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Gasthörer an der Uni: Die Rentner von der ersten Bank

Immer mehr ältere Semester sitzen in Deutschlands Hörsälen und lauschen wie ihre Enkel den Dozenten. Vor allem in Fächern wie Geschichte und Philosophie ist das Phänomen Seniorstudent anzutreffen. Doch wer sind diese wissbegierigen Senioren im Ruhestand und wie regelt die Uni die Gasthörer-Flut in Freiburg?



„Ich freu’ mich immer auf die Semesterferien“, erzählt Falk Herdter. Der pensionierte Chirurg besucht seit vier Jahren und damit acht Semestern als Gasthörer Vorlesungen an der Uni Freiburg. Zwar ist er mit seinen Praxisvertretungen, Gutachten und Fortbildungskursen, die er anbietet, noch immer als Teilzeit-Arzt aktiv. Doch auch in der Rolle als Student fühlt er sich wohl. Neben drei Vorlesungen in Geschichte gönnt er sich dieses Wintersemester eine Vorlesung in Kunstgeschichte. Da seine Frau mit eigener Galerie im gemeinsamen Renaissance-Haus künstlerisch aktiv ist,dürfe er nicht den Anschluss verlieren, berichtet der 68jährige schmunzelnd.

Falk Herdter ist in diesem Wintersemester einer von 551 offiziell eingeschriebenen Gasthörern an der Albert-Ludwigs-Universität. Im vergangenen Sommersemester waren es mit 447 Gasthörern – davon 215 männlich und 232 weiblich – rund 100 weniger. Wie Herdter auch sind die meisten 'älteren Semester' in Geschichte und Kunstgeschichte anzutreffen, gefolgt von Germanistik, Philosophie, Katholischer Theologie und Archäologie. In den letzten zwei Semestern interessierten sich außerdem mehr Gasthörer wie bisher für Sprachkurse, vor allem Skandinavistik sowie Spanisch und Italienisch. Kaum beachtet werden Studienfächer wie etwa Mikrosystemtechnik oder Russlandstudien.

Gasthörer müssen pro Semester 26 Euro an die Uni zahlen und können dann bis zu vier Kurse belegen. Zwar gibt es zu Semesterstart ein Gasthörerverzeichnis, doch viele Internetvertraute Seniorstudenten schauen sich das normale Vorlesungsverzeichnis gemütlich vom heimischen PC aus an. Von dort aus wählen sie dann die Veranstaltungen ganz nach ihrem Gusto. So auch Herbert Zorn. Der 83jährige gehört zu den „dienstältesten“ Gasthörern. Seit rund 15 Jahren sitzt er aus Interesse und Spaß an der Sache in diversen Veranstaltungen. Dieses Wintersemester besucht er mit „nur“ drei Vorlesungen die Uni „nicht mehr so intensiv wie früher.“ Angefangen hat er in den 1990er Jahren als Gasthörer in Wirtschaftswissenschaften, um Lücken aus seiner eigenen Studienzeit zu schließen. Nach einigen Soziologie- und Politikveranstaltungen hat er sich in den letzten Jahren vor allem der Geschichte, Philosophie und Theologie gewidmet. Dort besucht er dieses Semester die Vorlesung des bekannten Moraltheologen Eberhard Schockenhoff.

Die Mehrheit der Studenten fühlt sich von ihren älteren Banknachbarn im Hörsaal nicht gestört. Knapp 70 Prozent der Gasthörer sind zwischen 60 und 80 Jahren, also im Alter der Eltern und Großeltern der jungen Studierenden. Die Uni böte so „eine der wenigen Mehrgenerationenangebote“, findet Jan Ihwe. Er ist Direktor der Freiburger Akademie für Universitäre Weiterbildung (FRAUW) und damit auch für die Gasthörer an der Uni zuständig.

Reibereien zwischen Studenten und Gasthörern gebe es ab und zu, gehören aber zu den Ausnahmen des Universitätsalltags. Auch der Hörsaalerfahrene Herbert Zorn hat den Eindruck, dass sich beide Seiten akzeptieren und nennt klare Spielregeln: „Wenn die Studenten auf der Treppe sitzen müssen, dann bleib ich nicht.“ Schließlich seien die Gasthörer nur das „Anhängsel“.

