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"Ihr seid besser als die TSG": Freiburg gewinnt denkwürdig gegen Hoffenheim

Was für ein wahnsinniges Spiel! 3:2 schlug der SC Freiburg den TSG Hoffenheim am Samstag. "Hollywoodreif", schreibt unser Autor David - und fasst für uns das fast Unfassbare in Worte.



"Man muss einfach damit rechnen, dass wir in der Rückrunde nicht mehr ganz so viele Punkte machen wie in der Hinrunde, wir müssen jetzt so schnell wie möglich 40 Punkte zusammenkriegen und dann schauen wir weiter" – das sagte Oliver Barth am 19. Spieltag.

Nach dem 1:1 gegen Nürnberg hatte der SC Freiburg 30 Punkte auf dem Konto – da blickte man noch sehr optimistisch auf die Rückrunde. In den darauf folgenden neun Spielen gelang es dem Sportclub jedoch nicht, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Acht magere Punkte holten die SC-Kicker, die 40 Punkte Hürde wartete noch immer darauf übersprungen zu werden.

Um es kurz zu machen: Der SC musste gegen Hoffenheim gewinnen, um sich nicht am Ende der Saison doch noch in akute Abstiegsgefahr zu begeben. Die Bedingungen am Samstagnachmittag waren ideal, um die entscheidenden drei Punkte zu holen: Lauschige 20 Grad im Schatten, Freiburg-Wetter und annähernd ausverkauftes Haus, alles schien angerichtet – mit Frank Rischmüllers Ausraster vom Hinrundenspiel in Hoffenheim stimmte sich der Optimist auf die Wiederholung des Derbysiegs ein.

Was dann kam, hätte kein Werbefilm für den deutschen Fußball besser inszenieren können - ein Spiel, das dem Begriff Derbyfieber eine neue Dimension verleihen sollte. Eine Partie, die wohl jeden Sportschauredakteur vor eine Herausforderung stellte, gespickt mit dramatischen Szenen. Die Dramaturgie eines Traumspiels für den neutralen Fußball-Gourmet:

Statt mit taktischem Anfangsgeplänkel zu langweilen, spielen beide Teams von Beginn an mit offenem Visier. Das Spiel ist keine zwei Minuten alt, da hätte es schon 1:1 stehen können, Butscher und Babel scheitern an den gut reagierenden Torhütern. In der 15. Minute dann das erste Tor, nein doch nicht. Cissé stand, wenn überhaupt, minimalst im Abseits, die Fans sind sich natürlich sicher – das war ein reguläres Tor. Erste, laute Pfiffe gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark folgen.

Neun Minuten später fällt dann das erste reguläre Tor: Julian Schuster zirkelt vor 24.000 faszinierten Augenpaaren einen Eckball direkt ins Tor. Ob Absicht oder Zufall interessiert niemanden, die Fans sind sich bewusst, dass sie gerade Zeuge einer absoluten Fußball Rarität geworden sind, der Jubel ist ausgelassen – sowohl bei Schuster als auch bei den Zuschauern.

Dank Schusters Kunstschuss kocht die Stimmung langsam hoch, der SC ist leicht überlegen und hat kurze Zeit später durch Cissé die nächste Großchance. Es hätte ein ungefährdeter Start-Ziel-Sieg werden können, doch in der 33. Minute patzt Ömer Toprak - der Versuch von Pavel Krmas die Situation noch zu retten endet in einer roten Karte und einem Elfmeter für Hoffenheim.

Ibisevic verwandelt sicher, die Sommerparty im Badenovastadion ist plötzlich zu Ende, die Ausgangssituation deutlich schlechter. Als dann Ryan Babel keine zehn Minuten später das 2:1 für Hoffenheim schießt, ist man im Badenovastadion froh, dass zur Halbzeit abgepfiffen wird. Bier muss her, zur Beruhigung der Nerven, die in der zweiten Halbzeit dann den ultimativen Stresstest durchstehen müssen, denn Marvin Compper versetzt den Freiburgern in der 47. Minute den endgültigen Todesstoß.

Fast, denn Schiedsrichter Wolfgang Stark belebt den SC wieder und entscheidet auf Handspiel des Hoffenheimers, kollektives Durchatmen auf den Rängen. Drei Minuten später trifft Cissé zum Ausgleich – jetzt wird's nochmal spannend, denkt der Fan und macht sich schon auf den Weg um die Kehle für den Stimmungsendspurt zu ölen, doch zum dritten mal an diesem Tag wird ein Tor nicht gegeben.

Der Unmut über Rückstand, rote Karte und nicht gegebene Tore richtet sich nun frontal gegen Wolfgang Stark, Becher fliegen auf den Rasen und Stadionsprecher Claus Köhn droht den Fans mit Spielabbruch, die Spieler versuchen das aufgedrehte Publikum zu besänftigen.

Die kurzzeitig aggressive Stimmung wandelt sich daraufhin schnell in eine Welle der Unterstützung. Die Nordtribüne besinnt sich auf ihre Qualitäten, und der Lärmpegel im Badenovastadion erreicht seinen Saisonhöhepunkt. Auf der Gegengeraden stehen die Fans mittlerweile im Minutentakt auf, gefühlte 20 Trommler auf Nord treiben die SC Spieler an.

