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Warum Annie Sauerland für einen Dialog im Nahost-Konflikt kämpft

Annie Sauerland (27) hat dafür mitgesorgt, dass die Nakba-Ausstellung ("Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948") nach Freiburg kam und trotz erheblicher Widerstände gezeigt werden durfte. Wie hat sie das Gezerre um die Ausstellung erlebt? Und warum liegt ihr soviel daran, das Nahost-Problem in Freiburg zu thematisieren?

Annie Sauerland

Seit einer guten Woche wird in der Stadtbibliothek die Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ gezeigt. Die Stadtverwaltung wollte die Ausstellung ursprünglich verhindern, das Verwaltungsgericht gab den Veranstaltern dann aber doch grünes Licht, die Ausstellung in den städtischen Räumlichkeiten zeigen zu dürfen.

Die Wogen haben sich inzwischen etwas geglättet. Annie Sauerland vom Cafe Palestine hat die Ausstellung mitorganisiert. Wie hat sie die vergangenen Wochen erlebt?

Annie lebt in Freiburg und hat vor kurzem einen Masterstudiengang in Kulturmanagement in Basel begonnen. Als Notfallpädagogin begab sie sich in Krisen- und Kriegsgebiete, um traumatisierten Kindern zu helfen. Mit einem Team von Notfallpädagogen konnte sie Anfang 2009 nach der Bombadierung des Gazastreifens dort einreisen, was nur mit besonderer Einreiseerlaubnis möglich ist.

Annie Sauerland

Vor einem halben Jahr gründete sie zusammen mit Gabi Weber das Cafe Palestine. Regelmäßig findet diese Veranstaltung in unterschiedlichen Freiburger Cafés statt, zum Beispiel im Jos Fritz. Annie will den Menschen ein Forum bieten, sich mit der schwierigen Nahost-Problematik zu beschäftigen und über dieses komplexe Thema zu sprechen. Für die beiden Organisatorinnen sind vor allem der Austausch über kulturelle Aspekte wie Literatur und Musik wichtig. „Auch die politische Lösung des Konflikts ist Thema im Cafe Palestine. Die Grundlagen unserer Diskussionen sind die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, das Völkerrecht, die Genfer Konventionen sowie die Charta der Vereinten Nationen", betont Annie. Ohne diese rechtlichen Koordinaten sieht sie keine Chance für einen gerechten Frieden im Nahen Osten.

Ihre Motivation, sich mit dem Nahost-Konflikts zu beschäftigen, beruht auch auf persönlichen Erlebnissen, die Annie vor Ort hatte. Nach dem Angriff der Israelis im Libanon 2006 lebte sie in einem Flüchtlingscamp bei Beirut gemeinsam mit einer palästinensischen Familie. Danach zog sie weiter durch Palästina und ließ sich für ein Jahr in Ramallah nieder. Von ihrer ersten Zeit erzählt sie:

„Wenn man so zusammenlebt, bekommt man viel mit von den Ängsten und dem Schmerz, den die Menschen dort haben. All das habe ich natürlich auch unmittelbar in der Familie mitbekommen, in der ich gelebt habe. Das wird mich sicher mit ihnen verbinden.“

Annie Sauerland

Es gibt es ein bestimmtes Bild aus dieser Zeit, das sich in Annies Gedächtnis eingebrannt hat, eine Straße in Beirut: „Dort habe ich zum ersten Mal in meinen Leben Häuserzeilen gesehen, die von Bomben vollständig zerstört wurden. Das hat mich unglaublich getroffen. Ich habe gemerkt, wie weit ich als junge Europäerin, als Deutsche vom Krieg weg bin. Ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung, was Krieg bedeutet.“

Annie sprach viel mit jungen Palästinensern. Es interessierte sie, wie das Leben unter der  israelischen Besatzung ist, wie es sich anfühlt, in Flüchtlingscamps zu leben: „Je länger ich dort war, desto klarer wurde mir, wie unglaublich kompliziert und vielschichtig der Konflikt ist.“

Ihr ist bewusst, dass das Thema nicht jeden interessiert, aber sie möchte dennoch Möglichkeiten schaffen, Interessierte darüber zu informieren. Beide Seiten anzusprechen und in einen Dialog zu bringen, das sei ihr Ziel. "Der schwierigste Punkt dabei ist sicher, wie man respektvoll miteinander umgehen kann.“

