"Auf der deutschen Rap-Landkarte ist Freiburg nicht existent" – unterwegs mit Rapper Lostboy

Damian Correa

Mit rauchiger Stimme rappt er über atmospährische Beats, erzählt über Heimat, die Familie und Freunde: Lostboy möchte kein gewöhnlicher Rapper sein. Anfang des Jahres hat er sein Album "Losty" herausgebracht – fudder hat ihn getroffen.

Lostboy hat viel vor. Seit vier Jahren arbeitet er jetzt an seiner Rap-Karriere. Tag und Nacht schreibt er Texte, sucht im Internet nach Beats, nimmt Tracks auf. Zehn Alben hat er schon veröffentlicht. Wenn jemand fragt: "Rap aus Freiburg – wen gibt’s denn da?", soll es wie aus der Pistole geschossen kommen: "Na, Lostboy!". Das ist sein großes Ziel.


Und Lostboy, der im echten Leben Leon heißt, ist auf einem guten Weg. Sein neues Album "Losty" hat innerhalb eines Monats so viele Klicks bekommen, wie das vorvergangene im Zeitraum von fast einem Jahr. Lostboy, Kosename Losty, ist ein netter Junge Anfang 20. Er bittet mich zu sich ins Haus und bietet mir etwas zu trinken an. Klar darf ich die Schuhe anbehalten. Ich bin ein bisschen verwundert. Ist das wirklich der Rapper von dem schwarz-weißen Facebook-Profilbild mit dem fiesen Blick, Cap und Kippe im Mund?

"Im deutschen Rap geht es viel um Selbstinszenierung, da überspitzt man bewusst." Lostboy alias Leon Großklauss
Losty schmunzelt: "Im deutschen Rap geht es viel um Selbstinszenierung, da überspitzt man bewusst." Er wohnt in Wasenweiler, von Freiburg aus gesehen auf halbem Weg nach Frankreich. Lostboy will mit mir nach Breisach, in eine Bar. Wir fahren auf gepflegten Landstraßen an leidenschaftslosen Reihenhäusern vorbei.

Video: Lostboy - Boyzz



Wie Losty den Wagen durch Wasenweiler und am Ihringer Heimatmuseum vorbei manövriert, glaube ich zu verstehen, warum er sich diesen Künstlernamen zugelegt hat. "In dieser Gegend hier weiß jeder, dass ich Rapper bin", meint er. "Aber das heißt noch lange nicht, dass mich hier alle feiern".

Lostboy will kein klassischer Rapper sein

Lostboys Musik ist in der Tat speziell. Er hat über die Jahre seinen ganz eigenen Style gefunden. Losty rappt mit rauchiger Stimme auf atmosphärischen Instrumentals. Fast verträumt klingt er auf Beats, die an Cloud-Rap erinnern. Oft lässt Lostboy den Beat mitten im Track ein paar Takte lang einfach laufen - fürs Flair. Ein klassischer Rapper ist er nicht, sagt er.

"Meine Musik ist eine Mischung aus Rap und R’n’B". Das Auto hält vor dem Breisacher Bistro Bel Air. Losty bestellt eine Fanta. Sein Lieblingsgetränk, er hat sogar einen Track nach dem Softdrink benannt. Lostboy verarbeitet in seinen Liedern alles, was ihn im Leben beschäftigt, oft mit derbem Vokabular.

Die Texte stammen aus seinem Leben

Den Druck aus seinem Umfeld, mit der Musik erfolgreich zu sein, die Trennung von seiner Ex-Freundin oder einfach Beobachtungen aus dem Alltag: "Wieso stellen wir uns nur über Leute, die wir gar nicht kennen, anstatt auf sie zuzugehen?", fragt er sich in "WW City". Bald will er ein Lied über die schwierige Beziehung zu seinem Vater schreiben.

"Die Themen, über die ich rappe, sind zwar gängig, aber ich versuche, ihnen eine individuelle Note zu verleihen". Seine Texte sind oft sehr persönlich. "Manchmal zu persönlich", findet Losty. Real sein, das sei für ihn nicht einfach eine hohle Phrase.

Seit Jahren trinkt "Losty" keinen Alkohol

Lostboy ist keine Kunstfigur. Mehrfach betont er, dass er sich als Mensch und in seinen Liedern nicht verstellt. Dazu gehört für ihn auch seit Jahren der komplette Verzicht auf Alkohol. Es gibt auf Lostys Alben aber auch Lieder wie "Fanta" oder "Nie da", bei denen der Text im Hintergrund steht und die man ganz nebenbei laufen lassen kann. "Diese Tracks kann man zum Beispiel super hören, wenn man im Sommer am Seepark chillt. Da entfaltet sich dann einfach ein nicer Vibe".

Video: Lostboy - Fanta (feat. Sad Ivy)



Zu Freiburg hat Lostboy ein zwiespältiges Verhältnis. Die Beziehung zur Stadt verarbeitet er auch immer wieder in seinen Texten. Klar, er identifiziert sich als Freiburger und wenn er mal groß rauskommen sollte, dann würde er sich auch immer dazu bekennen. Aber zum Autofahren und Shoppen findet er die Stadt "beschissen", die Club-Szene ist "fürn Arsch".

Passt Rap in eine Stadt, in der das Ghetto-Viertel Weingarten heißt?

Passt Rap eigentlich in eine Stadt, in der das Ghetto-Viertel Weingarten heißt? Lostboy seufzt vielsagend. "Auf der deutschen Rap-Landkarte ist Freiburg de facto nicht existent." Lostboy geht zum Tresen und kramt ein paar Münzen aus seinem Portmonee, er möchte mich einladen. Dann fährt er mich zurück zum Bahnhof.

Lostboy sagt, er kenne niemanden in der Umgebung, der nur ansatzweise so viel Zeit in seine Rap-Karriere steckt wie er - "Leider". Gerne würde er mit anderen Rappern in Freiburg connecten. "Dafür bin ich hier quasi konkurrenzlos", scherzt er. In Lostys Lachen schwingt Bitterkeit mit. Aber Lostboy ist keiner, der deswegen den Mut verliert. "Freiburg ist zwar auf der einen Seite ziemlich spießig, zugleich aber auch eine Studentenstadt. Die Nachfrage in Freiburg ist also auf jeden Fall da". Und Losty will dafür sorgen, dass es dazu das passende Angebot gibt.

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