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Sinnestäuschungen im Alltag: 5 Antworten von Professor Michael Bach

Noch bis zum 26. Februar ermöglicht die Kunsthalle Messmer in Riegel Einblicke in die private Sammlung der Stiftung. Die Werke sind Teil der konkret-konstruktiven Kunstrichtung, die auf geometrischen Grundlagen beruht und oft mit Sinnestäuschungen spielt. Michael Bach, Professor an der Augenklinik der Uni Freiburg, hält am Mittwochabend einen Vortrag über optische Phänomene des Alltags und der Kunst. Wir haben ihm vorab fünf Fragen gestellt.



Professor Bach, worum wird es in Ihrem Vortrag genau gehen?


Ich werde eine Reihe von Wahrnehmungsphänomen vorstellen – das ist ein vornehmer Oberbegriff für optische Täuschung, den ich verwende, weil viele Phänomene gar kein Irrtum des Auges sind. Dieser Begriff ist eine Negativformulierung, die oft unberechtigt ist. Unser Auge funktioniert nämlich ganz fantastisch und kann aus sehr, sehr wenigen Infos ein ganzes Weltbild für das innere Handeln konstruieren.

Wenn man zum Beispiel in einem Büro sitzt, hat man eine Vorstellung vom ganzen Büro, obwohl das Auge gerade nur einen Teil davon sieht. Das Auge „irrt“ nur manchmal, wenn es eine sehr ungewöhnliche Umgebung hat. Und solche Phänomene führe ich heute Abend vor und erkläre sie wissenschaftlich – aber nicht so sehr, dass es langweilig wird.

Was sind denn typische Wahrnehmungsphänomene des Alltags?


Die gesamte Wahrnehmung ist im Grunde konstruiert und ein Phänomen. Das Auge sieht immer nur einen Teil, den Rest erfindet das Gehirn dazu – und das merken wir gar nicht bewusst, wie zum Beispiel im Büro.

Ein typisches Beispiel sind die Bilder von Fahrradfahrern auf den Straßenbahnen in Freiburg: Die sind verzerrt. Aus der Entfernung betrachtet sieht das dann aus, als stehe der Radfahrer hochkant im Raum, obwohl er natürlich nur flach aufgemalt ist – na ja, das funktioniert zugegebenermaßen eher mäßig, aber es gibt davon auch bessere Versionen. In er Malerei wird so was dann natürlich gezielt eingesetzt.

Ein anderes Beispiel aus dem Alltag ist die Bewegungsadaption: Das merkt man oft beim Autofahren – also nicht, dass ich für Autofahren wäre. Wenn man aber lange auf der Autobahn fährt, registrieren das die Bewegungsdetektoren in Gehirn und schrauben die Wahrnehmung der Vorwärtsbewegung runter. Das heißt die Geschwindigkeit wird nicht als so hoch wahrgenommen, wie sie tatsächlich ist. Das ist dann wichtig, wenn man von der Autobahn abfährt, da muss man ordentlich bremsen, auch wenn man das Gefühl hat, langsam genug zu sein.


Wenn ich einem Zug sitze und denke, ich fahre los, obwohl es in Wirklichkeit der Zug auf dem Gleis nebenan ist, ist das dann dasselbe?


Das ist auch ein hübsches Phänomen, aber ein bisschen was anderes als auf der Autobahn, denn am Anfang bewegt sich ja keiner von beiden. An diesem Beispiel kann man sehen, dass wir keinen absoluten Bewegungssinn haben. Wir merken ja auch nicht, dass die Erde sich dreht – relativ schnell sogar – und dabei noch um die Sonne flitzt, und die Sonne flitzt durch die Milchstraße.

Wir stellen Bewegung über Hilfsmittel fest. Da gibt es zum einen den Gleichgewichtssinn. Wenn eine plötzliche Bewegung einsetzt, also eine Beschleunigung, dann merkt das Gehirn: Ah, vorher Ruhe, jetzt Beschleunigung, also muss ich mich bewegen. Im Zug funktioniert das aber nicht, weil der sehr sanft anfährt. Dann kommt der andere Aspekt ins Spiel: Im Gesichtsfeld bewegt sich etwas und was anderes nicht. Aber wenn man im Zug sitzt, ist dann nicht beurteilbar, ob man sich selbst bewegt oder der andere und dann springt das Gehirn in den Zufallsmodus und sagt halt manchmal: Ich bewege mich und in Wahrheit ist es der andere Zug.

Ist die Interpretation des Gehirn also stärker als das Auge? Wenn ich mir zum Beispiel einen Apfel an einer weißen Wand vorstelle und dann wird per Beamer tatsächlich einer eingeblendet, merke ich das?


Man ist normalerweise immer in der Lage, das zu unterscheiden. Aber es gibt ähnliche Effekte mit Dingen, die real da sind. Wenn man lang genug drauf schaut und dann auf eine weiße Fläche, sieht man eine Abbildung davon, ein sogenanntes Nachbild.

Da kann ich eine schöne Geschichte erzählen: Eine Bekannte erzählte mir mal, sie sei in der Kirche gewesen und habe dann den Pfarrer ganz klein im Gesangbuch gesehen. Was ist da passiert? Sie hat also ganz ruhig und über längeren Zeitraum nach vorne zum Pfarrer im schwarzen Talar geschaut. Und dann schaut sie ins helle Gesangbuch und hatte auf der Netzhaut ein Nachbild. Und weil das Gesangbuch näher ist, erscheint der Pfarrer kleiner, weil das Gehirn bei der Größe den Abstand verrechnet.

Also: Das Objekt ist so und so weit weg und auf der Netzhaut so und so groß, also rechnet das Gehirn dann aus, wie groß das Objekt in der Realität ist. Und wenn das Gesangbuch näher ist, erscheint der Pfarrer dann kleiner. Meine Bekannte war etwas enttäuscht, dass diese zunächst mystisch anmutende Erfahrung so eine naturwissenschaftliche Erklärung hatte. Ich finde aber nicht, dass es das weniger schön macht. Ein Regenbogen ist immer noch was total schönes, auch wenn man weiß, wie er funktioniert. Naturwissenschaft entzaubert nicht die Freude an der Natur.

Für was kann man das in der Forschung denn nutzen?


Na ja, zum Beispiel für so Dinge wie das Fahrrad auf der Straßenbahn. Etwas ähnliches wird auch bei der Bandenwerbung im Fußballstadium gemacht. Für mich ist das alles auch nur ein Hobby, hauptberuflich erforsche ich nicht Wahrnehmungsphänomene, sondern Seherkrankungen, zum Beispiel die Früherkennung des Grünen Stars.

Mehr dazu

Was: Vortrag von Prof. Michael Bach: Wahrnehmungsphänomene in Alltag und Kunst
Wann: Mittwoch, 8. Februar 2012, 18.30 Uhr
Wo: Kunsthalle Messmer, Grossherzog-Leopold-Platz 1, 79359 Riegel am Kaiserstuhl
Eintritt: Der Vortrag an sich ist umsonst, Eintritt in die Kuntshalle: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro


[Fotos: dpa]




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