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Hang: Unbekanntes Klangobjekt

Ein Ufo? Ein Wok? Eines der begehrtesten Musikinstrumente der Welt passt in keine Schublade. In den etwa elf Jahren seines Bestehens hat sich um das "Hang" ein ganz eigener Kult entwickelt. Heute ist es kaum noch zu bekommen. fudder-Autor Jan hat sich schon vor Jahren eines gekauft und erzählt, was er und andere für Erfahrungen mit der "Klangskulptur" aus Blech gemacht haben. [mit Video]

Hang

Manchmal sagt eine schlichte Auflistung im Internet mehr als viele Worte. Seriennummer 0342: Gestohlen am 8. März 2010 in Tours. 4084: Gestohlen im September 2010 auf Phi Phi Island, Thailand. 0390: Gestohlen einige Tage später in San Francisco.

Seriennummer 0097 liegt gerade auf meinem Schoß und zieht die Blicke der Vorbeigehenden auf sich. Ein solches Instrument haben die meisten Passanten noch nie gesehen. Aber mehr noch als das ungewöhnliche, ufoförmige Erscheinungsbild sind es die warmen Klangfarben, die viele in ihrem Stadtbummel-Trott innehalten lassen. Positive Schwingungen, die sich allmählich in den Häuserschluchten Freiburgs niederlassen. Kinder recken den Hals, bärtige Opas bleiben, in angemessener Entfernung, auf der anderen Straßenseite stehen und lauschen.

Viele fragen nach dem Namen des Instruments. „Hang!“, antworte ich, „Hand?“, fragen einige nach. Mit den Händen wird das Hang tatsächlich gespielt, und so tauften es Sabina Schärer und Felix Rohner vor elf Jahren auf den berndeutschen Ausdruck für „Hand“. Das neue Jahrtausend hatte gerade begonnen, als die beiden Berner Steeldrum-Hersteller mit dem Hang das Ergebnis jahrelanger Forschung und Entwicklung in Händen hielten. Was sie nicht ahnen konnten: Sie hatten soeben eines der begehrtesten Musikinstrumente der Welt erfunden.

Der Sehnsuchtsort vieler Hang-Freunde liegt am Ufer der Aare. Fünf Jahre ist es her, dass ich am Berner Hauptbahnhof aus dem Zug stieg. Eine Wegskizze hatten die Hangbauer mir mitgeschickt, ansonsten stand nicht viel in der Mail. Nur ein Termin. Ich lief zum Fluss hinunter, auf den Treppen saßen bleichgesichtige Gestalten mit leerem Gesichtausdruck, Spritzen verteilten sich auf den Stufen. Ich folgte dem Flusslauf, begann zu zweifeln, ob ich den richtigen Weg gewählt hatte.

Vier Jahre zuvor hatte Tilo Wachter ein Emmendinger Musikgeschäft in der Absicht betreten, sich eine neue Rahmentrommel zu kaufen. "Tilo, ich brauche mal kurz deine Meinung", begrüßte ihn der Inhaber. "Wir haben gerade ein seltsames neues Instrument reinbekommen." Der Müllheimer Perkussionist betrachtete das bläuliche Ufo mit Skepsis, belächelte es beinahe. Dass vor ihm das Instrument seiner Träume lag, ahnte er nicht. Das Instrument seiner Träume bot ihm die Möglichkeit, Percussion, also Rhythmus, mit Melodien und Harmonien zu verbinden. Sein ganzes Leben hatte er sich nach so etwas gesehnt, ohne sich dessen wirklich bewusst gewesen zu sein. Bis zu jenem Augenblick, in dem er, nachdem er vier Töne auf dem Hang gespielt hatte, wie benommen innehielt.

Hang
[fudder-Autor Jan Wittenbrink mit seinem Hang]

270 Euro weniger in der Tasche, dafür das neuste Instrument der Welt im Gepäck. Tilo hatte von nun an Tag und Nacht auf dem Hang gespielt. Dass er noch etwas mehr erworben hatte als ein Instrument für seine Bedürfnisse, war ihm erst einige Zeit später auf einem Dorffest bewusst geworden. Auf einer kleinen Bühne bekam, wer Lust hatte, die Möglichkeit vor Bierbänken und Imbissständen aufzutreten. Tilo hatte sich mit dem Hang hingesetzt und zu spielen begonnen, der Klang war zunächst kaum durch das allgemeine Stimmengewirr gedrungen. Als er fertig  war, saßen die Kinder in einer Reihe aufgereiht mit offenen Mündern vor ihm. Die Festbesucher standen da wie erstarrt, die Gabel noch in der Hand. "Plötzlich war es ganz still. Das war ein unglaublicher Moment."

