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Meine Meinung: Mein Studium war ganz großes Tennis!

Es waren fudders Studierendenleben-Beschwerdewochen: Erst rechnete Hengame Yaghoobifarah mit dem Mythos-Studium ab, dann sehnte sich Lena Prisner nach dem "Studium wie früher". fudder-Autorin Jule wollte so viel Studiums-Gehate nicht unkommentiert stehen lassen, und hat eine Replik zu Hengs Text geschrieben:




Ende 2007 fing ich mein Studium an der Uni Freiburg an. Alle sagten mir, dass jetzt ein neuer, wichtiger Lebensabschnitt beginne. Es kam der erste Tag und die Willkommensrede im Audimax. Ich saß neben einem Mädchen, die, wie sich herausstellte, das gleiche studierte wie ich. Dieses Mädchen war nicht nur die erste Person mit der ich redete, sie wurde vier Monate später auch meine Mitbewohnerin und eine meiner engsten Freundinnen, und ist es bis zum heutigen Tag.

Mein Studium war nicht immer nur witzig, es gab auch Vorlesungen die so langweilig waren, dass ich mir meinen Kugelschreiber ins Auge rammen wollte und Hausarbeiten, die mich an den Rande des Wahnsinns trieben, aber ich denke immer noch mit Freude und leiser Wehmut daran zurück.

“Im Studium wirst du erwachsen!”

Stimmt.
Nicht nur, dass ich daheim auszog, eine WG gründete und mir plötzlich um Dinge wie Müllgebühren oder Stromanbieter Gedanken machen musste. Ich musste auch lernen, mit einer Menge sehr unterschiedlicher Menschen klar zu kommen. In der Schule sieht man mindestens acht Jahre lang immer nur die gleichen Nasen. Man hat sich an sie gewöhnt, akzeptiert die christliche Streberin und den müffelnden Computernerd, lästert gemeinsam über die Klassenzicke und regt sich über den Schülersprecher auf. Man akzeptiert sich (mehr oder weniger), einfach weil man sich schon seit dem Sandkasten kennt und auf Gedeih oder Verderb miteinander bis zum Abi rumhängen muss.

An der Uni trifft man plötzlich auf vollkommen neue, vollkommen andere Menschen und muss lernen, irgendwie miteinander umzugehen. Das hat mir nicht nur passable „People skills“ eingebracht, ich habe auch gelernt, dass nicht alle Menschen schwarz oder weiß, gut oder scheiße sind. Klischees bezüglich der verschiedenen Studienfächer sind zwar ein nettes Gesprächsthema für jede WG-Party, aber halt auch oft ziemlich daneben. Ich kenne sowohl lustige, kreative VWL-Studenten und feministische, linksalternative Juristen.

In einer WG zu wohnen, ist für eine zwanghaft ordentliche Person wie mich nicht immer einfach gewesen (und für meine Mitbewohnerin sicherlich auch nicht....). Aber ich habe gelernt, einiges auszuhalten, und dass die Welt nicht davon untergeht, wenn an meiner Kaffeetasse noch Spuren der letzten Benutzung kleben. Ich habe gelernt Konflikte offen anzusprechen, Streit auszuhalten, Dinge zu teilen und einfach mal Fünfe grade sein zu lassen. Aus dem Mädchen, das nachts heimlich aufstand um die Geschirrhandtücher ordentlich zu falten, wurde so langsam eine Frau, die darüber lachen konnte, dass nach einer besoffenen Kocheinlage eines Morgens Tomatensoße an der Küchendecke klebte.

“An der Uni triffst du die coolsten Menschen!”

Jep. Du triffst coole Menschen, Menschen mit denen du gerne befreundet sein möchtest. Menschen mit denen du gerne mal rumknutschen möchtest. Menschen, die dich irgendwie weiterbringen. Du triffst auch eine Menge Arschgeigen, aber die triffst du auch überall sonst.

“Studierendenpartys sind der SHIT!”

Vielleicht bin ich im Herzen zu anspruchslos, aber ich hatte meistens meinen Spaß. Und als ich keine Lust auf doofe Musik mehr hatte, hab ich einfach selber angefangen, aufzulegen. Gleichzeitig ein prima Nebeneinkommen. Tip top, fertich is die Laube!


“Aber WG-Partys sind legendär!”

Na ja, fifty-fifty würde ich sagen. Gut zu wissen ist allerdings, dass selbst beknackte Parties im Nachhinein nach „legendär“ klingen, sobald die Polizei da gewesen ist.
Selbst eine sehr langweilige Party kann dank eines intoleranten Nachbarn zu Stoff für Legenden werden. Alle stehen unterdrückt kichernd im mucksmäuschenstillen Wohnzimmer während die Gastgeber betont nüchtern mit den Beamten verhandeln –  plötzliche Solidarität auf allen Seiten. Und fünf Minuten später ist die Stimmung am kochen. Hurra! Und "Danke" an den intoleranten Nachbarn!

“Du kannst dich in verschiedenen Projekten engagieren und damit Geld verdienen.”

Kann man. Man kann sich aber auch haltlos über die Gutmenschen mit den Klemmbrettern lustig machen. Oder einfach 90 Prozent der Freizeit damit verbringen, auf dem Kontakthof zu sitzen und Kaffee zu trinken.


“Auch erfolgstechnisch kann die Uni ein Sprungbrett sein.”

