Asexualität: "Ich bin 28 Jahre alt und hatte noch nie Sex"

Dorothea

"Sex erfüllt zahlreiche Funktionen", erklärt die Wikipedia. "Er befriedigt die Libido, dient in Form des Geschlechtsverkehrs der Fortpflanzung und drückt in der Regel als wichtige Form der sozialen Interaktion Gefühle der Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe aus." Dorothea aus Freiburg hat kein Interesse an knutschen, fummeln und vögeln, an der angeblich "schönsten Nebensache der Welt". Die 28-Jährige ist asexuell.


"Ich bin 28 Jahre alt und hatte noch nie Sex.
Habe nie geknutscht. Und – das Entscheidende dabei – ich hatte auch nie ein Interesse daran. Meine vollkommene Passivität auf diesem Gebiet hat nichts mit Ideologie oder Keuschheit zu tun, sondern nur mit Desinteresse an diesen Aktivitäten. Da ist kein Begehren, kein Bedürfnis, jemandem körperlich nah zu sein oder meine Zunge in einen anderen Mund zu stecken. Ich gucke gerne hübsche Menschen an, mach' da keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen und bin kein Feind der Sexualität. Nur in meiner Welt hat das keinen Platz. Ich kann abstrakt über Sex reden, aber wenn mir bekannte Menschen konkrete Erlebnisse wiedergeben, dann wird mir doch mulmig, ich mag mir das nicht bildhaft vorstellen.


Zu begreifen, dass sexuelles Begehren schlicht nicht da ist, ist ein Lernprozess und es gibt keinen festen Zeitpunkt, ab dem man beschließen kann, dass man asexuell ist. Wie auch? Das Bezeichnende der Asexualität ist ja das Nicht-Tun oder Nicht-Wollen.

Solange man noch in der Pubertät ist, ist das vielleicht verwirrend, man kann schließlich nur feststellen: „Liebes Tagebuch, heute wieder keine Lust verspürt, mit jemandem zu schlafen. Vielleicht hinke ich in der Entwicklung etwas hinterher.“ Das könnte man im Prinzip sein ganze Leben lang jeden Tag schreiben; Die Möglichkeit, dass sich etwas ändert, ist ja immer gegeben. Wenn man asexuell ist, ist das jedoch ein dauerhafter Zustand. Es geht nicht um Angst oder um die vergebliche Suche nach dem richtigen Partner, es geht um das permanente Nicht-Wollen von Sex.

Asexuell bedeutet nicht aromantisch

Was 'asexuell' genau bedeutet lässt sich so wenig eingrenzen, wie das bei jeglicher anderen sexuellen Ausrichtung auch der Fall sein sollte. Asexualität bedeutet tendenzielles bis absolutes Desinteresse an sexuell gearteter Interaktion. Es gibt Asexuelle, die wollen gar nicht, andere, die haben mit Knutschen keine Probleme, welche, die mit ihrem Partner schlafen würden, aber nicht unbedingt heiß drauf sind, und so weiter. Generell bedeutet „asexuell“ nicht „aromantisch“, soll heißen: wer eine_n Partner_in findet, für den das kein Problem darstellt, der ist in einer Beziehung, nur ohne Sex.

Als nicht unbedingt hübscher Teenager, wie ich das war, war mein nichtexistentes Liebesleben erstmal nicht so erstaunlich. Später wurde dann spekuliert, ob ich lesbisch sei, weil es irgendwann ja doch verdächtig wird. Da ich aber auch noch in anderen Hinsichten „anders“ war als meine Mitschüler_innen (im Saarland Hochdeutsch zu sprechen macht einen zum „Anderen“ par excellence) und eher ein Außenseiter, vermag ich jetzt nicht zu sagen, wie viel von dem Verhalten mir gegenüber mit meinem Desinteresse an Sex zusammenhing. Ich tippe mal auf: sehr wenig. Mittlerweile bin ich in einem Alter und wir in einem Zeitalter, wo man nicht mehr spekuliert, sondern fragt. Und da fangen die Probleme an.

Asexualität ist vielleicht die letzte verbliebene durchgängige Provokation. Ich will damit nicht sagen, dass überall Toleranz und Akzeptanz für alle wieauchimmer gearteten romantischen und
sexuellen Konstellationen und Formen herrscht – im Gegenteil – aber das Geständnis, dass man an Sex in jeder Form kein Interesse hat, kann selbst in den offensten Kreisen auf Unverständnis stoßen.

Selbst bei Menschen, die sich als „queer“ identifizieren, bei denen jegliche Form der Partnerschaft als selbstverständlich hingenommen wird (wie es von allen getan werden sollte) kann man als Asexuelle_r auf Unverständnis, beziehungsweise Reaktionen wie „Aber das ist doch schade für dich“, stoßen.

Die allerallerwenigsten Menschen nehmen die Information, dass man asexuell ist, dass man kein Interesse an Sex hat, einfach so hin. Es kommen immer Fragen, die meist von Neugier und oft von Provokation geprägt sind. Provozierend dahingehend, dass man sehr genau merkt, dass das Ziel der Fragen ist, eine Information zu bekommen, die darauf hinweist, dass man sehr wohl Interesse an Sex hat, es aber aus gewissen Gründe nicht ausleben kann oder will.