Meine Begeisterung für das Hang wurde erst drei Jahre später in einem Müllheimer Zirkuszelt geweckt.  Ich war Mitglied einer Percussiongruppe, wir hatten gerade einen Auftritt gehabt, unser Leiter war: Tilo Wachter.  Das seltsame Instrument, das er mitgebracht hatte, wollte jeder mal ausprobieren. Nun saß ich dort neben der Bühne, ließ die Finger über das glänzende Blech sausen, und seltsamerweise kamen wundersame Töne heraus: Tiefe Bässe, vor allem aber sphärische Klänge, die das ganze Zelt erfüllten. Auf geradezu mysteriöse Weise klang alles, was meine Hände mit dem Material anstellten, harmonisch und schön. Eine Kuppel in der Mitte, der sich ein tiefer Grundton entlocken lässt, acht Einbuchtungen an den Seiten, die jauchzend hohe Töne verbargen, aber auch warme, tiefe Klänge. Über allem schwebten nie zuvor gehörte Obertöne, die den Klang vom Instrument abheben ließen, vom Material lösten und im Raum verteilten.

Nun stand ich also vor der Tür des Berner Hangbauhauses, Zuhause der Firma PANArt, die heute keinen Internetauftritt mehr besitzt, selbst eine Mailadresse muss man lange suchen. Die Tür öffnete sich, Felix Rohner kontrollierte meinen Termin, schließlich durfte ich eine hölzerne Scheune betreten. Vor mir lagen etwa 20 bis 30 Hanghang, jedes mit einer anderen Tonfolge. Das Paradies! Inmitten der klingenden Blechschüsseln saß bereits eine ältere Frau, ein Hang auf dem Schoß, sie war ebenfalls angereist, um sich ihr Instrument auszusuchen. Ich griff mir das nächstgelegene Hang und begann zu spielen.

Einige Menschen, die mich in der Fußgängerzone nach dem Namen des Instrumentes fragen, werden vielleicht, zuhause angekommen, das Wort „Hang“ googeln. Eine offizielle Webseite werden sie nicht finden, dafür aber einige Seiten von Hang-Fans. Und: Unzählige YouTube-Videos. Das bekannteste zeigt ein Stück des jungen Österreichers Manu Delago, es ist über drei Millionen mal aufgerufen worden. „Das ist wahrscheinlich das am schönsten klingende Instrument der Welt“, kommentiert jemand. „Ist dieses Ding real?“ Ein großer Teil der User aber stellt die entscheidende Frage: „Wie bekomme ich so ein Teil?“

Hang

Felix Rohner und Sabina Schärer stellen auch heute noch Hanghang her. Auch heute noch fahren Menschen nach Bern, laufen am Fluss entlang zum Hangbauhaus und suchen sich ihr Hang aus. Anders als ich haben sie allerdings oft Jahre auf ihren Termin gewartet. Und: Sie mussten sich um ein Hang bewerben. Mit einem Text, einem Video, vielleicht einem Gedicht. In einem Forum postet jemand das Gedicht, das er in der Hoffnung auf einen Termin nach Bern geschickt hat: „Oh geliebtes Hang, sei gewiß, es ist keine Gier, es war Liebe auf den ersten Blick bei mir.“

Wer etwas erfunden hat, das überall auf der Welt auf eine solche Nachfrage stößt, der wird die Produktion normalerweise deutlich erhöhen. Er wird weitere Mitarbeiter einstellen, vielleicht neue Produktionsstandorte aufmachen. Die Hangbauer sind immer noch zu zweit. Die ersten Hanghang haben sie noch über ein internationales Händlernetz vertrieben, bis sie merkten, dass sie die Nachfrage nicht befriedigen können. Auf einmal fehlte Ihnen die Zeit, die sie bis dahin in jedes einzelne Instrument gesteckt hatten. Das widersprach ihrer Philosophie. Sie begannen, das Hang nur noch an Abholer zu verkaufen. Geht es nach den Hangbauern, ist das Hang nicht einmal ein Instrument. Und schon gar keine Trommel. Es handelt sich vielmehr um eine „Klangskulptur“. "Seit 30 Jahren arbeiten wir an Resonanzkörpern, die den Menschen unmittelbar berühren, ihn zum Klingen bringen", schreiben die Berner in einem Brief von Mai 2010.

Tilo Wachter überzeugte außer mir noch einige seiner Schüler, sich um ein Hang zu kümmern, solang es noch erhältlich ist. Unter ihnen der 19-jährige Max Gaß: „Das Hang fasziniert mich, da es auch größte Menschenmassen zur absoluten Stille bringen kann. Man kann damit eine ganz eigene Stimmung im Raum erzeugen und wunderbar dazu abschalten.“ Der 15-jährige Max Hoffmeister spricht von einer Art „Trancezustand, in dem man keinerlei Zeitgefühl mehr hat“.