Stimmt. Ich habe es allerdings hauptsächlich als Atempause betrachtet. Die vier Jahre die ich für meinen Bachelor letztendlich gebraucht habe, waren die erste Zeit in meinem Leben, die ich nutzen konnte um zu sehen, wo ich eigentlich hin will. Ohne meine Studienzeit – da bin ich mir sehr sicher – wäre ich in einem Job gelandet, der mich kreuzunglücklich gemacht hätte. Ich wäre vom ersten Laufrad (Schule) direkt ins nächste (Job) gehüpft.

Und ich weiß, dass ich meine Studienzeit erst wirklich als eine der besten Phasen meines Lebens betrachten kann, seit ich vierzig Stunden (oder mehr) die Woche arbeite. Da sind zwölf Wochenstunden plus Tutorat ein feuchter Furz dagegen.

Und das ist es meiner Meinung nach auch, was die Studienzeit so großartig macht: Zeit. Zeit zu überlegen, wer man sein will, Zeit nachts um halb vier an der Dreisam zu sitzen und mit seinen Freunden Rotwein aus der Flasche zu trinken. Zeit ein paar Monate ins Ausland zu gehen, neue Erfahrungen zu machen, Kontakte zu knüpfen. Zeit sich auch mal zu verrennen, falsche Entscheidungen zu treffen und sich umzuentscheiden.

Ich sage nicht, dass Studieren das Allheilmittel für jeden ist. Eine Ausbildung kann mindestens genau so toll sein! Für mich aber war es goldrichtig. Das Fach und mein Abschluss waren letztendlich gar nicht so wichtig. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, das Wissen, das ich mir angeeignet habe und die Menschen, die ich getroffen habe, waren letztendlich das, was meine Studienzeit zu ganz großem Tennis gemacht hat!





[Bild 1: Ingo Schneider; Bild 2: Jule Markwald]




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von jule markwald | 27.03.14, 09:18 | Kommentare (6)
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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 6
Donnerstag, 27.03.14 10:31
 

Ein schöner Text, der von menschlicher Reife lebt.

Donnerstag, 27.03.14 11:40
 

Ich weiß nicht wieso das Studentenleben immer als so was besonderes angesehen wird, das meiste was man hier beschrieben wird kann man eben auch in einer Ausbildung erleben oder generell beim erwachsen werden.

Der große Vorteil/Nachteil man kann sich seine Zeit besser einteilen, beim Job gibts eben feste Arbeitszeiten. Aber wer mal in einer Firma so richtig beschissene Zeiten durch gemacht hat, der kommt meistens stärker raus.

Auch Auslandspausen kann man machen, vorausgesetzt man hat a) einen kulanten Chef b) die Eier einen Job zu kündigen und was riskieren.

Donnerstag, 27.03.14 14:32
 

@Loki

Das ist nicht wirklich miteinander vergleichbar. Das Studentenleben ist eben eine eigene Form des "Lebens" für ein paar Jahre. Das wirkt sich auf so viele Bereiche aus, dass man deshalb ja nicht umsonst auch von Studentenstädten spricht, weil es eben selbst ganze Städte in ihrem Charakter prägt. WG-Kultur z.B. gibt es auch vor allem in der Studentenzeit. Durch das eher geringe Einkommen muss viel improvisiert werden. Da wird dann aus der Not eine Tugend gemacht, und man richtet sich in diesem Zustand ein. Während ein Auszubildender mit wenig Geld vielleicht eher noch bei seinen Eltern wohnen bleibt und vor allem hofft, so schnell wie möglich mehr Geld zu verdienen. Im Studium kommt man zudem mit einer ziemlichen Bandbreite an verschiedenen Leuten aus anderen Städten, anderen Fächern und anderen Ländern in Kontakt, und der Austausch mit ihnen, auch wenn es nur immergleiche Partydiskussionen sind oder verplapperte Nachmittage in der WG-Küche, gehört zum Alltag. In einer Ausbildung kommen die meisten Leute aus der Region, genau wie man selbst. Viel naiver Idealismus steckt im Studium natürlich auch drin. Alle verstehen jetzt erst mal total krass die Welt, werden voll schlau und dann gehen sie raus und verändern sie blablabla. Ich hab auch schon eine Ausbildung gemacht, aber das war etwas völlig anderes. Da ist man kein Teil einer "Kultur", egal wie sehr das vielleicht an den Haaren herbeigezogener romantischer Quatsch ist. Dazu kommt wahrscheinlich noch, dass man doch noch mal ein paar Jahre älter ist im Studium, bzw. sich das auch länger hinzieht als eine Ausbildung. Und die Arbeitszeiten machen natürlich auch einen riesigen Unterschied. Für vieles, was das Studentenleben ausmacht, braucht man tatsächlich vor allem Zeit.


diefüxin hat den Kommentar am 27.03.2014 um 14:34 bearbeitet
Donnerstag, 27.03.14 16:08
 

"dass nach einer besoffenen Kocheinlage eines Morgens Tomatensoße an der Küchendecke klebte."
so kann ich sogar nüchtern kochen :D

danke für den artikel, endlich mal kein studiusbash

Donnerstag, 27.03.14 16:48
 

seien wir mal ehrlich, positive artikel sind langweilig

Freitag, 28.03.14 09:48
 

"Ich kenne sowohl lustige, kreative VWL-Studenten und feministische, linksalternative Juristen."

Das ist doch gelogen! ,-)

Ansonsten, schöner Text, kann ich viel nachvollziehen.

Ich hab erst nach ein paar wilden Jahren Rumjobberei mit dem Studium angefangen, wenn man mal 40 Stunden pro Woche rumgekrebst hat kommt einem ein Studium aber sowas von locker vor.

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