Ich bemühe mich immer, diese Fragen so sachlich wie ehrlich zu beantworten, was oft nicht so leicht ist. Weil es erstens – ähnlich wie bei Veganern – immer die gleichen Fragen und Gesprächsabläufe sind, und zweitens, weil sie sehr, sehr persönlich sind. Man kommt sich ein bisschen vor wie ein seltenes Tier, das von allen Seiten begutachtet wird, um herauszufinden, zu welcher Gattung es nun wirklich gehört. Auf der einen Seite will ich, dass Leute wissen, dass Asexualität existiert, auf der anderen Seite muss ich dafür auch mein Seelenleben hervorkehren und mich immer und immer wieder verteidigen. Und „nett Gemeintes“ wie „Aber du bist doch gar nicht so hässlich“ schießt nun Mal gründlich am Ziel vorbei. Um einen Sexuellen zum Umdenken zu bewegen kann man sich schon mal den Mund fusselig reden.

Asexuell sein ist eine Provokation

Provokant ist das Verkünden der eigenen Asexualität vielleicht auch deshalb, weil es entgegen der Entwicklung geht: es ist erst in Zeiten der sexuellen Freiheit zur Provokation geworden.

Beim Überlegen, was daran so „gefährlich“ wirkt, warum Asexualität so vehementen Unglauben und Nicht-Akzeptanz erfährt, kam ich zu folgender Überlegung: Sexualität wurde Jahrhunderte lang von der Kirche verteufelt, es war etwas Schmutziges und Niederes, dem sich die „wahrhaft Reinen“, sprich: Nonnen, Mönche und die Mutter Maria, entzogen. Dann kam die große sexuelle Revolution, alle, wirklich alle waren frei und gemeinsam „Niedere“. Wenn man da als Asexuelle_r sich entzieht, beziehungsweise einfach „naturgegeben“ außen vor steht und „nicht mitmachen“ will, kommt vielleicht der Verdacht auf, dass man sich als die letzte Mutter Maria sieht und nur nicht wahrhaben will, dass man genauso „Bedürfnisse“ hat wie alle anderen: dass man sich arrogant über die anderen stellt.

Das ist pure Spekulation meinerseits, ich versuche nur zu entschlüsseln, woher die nahezu allumfassende Ablehnung kommen könnte. Und dass man sich als Asexuelle_r „rein machen“ will, ist natürlich totaler Mumpitz. Ich finde die Vorstellung von Sex eklig, bei knutschenden Pärchen auf der Straße wird mir unbehaglich und ich hasse Sex-Szenen im Kino. Das macht mich nicht besser, nur anders, gibt aber auch immer den Eindruck von „Unreife“. Das finde ich ja auch unfair: Manche Leute mögen den Anblick von Spinnen nicht, ich nicht den von Zungenküssen, aber die Spinnen-Phobie ist nicht negativ belegt, sondern wird in jedem Alter als fast „normal“ angenommen.

Die Sexuellen sind eine Mehrheit, die sich zum allergrößten Teil nicht als solche sieht, sondern das Bedürfnis nach Sex „an sich“ als eine naturgegebene Sache sieht, das jeder in der einen oder anderen Form haben muss. Die Spekulationen gehen meist schnell in die Richtung eines  vermuteten Traumas, ob ich „schlechte Erfahrungen“ gemacht hätte oder einfach ein besseres Verhältnis zu meinem Körper entwickeln müsste.

Ich habe tatsächlich nicht das beste Verhältnis zu meinem Körper, ich wäre furchtbar gerne wie die Uyulala aus der Unendlichen Geschichte, die nur aus einer Stimme besteht, aber die Vorstellung, mit jemandem zu schlafen ist für mich keine Motivation, meine „issues“ zu überkommen. Ganz abgesehen davon wird bei Heterosexuellen nie versucht, ihre Sexualität in einen umspannenden Persönlichkeitskontext zu stellen. Ich kann Probleme mit meinem Körper haben UND völlig zusammenhangslos asexuell sein, wirklich! Ansonsten müssten im Umkehrschluss ja alle Sexuellen ihre Körper total super finden. Wer fühlt sich angesprochen

Es scheint, als ob Sexualität an sich eine der letzten unumstößlichen Größen der Gesellschaft ist. Das letzte Essentielle, nur dürftig hinterfragt, und als Asexuelle_r fällt man auch durch dieses letzte verbliebene Raster. Konkret hat das zuerst einmal keine praktischen Folgen im öffentlichen Leben. Im Prinzip hat man es als Asexuelle_r leicht in der Gesellschaft, weil Repression fast vollkommen unmöglich ist, denn das Asexuelle definiert sich durch einen Nicht-Akt, es ist unsichtbar. Als Asexuelle_r „passed“ man im öffentlichen Leben überall ohne Probleme. Da Sexualität aber auch als eine so unzweifelhaft Gegebenheit hingenommen wird, ist es ja auch gar nicht nötig, sich Repressionen für Asexuelle auszudenken. Wozu jemanden schikanieren und in Muster pressen, den es eigentlich gar nicht gibt? In einem Vorstellungsgespräch erzählt man eventuell noch, dass man in einer Partnerschaft ist, aber garantiert nicht, wie oft man miteinander schläft. Es gibt keine öffentliche Asexualität, außer, man schreibt sie sich aufs T-Shirt.

