fängt an zu singen): „My father was a gambler, he woke up on the wrong side of the gun.“ Na ja, ich hab nichts gegen ein Spielchen. Und ein Bier dazu.



Erziehung und Fehler

Roger: Ich habe eine 22-jährige Tochter, eine zweijährige Tochter und einen drei Monate alten Sohn. Sie sollen ihr eigenes Leben leben. Ich kann ihnen nicht vorschreiben, was sie machen sollen. Ich kann ihnen nur helfen, richtig von falsch zu unterscheiden. Sie müssen ihre eigenen Fehler machen. Hoffentlich nicht so schlimme wie ich damals. Wobei: eigentlich bereue ich keinen meiner Fehler.

Vinnie: Bis auf einige Ischen, hahaha.

Roger: Okay, die Dealerei und das Gefängnis danach, das war schon ein Fehler. Andererseits hätte ich wahrscheinlich sonst nicht diese Texte für One Voice schreiben können. Und irgendwie hat mich das Gefängnis auch wieder runtergebracht, die Zeit war lehrreich. Ich wäre sonst vielleicht ein totaler Maniac geworden.



Rache und Gewalt

Roger: Wir haben erlebt, wie einige unserer Freunde ermordet wurden. Klar machst du dir da Gedanken über Rache. Aber was bringt sie? Eine Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt. Und: Gewalt muss immer der Situation angemessen sein. Du darfst nur dann zuschlagen, wenn es absolut notwendig ist. Gewalt darf kein Wert an sich sein, sondern nur der allerletzte Ausweg.

Vinnie: Wir sind älter geworden. Wenn mir einer blöd kommt, sag ich: „Hau einfach ab!"

[Alle AF-Livefotos cc by Helena BXL]

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Video: Roger Miret über seine Tattoos