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Stadtführung ungewohnt: Freiburg aus Sicht eines Obdachlosen

Wie sieht Freiburg eigentlich aus Sicht eines Obdachlosen aus? Uli Hermann, Chefredakteur des Stadtmagazins 'Der Frei-e Bürger', hat am Donnerstagabend interessierte Studierende bei einer Stadtführung eine andere Sicht auf die Freiburger Innenstadt verschafft. Monika ist für fudder mitgegangen.



Die ungewöhnliche Stadtführung beginnt in der Eisenbahnstraße. "Der Bahnhof ist für Zugereiste das Eingangstor der Stadt" erklärt Uli Hermann. "Am Bahnhof findet man die Bahnhofsmission, die Handzettel zu Hilfsangeboten in Freiburg wie die Tafel verteilt."

Uli Herman kennt sich aus. Zwölf Jahre hat er selbst auf der Straße gelebt, heute wohnt er auf einem Wagenplatz im Rieselfeld. Seit dem Jahr 2000 leitet Uli Hermann die Freiburger Straßenzeitung „FreieBürger“. Mit deren Gründung 1998 wollten Obdachlose das Bettelverbot umgehen, das es der Polizei damals möglich machte, Bettelnden ihre Einnahmen bis auf 10 Euro pro Tag abzunehmen und zusätzlich ein Bußgeld zu verhängen. Pro Heft verdienen die Verkäufer inzwischen 70 Cent, eine Einnahme, die ihnen sicher ist. Viele Bettler seien auf den Verkauf umgestiegen, derzeit seien es etwa 30 Verkäufer. Ironischerweise sei im Jahr der Gründung auch das Bettelverbot aufgehoben worden, sagt Hermann.

Er erklärt heute, worauf es beim Betteln ankommt. Am wichtigsten ist ein günstiger Platz: An einer Hauswand, wie es in der Eisenbahnstraße viele gibt, stört man nicht, in einer Einkaufspassage dagegen, mit dem Schaufenster im Rücken, „werden die Leute nervös“. Der Nachteil: die wenigsten Wände sind überdacht. „Die Eisenbahnstraße ist gut zum Betteln, weil sie am Anfang der Stadt liegt und ich der Erste hier bin. Wenn die Leute schon zehn Bettler gesehen haben, reicht es ihnen“, erklärt Uli Hermann.

Von hier aus geht es weiter Richtung Colombipark, der als Drogenumschlagplatz auch bei den Bettlern keinen guten Ruf genießt. „Morgens ist es in der Eisenbahnstraße ok, aber ab Mittag wird man hier in einen Topf geworfen mit den Drogenabhängigen“.

Hermann unterscheidet Betteln von aggressivem Schnorren, bei dem Fußgänger angesprochen werden. Dabei gebe es drei Möglichkeiten: man bettelt allein, oder in der Gruppe, wenn man gemeinsam grillen möchte zum Beispiel. Es gebe aber auch die, die das nicht freiwillig tun und das Geld abgeben müssen. Die Zahl der Wohnungslosen in Freiburg schätzt er auf zwischen 600 und 800, genaue Zahlen gebe es nicht. „Die wenigsten davon sieht man auf der Straße, viele sind bei Bekannten untergekommen“.

Die baulichen Veränderungen in der Innenstadt sieht Hermann insgesamt kritisch: Die Händler des Kartoffelmarkts waren bis zu einer Platznutzungsänderung der Stadt noch auf dem Gelände hinter der Buchhandlung Herder zu finden. Wenn der Rotteckring wie geplant zu einer Fußgängerzone ausgebaut würde, würden sie womöglich als schmuddelig angesehen, befürchtet er. Der Kartoffelmarkt dagegen wird inzwischen in den warmen Jahreszeiten für Außengastronomie genutzt, im Winter findet hier ein Teil des Weihnachtsmarktes statt. „Früher saßen hier gern Leute am Brunnen. Diese Atmosphäre ist zerstört worden“, bedauert er.



