Auf der Suche nach den Polio-Tropfen

Linda Tuttmann

Vor meinem Namibia-Aufenthalt bin ich in Freiburg beim Tropenmediziner gewesen. Thyphus und Hepathitis B, zwei Spritzen und ein Faltblatt "Reisemedizin - was muss mit" waren das Ergebnis meines 15-minütigen Besuches. Der Arzt hatte selber zwei Jahre in Johannesburg studiert und schwärmte von Afrika. Ein Insider und Spezialist also und deshalb absolut vertrauenswürdig. Leider aber nicht aktuell informiert: Er hat die Polio-Impfung vergessen.

In Namibia waren in letzter Zeit vermehrt Polio-Fälle aufgetreten, einige davon mit Todesfolge. Der Staat hatte deshalb eine "Immunization Campaign" gestartet, alle Namibianer sollte sich impfen lassen. Da meine Polioimpfung schon über zehn Jahre zurückliegt, brauchte auch ich den Impfstoff. Garantiert schmerzfrei und kinderleicht ist die Immunisierung. Zwei Tröpfchen des Impfstoffes genügen und man ist gegen Polio gefeit. Keine Spritze oder zeitraubender Arztbesuch sind notwendig, schließlich musste innerhalb kürzester Zeit eine ganze Nation geimpft werden.


Leider hatte ich jedoch den offiziellen "Immunization Day" verpasst. Kein Problem, dachte ich, hatte Justine die Tröpfchen doch auch außerhalb des offiziellen Datums bekommen. Und außerdem gibt es sicherlich genug andere Touristen, denen es ähnlich gehen wird wie dir, beruhigte ich mich. Meine Rechnung hatte ich allerdings ohne das namibianische Gesundheitssystem gemacht.

Für meine erste Anfrage nach den Polio-Tropfen hatte ich mir extra eine Apotheke mit deutscher Leitung ausgesucht. So gab es wenigstens sprachlich keine Missverständnisse, dachte ich; aber auch keine Polio-Tropfen. Die staatlichen Krankenhäuser wären die einzigen, die noch Tropfen zur Verfügung hätten, wurde mir gesagt. Oder ich sollte auf die zweite offizielle Runde der staatlichen "Immunization" warten. Das wäre schon in zwei Wochen, versicherte mir die Apothekerin. Zwei Wochen erschienen mir ganz schön lang. Mittlerweile hatte ich auch mitbekommen, dass die meisten Polio-Fälle in Windhoek und Umgebung vorgekommen waren. Dass Wichtigste wäre, dass man auf die Hygiene achte, wurde mir in der nächsten Apotheke mitgegeben, die Epidemie ginge vorrangig in den ärmeren Vororten rum, wo die hygienischen Standarts schlechter wären als in Europa.

Da Polio durch menschliche Ausscheidungen jeglicher Art übertragen wird, sollte ich besonders bei öffentlichen Toiletten aufpassen, gab mir dann auch noch der dritte Apotheker auf den Weg. Warten wollte ich auf keinen Fall. Mit diesem Virus schien nicht zu spa?en zu sein und ich wollte kein Risiko eingehen. Nicht umsonst wird schließlich eine nationale "Immunization Campaign" gestartet. Also blieben noch die staatlichen Krankenhäuser, die laut der deutschsprachigen Apothekerin den Impfstoff führen sollten. Klang in meinen Ohren auch logisch, es handelte sich ja um eine staatliche Immunisierung. So aber nicht in Namibia.

Einen Vormittag lang kutschierte mich Jannie, Justines Mann durch ganz Windhoek, von Krankenhaus zu Krankenhaus. Doch weder die Staatlichen noch die Privaten (die wir, nachdem wir alle Staatlichen abgeklappert hatten, in unserer Not auch noch anfuhren) hatten noch Impfstoff. In zwei Wochen würde wieder Neuer kommen, versicherte man mir. Wie kann es sein, dass ein lebensgefährlicher Virus umgeht, der Staat um seine Gefahr weiß, eine landesweite “Immunization Campaign” startet, aber zwischen den einzelnen offiziellen Impfrunden kein Impfstoff aufzutreiben ist?

Wenigstens auf eines war Verlass. Zwei Wochen später hatte auch ich meinen roten Streifen auf dem Fingernagel, der hieß: geimpft!