„Hast du's denn schon mal probiert?“

Gerade deshalb, weil Asexualität nicht präsent ist und keine nennenswerte Größe darstellt, wird der Umgang erst dann zu einem akuten Problem, wenn sie an die Oberfläche gerät. Das passiert nur im privaten Rahmen und beim wissenschaftlichen Umgang mit Sex. Deshalb provoziert es so viel Unglauben. In weinseliger Kneipenrunde, wenn Anekdoten über „das erste Mal“ oder „den ersten Kuss“ ausgetauscht werden. „Und wie alt warst du?“ „Öhhhh...ich hab noch nie mit jemandem geschlafen. Bin asexuell.“ Das unvermeidliche „Echt?“ lässt sich noch mit „Ja“ beantworten, „Warum?“ mit der Gegenfrage „Warum bist du heterosexuell?“.

Anstrengend wird es dann bei: „Hast du's denn schon mal probiert?“. Die Antwort bei mir ist „nein“, habe ich nicht und will ich auch nicht. Die Natur des Sexuellen scheint zu verlangen, unweigerlich darauf „Wie kannst du dann wissen, dass du es nicht magst?“ zu antworten.

Darauf lässt sich antworten, dass ich nicht alles ausprobieren muss, um zu wissen, dass ich das nicht will. Ich hab auch noch nie Crack geraucht. Womit nicht gesagt sein soll, dass Sex gefährlich, eklig oder gesundheitsschädigend ist, aber ICH finde die Vorstellung für mich abstoßend. Und die Beweislage zur Untermauerung der eigenen Asexualität ist, wie bereits erwähnt, eine kümmerliche. Den Trumpf „Nur ein Phase!“ „Kommt vielleicht noch!“ haben die „Ungläubigen“ immer in der Hand, damit muss man umgehen können.

Im Zweifelsfalle hilft immer, die Frage zurückzugeben. Heterosexualität kann bei der Logik genauso gut eine Phase sein. 'Keinen Sex haben wollen', das klingt bieder, es klingt prüde, es klingt sogar ein bisschen undankbar. Seit Jahrzehnten wird für die Freiheit gekämpft, für das Sprengen von konservativen Normen und als Asexueller schmeißt man metaphorisch gesprochen einfach alle diese Freiheiten von sich. Das ist natürlich nicht wahr (und gölte für Heterosexuelle in romantischen Zweierbeziehungen genauso), vielleicht ist es nur meine Paranoia, die mir Schuldgefühle macht, weil ich kein aktives Statement (in Form einer nicht-konventionellen Partnerschaft) setze.

Und es wäre so nötig. Als Studierende bewege ich mich meistens in geschützten Räumen und als partnerlose Person fällt man in öffentlichen Räumen ohnehin eher durch das repressive Raster. Da trifft es umso heftiger – weil komplett unerwartet – als ich auf der Straße im schönen, liberalen, grünen Freiburg von einem Wildfremden als „schwule Sau“ bezeichnet wurde. Ich war persönlich nicht verletzt, der Vorwurf ging schließlich komplett an mir vorbei. Ich hab kein Problem damit, für
einen Mann gehalten zu werden, erst recht nicht einen, der nicht ins hetero-normative Muster passt, aber allein, dass es Homophobie noch so offen (auf der KaJo!) gibt, lässt Zweifel, wie weit es wirklich her ist mit Freiheit, Anerkennung und Gleichberechtigung.

Für die Anerkennung der sexuellen Freiheit kann [muss] man auf die Straße gehen. Der Streit um Anerkennung – oder überhaupt erstmal Wahrnehmung – von Asexualität lässt sich schwerlich auf der Straße führen. Es gibt kein Gesetz (mehr, in Deutschland), das einen zum Sex zwingt, oder das einem im öffentlichen Raum das Leben schwer machte.

Eine größere Diskussion um Asexualität allerdings wäre hilfreich, um Diskussionen abzukürzen und zu realisieren, dass selbst auf den größten Glaubens-Fundamenten nicht absolut jeder Mensch draufsteht. Letzten Endes wird dieser Streit eher im Schlafzimmer und in Kneipen geführt wird.

Wir sind unsichtbar, aber wir sind unter euch - und circa 1 Prozent von euch."

[Dorothea ist 28 und twittert unter @wolfseule.]

Mehr dazu:

Zwei Tipps von Dorothea:
  • Aven- Ein informatives Netzwerk für Asexuelle
  • "On Chesil Beach" (deutsch: Am Strand) von Ian McEwan ist ein wunderschöner, tragischer Roman über Asexuelle
    [Bild 1: fudder; Bild 2: Privat]