
Von vornherein ist für mich klar, dass dieses Konzert von
Mando Diao auf dem Festival in Schaffhausen entweder ein himmelhohes Jauchzen oder ein zu Tode betrübendes Erlebnis werden wird. Man ist mit seinen Helden so viel kritischer als mit jeder anderen Band. Wenn sie begeistern, begeistern sie auf ganzer Linie. Wenn sie enttäuschen, tun sie auch dies total. Es ist ein bisschen, als würde die eigene Fußballmannschaft in einem entscheidenden Spiel den Karren an die Wand fahren, als würden die eigenen Eltern auf einmal CSU wählen oder die beste Freundin plötzlich ironiefrei
Justin Bieber gut finden.
Doch an diesem Donnerstagabend scheinen mir die Sterne hold zu sein, denn als ich nach dem Konzert auf dem riesigen Schaffhauser Herrenacker stehe, bin ich trotz vergleichsweise kühler Außentemperatur klatschnass geschwitzt, mein Augenmakeup hängt – dank einigen Freudentränchen – Alice-Cooper-Style direkt unter meinen Augen und ein breites Grinsen hat sich in mein Gesicht gefräst und verlässt es nicht mehr, bis ich abends in meinem Bett in Freiburg liege. Doch von Anfang an.
Sowohl
Lo-Fat-Orchestra als auch
The Bianca Story aus Basel können an diesem Abend nur als Vorbands für die Headliner Mando Diao gehandelt werden. Die große Traube aufgeregt hibbelnder Mädchen direkt vor der Bühne spricht eine deutliche Sprache. Als Lo-Fat-Orchestra um 19 Uhr auf die Bühne steigen, ist der historische Marktplatz Schaffhausens noch größtenteils leer, erst während des Konzerts füllt es sich langsam. Die zweite Band The Bianca Story mit ihrem komplett durchgestylten Erscheinungsbild und ihrem Sänger, der mit Vollbart und Anzugsweste aussieht wie ein Hipster-Hobo, lässt das Publikum auf dem Herrenacker langsam in Fahrt kommen, während sich die Dämmerung allmählich über den Platz legt.
Als
Mando Diao dann endlich auf die Bühne gehen, ist der Herrenacker gerammelt voll. Die Band aus Schweden wird mit frenetischem Applaus empfangen und sie lassen ihr Publikum nicht unnötig warten. Direkt die erste Nummer God knows zündet und die ersten Reihen fangen an zu tanzen und auf und ab zu hüpfen. Man mag von Mando Diao halten was man will, aber sie zeigen an diesem Abend, dass sie nicht nur hübsche Gesichter sind, sondern auch außerordentlich gute und versierte Musiker. Jedes Gitarrenriff sitzt, jeder dahingestöhnte Laut ins Mikro lässt einen im überwiegend weiblichen Publikum ein kollektives Seufzen erahnen, jede Rockstarpose wirkt gerade beiläufig genug um noch als spontan und lässig durchzugehen. Hier steht eine Band auf der Bühne, die in den vergangenen zehn Jahren wenig anderes gemacht hat, als gemeinsam aufzutreten.

Selbst ihre größten Kritiker kommen mit ihren Standardsätzen („Nur weil die die Haare schön und zu kleine Hosen an haben, heißt das noch nicht, dass sie ’ne gute Band sind!“) hier und heute nicht weit. Diese Band hat ihr Publikum im Griff und kann tun und lassen was sie will, heute Abend kann nichts falsch sein! Schon bevor Sänger Gustaf erklärt, wie sehr er es vermisst habe mit seiner Band zu spielen, merkt man den Schweden ihre enorm gute Laune an. Neben mir zischelt eine Dame ihrer Begleitung zu
„Was ist denn mit denen los? Haben die die Drogen gewechselt?“ und tatsächlich, die sonst so betont coolen Bandmitglieder haben ein Grinsen im Gesicht, das beinahe so breit ist wie das Meine. Sie sind heute Abend beseelt und besessen, während sie sich einmal durch ihre fünf Studioalben spielen.
Das Konzert ist von vorne bis hinten perfekt, und als sie als letzten Song 'Dance with somebody' spielen, tanzt sogar der geschätzt 70-jährige Mann direkt hinter mir was die müden Knochen hergeben. Die absolut makellose Organisation des Festivals ist die Kirsche auf diesem Rock’n’roll-Eisbecher. Dazu kommt, dass der Herrenacker leicht abschüssig ist, man also auch von ganz hinten noch einen sehr guten Blick direkt auf die Bühne hat. Die Laune des Publikums ist entspannt und fröhlich, die einzigen Abstriche müssen bei der durchweg
niedrigen Lautstärke gemacht werden. Die schweizer Dezibelgrenze ist halt nichts für Musik, die am besten möglichst laut gehört werden will.
Mando Diao sind sicherlich keine bescheidenen Zeitgenossen, doch am Ende dieses Konzertes wirkt ihre gerne zur Schau getragene Hybris nicht fehl am Platz sondern absolut berechtigt und ich kann mit meinem weiterhin ins Gesicht gehämmerten Lächeln und Fotos im Gepäck nach Hause fahren. Sie haben mich wahrlich nicht hängen lassen. Sie haben sich meine Fan-Loyalität wieder einmal vollstens verdient. Und ich kann aus ganzem Herzen sagen: Danke.
Foto-Galerie: Jule Markwald
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