Als Edson Braafheid im Strafraum Daniel Caliguiri umholzt, bricht Extase aus, Cissé verwandelt den Elfmeter obwohl Robin Dutt wie ein Verrückter an der Seitenlinie tobt, weil Schuster als Schütze eingeplant war. Claus Höhn kann man durch die Massenverzückung hindurch nicht mehr hören.

Man kommt nicht umhin floskelig zu werden, um den Zustand in der 60. Minute adequat zu umschreiben: Das Stadion steht Kopf. Der SC Freiburg hat das Spiel in Unterzahl in den Griff bekommen und versucht nun auf Sieg zu spielen – im Rücken eine elektrisierte Nordtribüne und ein vergleichsweise ekstatischer Rest des Stadions.

Angeheizt von der unglaublichen Stimmung entwickelt sich nun ein offenes Spiel; kleine Ballzaubereien und zwei elfmeterwürdige Szenen halten den Lärmpegel weiter am Rande des Vorstellbaren. "Ihr seid besser als die TSG", schreit die Nordtribüne und hat Recht. Der SC zeigt plötzlich wieder Hinrundenqualitätsfußball, das Stadion feiert.

Was schließlich in der 78. Minute im Stadion passiert, kann man nur ansatzweise versuchen zu umschreiben. Heiko Butscher lenkt den Ball nach Schusters Freistoß mit der Schulter ins Tor. Der SC hat in Unterzahl mit zwei nicht gegebenen Toren das Spiel noch gedreht und führt 3:2.

Fans bilden Jubelknäuel, schreien die Freude dem Sitznachbarn ins Gesicht und können nicht glauben, was sie sehen. "Das Spiel der Saison, und wir sind live dabei, unglaublich", sagt der Sitznachbar und bringt es auf den Punkt. Ein Hauch Geschichte weht durch das Badenova Stadion.

Dass die Mannschaften auf dem Platz noch zehn Minuten weiterspielen, geht im Freudentaumel unter - gern hätte man ein Dezibelmessgerät dabei, um die Atmosphäre auch auf eine rationale Art umschreiben zu können. So bleibt bei den 24.000 anwesenden Fans der Eindruck, dass sie Teil eines großen Derbys mit hollywoodreifer Dramaturgie geworden sind. Der Vollständigkeit halber: Die 40-Punkte-Marke hat der SC nun geknackt; dass es bei diesem Spiel letzendlich "nur" um drei simple Tabellenpunkte ging, war während des Spiels aber zur Lappalie geworden.



[Foto: dpa]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Montag, 11.04.11 12:10
 

Bestes Spiel der ganze Saison. Hammer Stimmung! Spannung von der ersten bis zur letzten Minute! Ich war fix und fertig danach ;-)

Montag, 11.04.11 13:03
 

WOW, glückwunsch.
Ein richtig guter Artikel.
Genau so habe ich es auf Nord erlebt.
Das könnten meine Worte sein. Großartig !!!


+om
Montag, 11.04.11 13:21
 

sehr sehr gut geschrieben! voller Emotionen, die ich beim Lesen miterlebt habe. War nicht da, aber freu mich für Freiburg. Leider ist das Bananentor über den den Link nicht mehr aktiv! Die Banane würd ich mir schon gern reinziehn > hat jemand nen Alternativlink?

Montag, 11.04.11 13:23
 

War mit Abstand das geilste Spiel das ich je im Stadion gesehen hab.
Die Nummer 1, die Nummer 1, die Nummer 1 im Land sind WIR!

Montag, 11.04.11 13:31
 

Alternativlink

http://www.youtube.com/watch?v=cUt-EQFSO9g

oder wer das genze Spiel nochmal sehen will.

http://www.youtube.com/watch?v=jQy_M44bOdo

Montag, 11.04.11 13:32
 

Oh ja, das hat sich mal so richtig gelohnt. Großartiges Spiel der gesamten Mannschaft, dadurch tolle Stimmung erzeugt, in Unterzahl gespielt, als hätte man einen Mann mehr auf dem Platz - so soll es sein. Und mit Schuster kehrt Ordnung und Gefahr bei Standards wieder zurück - den Jungen kann man nicht genug loben.

Montag, 11.04.11 13:37
 

Cisse nach der Nummer mit dem Elfer direkt verkaufen !

Montag, 11.04.11 17:31
 

Haaaammerspiel, unglaublich, bin immer noch elektrisiert. Eine Stimmung - unbeschreiblich wenn man nicht dabei war, sowas hat das Dreisamstadion schon lange nicht mehr erlebt. Einfach ein grandioser Tag. Das sind Spiele für die man Fussball lieben muss. Und bei so einer Partie falle ich auch gerne in 30, 40 Jahren auf Nord um. Was wäre das für ein schöner Tod :-))
So gegen Dortmund am Sonntag und dann wackelt die Meisterschaft *g*

Dienstag, 12.04.11 10:05
 

Das Spiel war genial !!! Hatte mehrfach "Gänsehaut!" :-D :-D

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