Die Jungs an der Tür
Keine Jungs, keine Mädels, keine Gäste. Ich bin
zu früh. Zum Zeitvertreib laufe ich die Haslacherstraße hoch und runter. Immer noch nichts los hier. Auch die "Villa" wird nur mäßig besucht. Eine halbe Stunde später: Ein junger Kerl steht am Eingang zum Slow Club und verlangt von Clubmitgliedern 4 Euro. Nichtmitglieder müssen 6 Euro abdrücken.
Inneneinrichtung & Deko
Garagenzimmer, Hinterhofbar, Kellerstube - der Slow Club hat etwas von allem. Denn kaum betrete ich den kleinen Raum in der Haslacherstraße, kaum habe ich mich an das säuerlich-muffige Geruchsgemisch aus kaltem Rauch und alkoholgetränktem Schweiß gewöhnt, vereinnahmt mich die
kuschelige Gemütlichkeit dieses alternativen Kulturorts. Betritt man ihn, befinden sich linkerhand eine Musikanlage mit uraltem Plattenspieler und üppig Kabelsalat, und rechterhand steht auf einer kleinen Bühne ein Sofa der Kategorie Milbenfänger.
Des Weiteren: Plastikstühle, Konzertbühne, zusammengezimmerte Bar, und an den Wänden hängen Holzschnitz- und Brandbilder von
Markus Bromm. So sieht's auch im
Hobbykeller meines Großonkels aus, wo sich seit Mitte der siebziger Jahre nichts verändert hat. Es gibt jedoch schlimmeres: Clubs im Flughafenlounge-Design beispielsweise. Oder vermeintlich durchdesignte Bars, in denen man dennoch aus IKEA-Gläsern trinken muss.
Wer war da?
Aromatherapeuten, Heileurythmie-Lehrer, Sozialerzieher. Das Binnen-I denkt ihr euch einmal hinzu. Vielleicht sind es auch alles
Ärzte, Rechtsanwälte und Unternehmensberater, die sich an diesem Donnerstagabend im Slow Club eingefunden haben? Sieht man seinem Gegenüber ja nur selten an. Auf den ersten Blick scheint das ganze "Was bist du?"- und "Wer bist du?"-Getue im Slow Club auch keine Rolle zu spielen.

Die gesellschaftliche Positionierung der Gäste findet jedoch auf einer anderen Ebene statt. Sieht man genauer hin, taucht man tiefer ein in das Milieu, wird sehr schnell deutlich: Die Besucher des Slow Clubs tragen einen Teil ihrer Identität mittels
Aufnäher und Anstecker nach aussen. Mann und Frau sind gegen Atom, gegen Fleischverzehr, gegen Nazis, gegen Pelz, und aus Nostalgiegründen heraus wahrscheinlich auch gegen die Startbahn West.
Man kennt sich, wahrscheinlich von Montagsdemos, Fahrradausflügen nach Fessenheim, dem
Veganerkochkurs oder Ausdruckstanzveranstaltungen. Gut, dass ich immer eine kleine Auswahl an Pins bei mir trage und damit sofort eine Zugehörigkeit zu den Menschen herstellen kann, egal, wo ich mich gerade aufhalte.
Atmosphäre & Klangwaren-TÜV
Pünktlich um 21 Uhr gehen die Lichter aus. Von wegen Pünktlichkeit: Im Slow Club muss man sich hin und wieder auch auf
lange Wartezeiten einstellen. Türöffnung 20 oder 21 Uhr bedeutet nicht, dass die Veranstaltung dann auch sogleich beginnt. Anfang und Ende eines Auftritts legt die Band sehr oft in eigener Verantwortung fest.
An diesem Donnerstagabend besteht sie aus vier Musikern.
Tuba, Gitarre, Rhythmusgruppe, Zither. Ab und an betritt ein fünfter Musiker die Bühne. Er bedient den Klangstein, dem er durch Handauflegen kosmische Klangflächen entlockt. Nach kurzen, einleitenden Worten zum Thema Ländler geht die musikalische Reise los. Aus tiefstem Oberbayern zwischen Wendelstein und Chiemgau geht es über das niederbayerische Tiefland, das Hopfenanbaugebiet Hollertau und Bayerisch Schwaben in den Schwarzwald. Dieser, so erfahren wir Gäste, sei zu Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts ein fruchtbarer Nährboden für Heimatmelodien dieser Art gewesen.

Wie sich das Ganze anhört, lässt sich kaum beschreiben:
gequetschte Tuba-Töne, Zitterklänge voller weinerlicher Weichheit, stolpernde Gitarrenakkorde und darüber die eine oder andere heimattümelnd sentimentale Textpassage.
Worauf die Musiker an diesem Abend hinauswollen, bleibt mir verborgen. Terry Riley, Steve Reich, Philip Glass und weitere Experimentalmusiker liegen mir näher.
An der Bar ...
... gibt es günstiges Bier und Laugenbrezeln.
Auf dem Klo
Meine Blase spielt mit. Ich kann's mir bis zuhause verkneifen.
Aufregerle
Ein Mann betritt in Begleitung einer ostasiatischen Schönheit den Raum. Sie unterhalten sich ungeniert laut auf Englisch. Er fragt in die Runde, was für ein Bier ausgeschenkt werde. "Freiburger", bekommt er zur Antwort. Er bedankt sich für diese Auskunft mit den Worten "Nur vom Feinsten".
Missbilligende Blicke werden ihm zugeworfen, wie er so etwas überhaupt sagen könne, und ein Mann, womöglich Slow Club-Stammgast, bemüht sich, ihm zu erklären, dass das "Freiburger" "ja gar nicht so schlecht" sei.
Aufheiterle
Worüber soll man sich aufregen, wenn alle so tiefenentspannt in ihren Plastikstühlen hängen und den ganzen Abend über gar nichts passiert? Vielleicht gerade darüber.
Fazit
Es ist wundervoll, dass in Freiburg mit dem Slow Club ein
Freiraum besteht, der Kunstformen und Musiken fernab des Chartabklatsches und langweiligem Viervierteltakt zulässt, und dass solche Abende - im Vergleich zu stark beworbenen Großveranstaltungen - ausgesprochen gut besucht sind. Bitte mehr davon! Nur ohne mich.
