zur Startseite
Passwort vergessen?
 

 

Wie ich gegen die NPD demonstrieren wollte – und stattdessen im Knast landete

Rund 100 Freiburger reisten am Samstag nach Weinheim, um gegen den Bundesparteitag der NPD zu demonstrieren - darunter auch Frederik Greve. Doch statt auf einer Demo landete er im Gefängnis:



7.45 Uhr: Wir steigen aus einem der fünf Busse, die aus ganz Baden-Württemberg nach Weinheim gekommen sind, und laufen los Richtung Innenstadt. Ankommen sollen wir dort nie: Auf der nächsten Straßenkreuzung wartetet schon ein Aufgebot von Polizisten. Einige Demonstranten versuchen eine Absperrung zu umgehen, die Polizei antwortet mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Ein einer Pressemitteilung wird sie später schreiben, Demonstranten hätten mit Steinen geworfen und Bengalos und Böller gezündet. Davon bekomme ich an der Kreuzung nichts mit.

8 Uhr: Vor einer Gaststätte kesselt die Polizei rund 100 Demonstranten ein, auch mich. Sie verwendet Pfefferspray und Schlägstöcke, jemand stößt mich zu Boden. Weil der Kessel so eng ist, fällt es mir schwer, wieder aufzustehen. Einige Demonstranten sind verletzt, doch die Polizei verweigert den Demo-Sanitätern die Behandlung.

9 Uhr: Wir sind noch immer im Kessel gefangen. Die Polizei lässt nun die Demo-Sanitäter an die Verletzten. Aus einer Seitenstraße kommen Demonstranten zur Hilfe. Auch sie werden mit Pfefferspray zurückgedrängt. Die Polizei drückt uns an die Hauswand der Gaststätte. Dann rollt ein Wasserwerfer an.


Frederik Greve

9.30 Uhr: Die Polizei führt die ersten Demonstranten ab. Ein Linienbus steht bereit, der die in Gewahrsam genommenen in Gefangenensammelstellen bringen soll.

10.30 Uhr: Neben mir verliert eine Frau das Bewusstsein. Wieder drückt die Polizei den Kessel an die Wand, wieder nutzt sie dabei Pfefferspray und Schlagstöcke. Die Demo-Sanitäter sind überfordert.

10.40 Uhr: Die Polizei fragt nach Freiwilligen, die in den Bus wollen – am Ende werden alle müssen. Da ich seit 8 Uhr weder essen noch trinken konnte, geschweige denn aufs Klo durfte, melde ich mich. Drei Polizisten ziehen mich aus dem Kessel. Jemand drückt mir einen Schlagstock in den Rücken. In einer Seitenstraße durchsuchen und fotografieren die Polizisten mich, dann fesseln sie meine Hände mit Kabelbinder hinter den Rücken. So werde ich in den schon fast vollen Linienbus gesetzt.

11 Uhr: Vor mir liegt eine Plastiktüte mit meinem Handy, meinem Geldbeutel und meinem Gürtel. Im Gang stehen zwei Polizisten in voller Montur. Für die Fahrt in die JVA Mannheim brauchen wir trotz Polizeieskorte über eineinhalb Stunden – normal schafft man das in 20 Minuten. Wegen der Fesseln schmerzen meine Hände, die meines Sitznachbars werden blau. Die Polizisten weigern sich, sie zu lockern.



12.30 Uhr: An der Pforte geben die Polizisten ihre Pistolen ab, dann fährt der Bus in die JVA ein. Nun dürfen einzelne Demonstranten auf die Toilette, zum ersten Mal seit  8 Uhr.
Die Beamten befragen Frauen und Minderjährige, die JVA dürfen die dann wieder verlassen – mit einem Platzverweis für Weinheim.

13 Uhr: Nun bin ich an der Reihe. Die Beamten nehmen mir meine Fesseln ab und meine Personalien auf. Ich werde belehrt, komme in eine Zelle mit etwa zehn anderen. Einzeln ruft man uns von dort zu einem Richter. Wieder können wir eine Aussage machen. Währenddessen wartet ein Anwalt, der uns vertreten soll, vor der JVA. Er wird nicht herein gelassen.

13.30: Der Richter wirft allen männlichen Erwachsenen schweren Landfriedensbruch vor. Der Vorwurf: Wir hätten mehrere Polizeiabsperrungen durchbrochen. Wir sollen bis 24 Uhr in Haft. In der Zelle bekommen wir weder Essen noch Trinken.

16.30: Endlich hat es der Anwalt in die JVA geschafft. Justiz-Beamte bringen ihn in unsere Zelle. Er schreibt sich unsere Namen auf und geht wieder.  Kurz darauf gibt uns ein Beamter unsere persönlichen Gegenstände zurück.