Annie Sauerland und Gabi Weber ging es darum, mit der Nakba-Ausstellung einen wichtigen Teil der palästinensischen Geschichte ins Bewusstsein zu rufen. Obwohl das Ausstellungsmaterial schon seit Mitte September beim zuständigen Dezernat vorlag und die Dezernenten eine Genehmigung erteilt hatten, legte die Stadt zehn Tage vor der geplanten Eröffnung ihr Veto ein. Begründung: das Thema werde zu einseitig dargestellt. Die Wanderausstellung war bereits in über 60 deutschen Städten zu sehen. An keinem Ort stießen die Veranstalter auf solch eine ablehnende Haltung wie in Freiburg.

Annie fühlte sich hilflos, als sie von der Absage hörte. "lch wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Aber als der Schock vorüber war, regte sich unser Rechtsbewusstsein. Wir beantragten einstweiligen Rechtsschutz beim Freiburger Verwaltungsgericht. Und wir bekamen Recht. Natürlich waren wir nach diesem Beschluss sehr glücklich."

Das Gezerre um die Ausstellung hat Diskussionen und eine Aufmerksamkeit verursacht, die Annie Sauerland als positiv bewertet: „Zum einen hat die Ausstellung eine große Medienpräsenz bekommen, zum anderen haben viele Freiburger Bürger gemerkt, dass man unser Recht auf freie Meinungsäußerung einschränken wollte.“

Annie Sauerland

Die Mitarbeiter der Stadtbibliothek behaupten, dass es noch nie eine Ausstellung in ihren Räumlichkeiten gegeben habe, die so gut besucht war. Annie Sauerland hofft, mit ihrer Aktivität einen konstruktiven Beitrag zur Nahost-Debatte leisten zu können: „Um sich zu versöhnen, ist die Anerkennung des Leides durch den Anderen notwendig."

Die Debatte zu diesem Thema ist alles andere als einfach. Annie hat das in den vergangenen Wochen unmittelbar erlebt. Auch im Cafe Palestine tauchten Menschen mit radikaler Gesinnung auf, denen die Trennung zwischen Konfrontation und Konfiktbewältigung offenbar sehr schwer fällt. "Manchmal ist es wirklich ein Problem, die Emotionen außen vor zu lassen; manchmal scheint es fast unmöglich, sachlich und fair zu diskutieren. Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben."

Die Nakba-Ausstellung ist noch bis zum 27. November in der Freiburger Stadtbibliothek zu sehen. Die Vertreter der Stadt planen für Anfang Dezember einen Vortrag des Freiburger Historikers Heinrich Schwendemann zur Geschichte des Nahost-Konflikts.

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 4
Montag, 22.11.10 19:08
 

ahhhhhrrrggghhhhh ahhhh nichts.... nichts dazu schreiben... uhhh ahhh nein, nein.... ahrgh sinnlose diskussion....

Mittwoch, 24.11.10 10:13
 

Haben wir nicht unsere eigene Probleme ? Siehe doch mal in Afghanistan !

Mittwoch, 24.11.10 10:15
 

Irgendwie kann ichs nicht mehr hören. Die NPD steht übrigens auch voll hinter den netten Palästinensern - eventuell weil Rechtsradikale doch so etwas wie eine Internationale haben, die auch die palästinensischen Nationalisten und Rassisten ("Israelis ins Meer treiben") mit einschliesst? Warum sagt denn niemand mal was Sache ist - solange aus palästinensischen Gebieten Raketen auf israelische Zivilisten abgefeuert werden, schlägt Israel zurück. Punkt. Diese Ausstellung ist wohl die erste in Freiburg, die Rechts- und Linksextreme hinter sich vereint. BTW: Schiessen wir eigentlich auch andauernd Raketen auf Polen? Nein? Haben wir eventuell deshalb, weil wir es nicht tun Frieden? Achso...

Mittwoch, 24.11.10 10:30
 

@ Benny Skateboard, ich stimme dir eigentlich voll zu, aber du musst wissen das ein beträchtlicher teil der (extremen) Linken hierzulande nicht hinter den Palästinensern steht, sondern sich vielmehr für ein israelisches Recht auf Selbstverteidigung stark macht.

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