Fürs Betteln besonders schwierig sei der Trend der Geschäfte zu großen Glasfronten, wie sie in der Rathausgasse, aber auch unter den Arkaden in der Kaiser-Joseph-Straße zu finden sind. So sei der Platz vor der Sparkasse für Bettler unattraktiv geworden. „Den Verkäufern des Freien Bürgers hat die Sparkasse eine Wand angeboten, damit wir hier weiter leben können“, erzählt Hermann. Die wenigen freien Wandstücke, die geblieben sind, würden oft mit Werbeträgern verstellt und fürs Betteln unbrauchbar gemacht (siehe Bild oben) - eine Maßnahme, die den meisten Teilnehmern der Stadtführung bisher wohl noch nicht aufgefallen war.

Einer von ihnen ist Martin, 22. Er studiert Soziologie und besucht ein Seminar zu Stadtentwicklung. Ihn interessiert „wie die Stadt wahrgenommen wird. Es ist wichtig, dass dazu auch Obdachlose gehört werden. Außerdem interessiert es mich, das Leben der Leute kennen zu lernen, die man sonst eher unbeteiligt auf der Straße sieht.“

Veranstaltet wird die heutige Führung von der Katholischen Hochschulgemeinde und der Evangelischen Studierendengemeinde. Die Idee einer Stadtführung aus Sicht von Obdachlosen entstand bei den Proben für die Freiburger Bettleroper 2008/09, bei der neben professionellen Darstellern auch sechs Schauspieler in prekären Situationen mitspielten, erzählt Herrmann. Dabei sei die Frage aufgekommen, wie Menschen auf der Straße überleben können: als Bettler, Pfandsammler, Straßenmusiker, oder indem sie die Tafel besuchen.

Hermanns Führung endet am Platz der alten Synagoge. „Bis 2004 war das hier unser Wohnzimmer“, berichtet er. „Die Uni war tolerant und wir durften im Europa-Café einkaufen. Die einzige Bedingung war, dass wir das Geschirr wieder bringen. Auch die Toiletten durften wir benutzen.“ Damit sie den Studenten nicht den Platz wegnehmen, tranken sie ihren Kaffee dann draußen auf dem Platz. Inzwischen gehört der den Schnorrern. Einem ungeschriebenen Gesetz nach respektieren sich die beiden Gruppen gegenseitig genauso wie ihre jeweiligen Plätze.

Nach einer neuen Nutzungsordnung der Stadt können sie einen Platzverweis bekommen, wenn sich mehr als drei Personen mit Alkohol hier aufhalten. „Das Problem wird sich bald erledigt haben, wenn der Platz umgebaut wird“, befürchtet Hermann: Zwischen Uni, alter UB und Stadttheater soll nach dem Entwurf eines Freiburger Architekten und eines Denzlinger Landschaftsarchitekturbüros ein großer betonierter Platz mit Straßenbahntrasse entstehen.

Für Bettler und Schnorrer könnte dann wieder ein Ort zum Leben und Geldverdienen verschwinden.








Die Stadtführung wird nicht regelmäßig angeboten. Wer Interesse hat, an einer zukünftigen Führung von Uli Herrmann teilzunehmen, kann sich an die KHG oder die ESG wenden.




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Freitag, 11.11.11 17:13
 

Sehr gute Sache :)

Freitag, 11.11.11 18:01
 

Krass, das mit der Werbeschildern stimmt echt..und ist mir wirklich noch nie aufgefallen^^

Freitag, 11.11.11 19:31
 

@ vögele: Mir ist an bewusst aufgestellten Schildern bisher auch nur das LKW-Parkverbots-Werbeschild in der Gerberau aufgefallen.

Freitag, 11.11.11 20:32
 

Schwachsinn. Das ist wie Ich-bin-Blind-Spielen mit Augenbinde oder sich als nicht Behinderter in den Rollstuhl zu setzen.

Sonntag, 13.11.11 13:46
 

Nein, das sehe ich nicht so.
Die Leute sollen sich ja nicht so fühlen wie die Obdachlosen und das einmal "durchleben". Es ist ja lediglich ne Führung!
Und das ist ne gute Sache, um die Stadt mal aus anderen Augen so sehen..

Sonntag, 13.11.11 14:01
 

In Ordnung. Aber das wäre nichts für mich, sondern was für die vielen Freiburger Gutmenschen.

Sonntag, 13.11.11 15:38
 

irgendwie ist "gutmensch" ein problematisches wort finde ich

Sonntag, 13.11.11 23:36
 

"Schlechtmensch" ist dafür aber ein verdammt cooles wort

Montag, 14.11.11 04:06
 

genau vivien.das sind doch blödiane.

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