Früher war das Internet der neue Brockhaus, heute ist es das neue Telefon. Die meisten nutzen es für den Eins-zu-Eins-Austausch mit anderen. Wie sich heraus stellt, sind unsere Online-Freunde auch nur: Menschen. Martin hat die typischsten Facebook-Typen in einem kleinen Tierleben beschrieben.















Unfassbar, bis auf Mama, die es bei mir Gott sei Dank noch nicht zu facebook geschafft hat, sind echt alle in meiner Freundesliste vertreten. Ich gesteh jetzt nicht zu welcher Gruppe ich gehöre
Zoologen-Kollegen machen mich nach und nach auf weitere Arten aufmerksam, die in der obigen Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit noch nicht beschrieben sind. Mein Institut für submarine Netzwerk-Wildbahnforschung wird das Facebook-Reservat und seine Arten natürlich weiter beobachten.
Die Affektzentrale
Eine sprudelige Person, die einen direkten Draht zu ihren Gefühlen hat und diese nicht zensiert. Jeder weiß, woran er bei ihr ist.
Diplomatie hat sie irgendwann über Bord geworfen, denn das Leben ist zu kurz um zu Arschkrampen höflich zu sein. Über ihre Mordgelüste (bezüglich stinkender Nachbarn, lauter Hunde oder dummer Kinder in der Bahn) ist man in Echtzeit informiert, wenn man ihr auf Facebook folgt. Anfängliche Todesangst vor ihr überwindet man, wenn man realisiert, dass ihr Kommunikation als Druckventil dient und sie in Wirklichkeit niemanden umbringen wird. Ihr Dampfkessel rutscht schließlich nie in den roten Bereich, sondern pfeift vorher so schrill wie ein Schnellkochtopf.
Variante b) wäre jemand, der vor lauter Schüchternheit im richtigen Leben nicht gut für sich sorgt und allein auf Facebook laut und pointiert Frust entsorgt.
Der Vorgartenzwerg
In seiner eigenen Facebook-Produktion entspricht er ungefähr dem →Offliner, jedoch ist er online wesentlich präsenter. Und zwar hinter der Gardine.
Wie ein vorortdeutscher Gartenzwergfaschist wacht er über den kurzen englischen Rasen auf seiner Facebook-Wall. Oder viel mehr: er legt Wert darauf, dass nur er bestimmt, wie es auf seinem Facebook-Profil aussieht. Und das ist möglichst: weiß. Unkraut reißt er sofort aus. Posts auf seiner Pinnwand werden umgehend gelöscht. Polemische oder zynische Beiträge von Freunden werden verbissen und mit Ernst niederdiskutiert. Wie aus Angst, dass Geschriebenes immer wahr wird. Für Rechtschreibfehler und seiner Meinung nach Belangloses macht er einen zur Schnecke. Und wer es wagt, ihm über Facebook-Messages zu schreiben, wird umgehend in ein E-Mail-Umerziehungsprogramm gesteckt.
Jeder Tag, den er im Chaos des offenen und basisdemokratischen Biotops Facebook überlebt, ist einer für die Geschichtsbücher.
@Das Ding: Dann musst du unbedingt noch in die Sammlung aufgenommen werden. *verrückterwissenschaftleraugenaufreißundsabber* Beschreib’ dich mal kurz!
Neu entdeckt: Der eifrige Aufzeiger –
Karlchen hatte in der Schule praktisch immer den Finger oben. Das Kuriose war, dass er sich auch meldete, wenn kein Lehrer was gefragt hatte und auch, wenn er keine Lösung wusste. Karlchen redete einfach gern. Wenn er dran kam, riet er je nach Frage entweder ins Blaue hinein oder lenkte vom Thema ab oder reproduzierte das in der Klasse bisher Gesagte, als wäre er gerade selbst darauf gekommen.
Heute ist er entweder in der Politik oder im Verkauf. Seine Facebook-Kontakte sind alles RealLife-Freunde. Er ist ja schon ein lieber Kerl. Online klickt er vor allem: „Like!“. Ungefähr unter jedem Post von Freunden. Und unter jedem Kommentar, den ein Freund unter die Caption zu einem Foto einer Band geschrieben hat. Wenn Karlchen könnte, würde er auch die „Likes“ von anderen Leuten liken um zu zeigen, dass er liket, was sie mögen.
Selbst produziert er nichts. Abgesehen davon, dass er noch nie eine Seite im Browser geschlossen hat ohne sie per Facebook-Plugin allen zu empfehlen, bestehen seine selbst verfassten Kommentare eigentlich nur aus Lob und Anerkennung und Kaputtlach-Smileys für die anderen auf Facebook.
Durch seine rege Aktivität ist das eifrige Aufzeigerle Karlchen immer im Newsfeed seiner Freunde zu sehen. Er sagt bloß nix. Wie ein Kleiner, der auf und nieder hüpft um über die Ladentheke zu blicken.
Ob ihm das Konsumieren und Mitlaufen einfach liegt? Oder sind seine Ansprüche zu hoch und er hat sich in eine verkrampfte Schreibblockade hinein gesteigert? Jedenfalls irgendwie nett, dass er da ist.
ich finde da fehlt noch der minderjährige bitchesklarmacher aka. bilder mit handy im badezimmerspiegel schiesser, ghettoking und newocomerrapper nr.23173992 mit dem verdammt coolen künstlernamen "DenizZ da bomBaaa'h" und der eigentliche Facebook-Hater, der sich natürlich nur angemeldet hat um alle zwei stunden per posting seinen tiefen, leidenschaftlichen hass für die community auszudrücken :D
lol, DenizZ da bomBaaa'h, auf jeden Fall!
Auch noch typisch sind diese Herzchen-Mädchen, die jede Statusmeldung der Tagebuchautorin (oft auch deckungsgleich) mit passenden Kommentaren versehen (jeweils dekoriert mit den namensgebenden Herzchen). Schreibt die Tagebuchschreiberin etwa: "Vermisse mein Schatzi soooo arg", schreibt die Freundin gleich: "Och Süße, dein Schatzi kommt doch morgen schon wieder! Ich drück dich! Kussi! :*".
Herzchen-Mädchen haben außerdem viele Selbstdarsteller und Farmville-Süchtige auf ihrer Freundesliste, laden schlechte Handyfotos von ihrer Katze oder der letzten Party hoch und werden früher oder später zur In-your-face-Mutter (Zwischenschritt sind die zehn Fotoalben von der schrecklich kitschigen Hochzeit mit ihrem "Schatzi, den sie ganz doll lieb hat" - Ehrensache, dass die Freundinnen das Kleid fleißig mit: "Mensch, Süße, du siehst ja aus wie eine Prinzessin!" kommentieren).
Richtige Wissenschaftler untersuchen in einer Studie Facebook-Nutzung. (Vorsicht: Genderaspekt.) Artikel aus der LA Times.