Und was halten Dozenten beliebter Gasthörer-Fächer von den „älteren Semestern“? Willi Oberkrome, Geschichtsprofessor am Historischen Seminar, bei dem sowohl Falk Herdter als auch Herbert Zorn dieses Wintersemester eine Vorlesung besuchen, sagt auf Anfrage kurz und knapp: „Jeder ist bei mir herzlich willkommen.“ Ähnlich sieht das sein Historiker-Kollege Franz-Josef Brüggemeier, der die Leute in Freiburg im Vergleich zu anderen Unis als „recht verhalten“ bezeichnet. „Sie wirken interessiert und kommen ja immer freiwillig.“






[Symbolbild: PH Freiburg]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 8
Dienstag, 10.01.12 10:54
 

Speziell in Geschichte gibts immer wieder Konflikte zwischen Dozent und Senior-Hörer....(Quelle Spiegel)
Da kommt dann auch öfters der Satz: Sie brauchen mir es nicht zu erklären, ich war dabei!
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31329798.html

Edit wegen Emailhaken


Tatoocheck hat den Kommentar am 10.01.2012 um 10:55 bearbeitet
Dienstag, 10.01.12 15:24
 

Saß heute neben einem älteren Herrn in der Vorlesung, und das war sehr lustig :) Hin und wieder geht's mir aber ein bisschen zu weit, wenn, grade in Politik, manche Gasthörer den Anschein erwecken, nur gekommen zu sein um mal dieses oder jenes Thema mit dem Prof zu diskutieren. Problematisch halt, wenn Fragen vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen sind oder sich ohne die jeweiligen Hintergründe rein gar nichts verstehen lässt. Das scheint manchen Gasthörern auch noch Spaß zu machen, den jungen Hüpfern (inklusive Dozent) mal zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Bis jetzt haben aber alle Dozenten, Referenten und Vortragenden das ganz gut geregelt, sodass es ohne die älteren Herrschaften fast schon ein bisschen öde wäre. Irgendwie nicht mehr wegzudenken, und die meisten sind ja auch ganz brav und schreiben mit ohne auffallen zu wollen.

Dienstag, 10.01.12 19:45
 

Ich war einmal in einer Geschichtevorlesung (ca. 50% Gasthörer) und der Verwesungsgeruch war erschlagend.

Dienstag, 10.01.12 20:21
 

wenn ich in rente bin (falls es die dann überhaupt noch gibt) will ich auch massiv gasthören.

und erstsemester ischen klarmachen! ach so nee, das wird wohl eher problematisch. also nur gasthören....

Dienstag, 10.01.12 22:48
 

Ich finde das klasse, das sich Senioren auf ihre alten Tage nochmals so interessieren und ich hab in Vorlesungen oder Seminaren nie irgendwelche negativen Erfahrungen gemacht. Von daher kann ich auch den Spiegel-Artikel der weiter oben gepostet wurde nicht nachvollziehen.

Problematisch wird das Thema dann, wenn es um scheinrelevante Seminare geht, denn mittlerweile scheint die Belegungssituation an unseren Unis ja derartig prekär zu sein, dass jeder Platz für Studierende mit Abschlussziel vorrangig sein sollte. Aber wie das in der Praxis ausschaut weiss ich nicht.

Und sollte da jemand Verwesungsgeruch wahrgenommen haben (memento mori) dann rate ich demjenigen mal öffters zu duschen. Könnte helfen.

edit: (Häckchen raus nicht vergessen, wie ich eben)


Mikey hat den Kommentar am 10.01.2012 um 22:51 bearbeitet
Mittwoch, 11.01.12 06:28
 

@mikey:

Hast absolut recht. NurHäkchen ist Häkchen, nicht Häckchen. Sorry, tut weh es jedes ständig falsch zu lesen.... Trotzdem nicht vergessen rauszunehmen!

Mittwoch, 11.01.12 08:03
 

Ich glaube es hakt ;-)

(raus machen natürlich nicht vergessen)

Mittwoch, 11.01.12 08:48
 

Mickey, schau mal auf das Datum des Spiegels.... *g*
Vielleicht hat sich in den letzten 8 Jahren die Sache auch gewandelt. Mir wars noch im Gedächtnis, bin aber selbst erschrocken, wie lange das schon wieder her ist...

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