18 Uhr: Wir werden in eine andere Zelle gesteckt. Sie ist noch kleiner und wir sind nun 30 Personen. Ein Mann fragt nach Verpflegung. Die Antwort des Beamten: „Wenn ihr noch eine Stunde aushaltet, könnt ihr gehen.“

19 Uhr: Alle werden entlassen – außer uns Freiburgern. Wir müssen länger bleiben, da unser Busfahrer seine Lenkpause bis 1 Uhr einhalten muss. Über die Freisprechanlage fragen wir nach Verpflegung. Die Antwort: „Jaja, ist klar. Ich bestelle euch was bei McDonald’s.“  Eine halbe Stunde später bringt man uns eine Schüssel voll wässriger Suppe mit hartem Brot. Zu trinken gibt’s Tee.

20 Uhr: Jetzt dürfen auch wir endlich gehen. Die Justiz-Beamten erklären uns den Weg zum Jugendzentrum in der Nähe, wo ein Soli-Konzert stattfinden soll. Dort warten endlich ein richtiges Essen und ein kühles Bier.






[Fotos: privat]




Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 18
Montag, 23.11.15 13:35
 

der kleine frederik war wohl noch nie bei einem fussballspiel. das ist leider alltag - und am nächsten tag heißt es dann: alle fussballfans seien verbrecher.*






*was nicht heißt, dass ich das vorgehen gutheiße.

Montag, 23.11.15 13:41
 

Interessanterweise landen wenn ich mich nicht täusche nur wenige besorgte Bürger in der Zelle, wenn vor Flüchtligsunterkünften der besorgte Mob aufläuft. Korrigiert mich wenn ich hier falsch liegen sollte...

Montag, 23.11.15 13:45
 

Sehr gut Don, du hast erkannt dass es institutionellen Rassismus gibt!

Montag, 23.11.15 16:37
 

Wenn man z.B. den Beate Zschäpe Prozess verfolgt, dann wundert mich es nicht das der ein oder andere Gegner der Rechten mal kurz oder für immer verschwindet :-(
Aber solange es sich um eine friedliche Demo handelt sollte man diese vielleicht auch besser einfach machen lassen, ich glaube kaum das die Angereisten für diese Gegen-Demo mit friedlichen Absichten kamen :-(
Und vergessen wir doch bitte nicht das es auch Hassprediger gibt und gab die unter Pölizeischutz zum Krieg gegen die Ungläubigen aufriefen!
Wo blieben da die Gegen-Demos!?!?

Montag, 23.11.15 17:25
 

tja die Suppe muss er selber auslöffeln -.-

Montag, 23.11.15 18:51
 

interessanterweise erwähnt er die verletzten Polizisten auch nicht...

Montag, 23.11.15 19:07
 

@Head und Don
Könnt ihr das belegen? Ich habe das noch nicht gehört und ich habe zwei Freunde bei der Polizei.

Dienstag, 24.11.15 08:01
 

Franzel-Peter, sind das reele Personen oder wie bei VDP, welche, die nur du siehst?
In Heidenau wurden nach zig Tagen des Krawalls gerade mal 3 besorgte Bürger in Gewahrsam genommen.

Dienstag, 24.11.15 09:57
 

Ja, zum Beispiel im Verfassungsschutz selbst wie das komplette vorgehen gegen die NSU zeigt. Ich sag ja auch nicht dass alle Polizisten rassistische Denkmuster haben, da links eingestellte Menschen eher gegen repressive Maßnahmen sind ist die Tendenz auf jeden Fall eher rechts.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article137918258/Wie-nah-war-der-Verfassungsschutz-den-NS[..]

Mittwoch, 25.11.15 00:28
 

Mich wurde mal interessieren, warum man durch fast ganz BaWü fahren muss um gegen was zu demonstrieren, was nicht seine Ansichten teilt?
Ich hab bisher noch nie von Demos gegen Grünen/Büdnis 90 Parteitage gehört.
Lasst die Spinner doch ihren NPD Parteitag abziehen, interessiert doch keinen.
Gerade als sozialer Mensch, muss ich doch andere Ansichten akzeptieren und nicht die Kosten für Transport und Abgase usw. in Kauf nehmen.
Wieso kann ich als Atheist einen Christen oder Muslim akzeptieren, aber die linken, grünen, sozialen usw, keine rechten?
Nur weil sie andere Ansichten haben, ist es dennoch ihr Recht sich so zu verhalten wie alle anderen auch, dazu gehören nunmal Parteitage oder sonstige Demos und so einen kram.
Das einzige was ihr macht, ist denen einen Bühne zu bieten, wo sie sich präsentieren können, also letztendlich bewirkt ihr meiner Meinung nach das Gegenteil von dem, was ihr eigentlich bewirken wollt.