Einer der Passanten tritt näher an mein Hang heran, untersucht es genau, staunt dann: „Es ist wirklich ein Echtes.“ Tatsächlich drängen in letzter Zeit immer mehr Plagiate auf den Markt, die  dem Hang optisch sehr nah kommen. Klanglich hinken sie allerdings weit hinterher, besitzen teilweise optische Eigenschaften, die keine klangliche Funktion haben, nur der Ähnlichkeit zu einem Hang dienen. Ein echtes Hang wurde vor einiger Zeit bei Ebay für 10000 Euro versteigert.

Wer das Glück hat, eines zu besitzen, sollte also gut darauf aufpassen. Denn dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Blechschüssel handelt, hat sich ja offensichtlich schon bis nach Phi Phi Island herumgesprochen. Die dreistesten Diebe schnappten sich Seriennummer H 676: Gestohlen zwischen dem 17. und 22. August 2009 im Berner Hangbauhaus.

So spielt man Hang



Das Hang

Das Hang ist ein Musikinstrument, das mit den Händen gespielt wird. Es besteht aus zwei Halbschalen aus gehärtetem Stahlblech. Berührt man die sieben oder acht Tonfelder auf der Oberseite, können verschiedene Töne erzeugt werden. In der Mitte befindet sich eine Kuppel, die einen tiefen Basston erzeugt und „Ding“ genannt wird. Der besondere Klang des Hang entsteht durch Schwingungen im Resonanzkörper, auf der Unterseite befindet sich eine Resonanzöffnung. Beim Spielen liegt das Hang, das einen Durchmesser von 53 Zentimeter hat, normalerweise auf dem Schoß. Die Mehrzahl von Hang ist „Hanghang“.

Seit das Hang im Jahr 2000 von den Bernern Felix Rohner und Sabina Schärer (Firma „Pan-Art“) entwickelt wurde, hat es verschiedene Hang-Generationen gegeben. Seit 2010 ist das „Freie Integrale Hang“ erhältlich, allerdings nur für Abholer, die sich vorher beworben und oft lange gewartet haben.








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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Mittwoch, 29.06.11 09:12
 

Check this:
http://www.youtube.com/watch?v=yM6hPuui-l8

Mittwoch, 29.06.11 12:55
 

Hab eins ;) Wenn auch nur Leihweise :(
Aber sicher ist jetzt schon, ich gebs nimma her ;)

Anu
Mittwoch, 29.06.11 16:55
 

die hatten Schelmisch am DDT dabei klingt richtigig toll!


Anu hat den Kommentar am 29.06.2011 um 16:55 bearbeitet
Mittwoch, 29.06.11 18:39
 

toller text & hammer instrument

Sonntag, 03.07.11 01:51
 

jeder möchtegern Musiker kauft sich das Teil und penetriert die Ohren der Leute. Da ist keine Melodie zu erkennen einfach nix. Das einfach nur drauf rumhämmern. Das schafft sogar meine keine Sister im Alter von 10 Jahren das hoert sich genauso an wie auf dem Video !

Sonntag, 03.07.11 03:54
 

Das Video soll auch nur ungefähr zeigen, wie das Teil klingt. Richtige Songs von mir gibts z.B. hier: http://www.myspace.com/seven-seas (sogar mit Melodien!)

Sonntag, 03.07.11 11:03
 

schon besser ^^

aber bei den meisten in der Fuzo isses einfach nur Müll.


bhkmax hat den Kommentar am 03.07.2011 um 11:04 bearbeitet
Sonntag, 03.07.11 14:07
 

http://www.youtube.com/watch?v=2kTtZXT7y88 &feature=related

Dienstag, 05.07.11 14:09
 

Ich finde den Beitrag über das Hang sehr gelungen. Das Hang ist ein sehr einfach zu spielendes Instrument mit einem absolut berührenden Klang. Es ist der Reichtum an Obertönen und das eingestimmte Quintenspiel das die Herzen berührt. Ich selbst habe ein Freies Integrales Hang, spiele damit Strassenmusik und erlebe wie beruhigend es auf die Zuhörer wirkt. Es verzaubert den der dafür geöffnet ist. Für mich ist es ein kostbarer Schatz und ich möchte damit gerne an geeigneten Orten für Menschen zur Besinnung und Beruhigung spielen. Über einen Kontakt zum Autor des Berichtes, Jan Wittenbrink würde ich mich sehr freuen. Vielleicht können wir gemeinsam etwas schönes kreieren.
Jeder der ein Hang hat und mitmachen möchte kann mir seine Ideen schreiben : regeldrei@gmx.de.
Bei Youtube habe ich einen Kanal mit drei kleinen Videos, in der Wohnung aufgenommen eingestellt:http://www.youtube.com/user/regeldrei?feature=mhee
Danke, freundlichst Michael

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