Und um mal zu zitieren:
"Einige Demonstranten versuchen eine Absperrung zu umgehen, die Polizei antwortet mit Pfefferspray und Schlagstöcken."
Wie soll sie denn sonst reagieren? Soll sie lieb fragen, ob diese "Demonstranten" das bitte sein lassen könnten?
Warum werden solche Absperrungen errichtet? Bestimmt nicht um sie zu umgehen.
Hast du mal in so einer Kette gestanden und hast einen Mob vor dir gehabt? Da wird einem ganz schnell anders.


Karl-Otto hat den Kommentar am 25.11.2015 um 00:40 bearbeitet
Mittwoch, 25.11.15 01:58
 

Tatoocheck, Polizisten sind nur in Bielefeld, oder? Also erfunden ;-)

Aber im Ernst, die Argumentation, bestehend aus einfach einen "lustigen oder blöden" Kommentar zu bringen und dann ein Beispiel zu nennen. Das ist genau das Werkzeug der rechten Deppen (z.B. Foto von den begangenen Straftaten mit den Namen, wow ein Beispiel).

Aber da ihr es nicht verstanden habt erkläre ich es nochmal langsam.

Belegen heißt Zahlen zu nennen und nicht aus einer großen Menge zwei Ereignisse zu nennen, die einem gerade gefallen. Dabei sollte man vergleichen (was Medien übrigens sehr selten nur tun). Wie viele wurden nach anderen Krawallen, z.B. linken Aufständen, Mafia, ... festgenommen?

Wenn du denkst, dass ich es falsch einschätze, dann kann ich ja ein Beispiel suchen, bei dem andere "zu lasch behandelt wurden", z.B. Banditos. Was sollte das dann aber aussagen? Die Polizei behandelt also besorgte Deppen und Banditos zu lasch? Und vielleicht auch linke Gruppen?

Ich empfinde das echt nicht als Vergleich.

Das Problem in unserer Zeit ist, dass alles immer differenziert werden muss und dass keiner über das Integral nachdenkt. Integrale bilden das Gesamtbild, Differentiale sind doch für eine Gesellschaft wertlos da ein Individuum keine Gesellschaft sein kann.

Mittwoch, 25.11.15 05:46
 

Franzel-Peter, vielleicht stellen sich de Rechten auch nur schlauer an und hauen zur richtigen Zeit ab, deswegen sowenig Festnahmen... oder die allgemeine Wahrnehmung ist eine andere.

Mittwoch, 25.11.15 11:20
 

"Vor einer Gaststätte kesselt die Polizei rund 100 Demonstranten ein, auch mich."


Vor oder hinter der Absperrung ???

Im einen Fall verständlich, im anderen völlig indiskutabel

Mittwoch, 25.11.15 13:04
 

Karl-Otto, die Rechten fahren doch auch quer durch die Republik...

Mittwoch, 25.11.15 16:03
 

Das die Polizei aber immer wieder gleich mit so einer starken Gewaltbereitschaft an die Sache ran geht finde ich auch nicht inordnung.
Da lehnt sich vll der eine oder andre Demonstrant auf und alle werden gestraft. Vorallem mit was für einer härte. Ich finde es inakzeptabel.

Mittwoch, 25.11.15 19:28
 

Tatoocheck, ich würde auch sagen, dass von den Medien ein Bild vermittelt wird, das aussagt, dass Rechte sich alles erlauben können und die Polizei nichts macht.

Nur, wie gesagt, ich kenne auch die Geschichte aus der Sicht der Polizei, die das eben nicht bestätigt, da heißt es, dass prinzipiell (also bei den meisten "Aufständen") nicht wirklich gehandelt wird, nicht nur bei rechten.

Von daher kam meine Frage auf, habt ihr denn Belege für die Aussage oder ist es nur ein Empfinden.

Wenn man aber sieht, wie gleich geweint wird, wenn die Polizei mal was macht, ist es vielleicht gut, dass sie so wenig unternimmt, andernfalls wäre die Polizei ja bei allen der Böse...?

Mittwoch, 25.11.15 19:45
 

ist sie doch eh und der schwerverletzte Polizist wurde auch nicht von einem Stein sondern von der Friedfertigkeit der Teilnehmer getroffen....

Mittwoch, 25.11.15 22:12
 

Franzel-Peter, ich habe mich trotz vielem verbocktem Blödsinn, immer fair von der Polizei behandelt gefühlt....
Aber in Heidenau oder vor 20 Jahren in Rostock... da ist die Haltung der Polizei fragwürdig...

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» Zitronenfalter

roter Ledergeldbeutel verloren!
Hallo ihr! Ich habe in...

» Necronomicon

re: Unbekannte schlagen junge Frau vor dem Konzerthaus nieder
Und? Wo ist der Unterschi...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Necronomicon

re: Unbekannte schlagen junge Frau vor dem Konzerthaus nieder
Glaube dem Opfer ist das ...

» Paprika

re: Schlüsselbund verloren
Ich habe auch vor einer W...