Anders Loves Maria, gezeichnet von der Schwedin Rene Engström, erzählt anrührend von der Liebesbeziehung zwischen Anders und Maria. Der Comic verfolgt die Probleme mit dem
Älterwerden ab 25, dem Schwangersein und Fremdgehen. Seine Helden sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Schwächen. Mal möchte man die beiden
knuddeln, um sie gleich darauf zu verprügeln. Die Art und Weise, mit der Engström ihre Figuren zum Leben erweckt und ihnen Tiefe verleiht, ist nicht nur für Comics beeindruckend.
Kukuburi
Ganz anders beeindruckt
Kukuburi von Ramòn Perèz. Die Comic-Kreuzung zwischen
Alice im Wunderland und
Das siebente Siegel erzählt von der Paketbotin Nadia, die beim Durchschreiten eines Gartentores eine fremdartige Welt betritt. Dort begegnet Nadia einem sprechenden Skelett, das sie zu einer Partie Schiffeversenken auffordert.
Nadia weiß nicht, um welchen Einsatz sie gerade spielt. Die schnelle Eingreiftruppe
La Brigade de Chapeau bricht zusammen mit Nadias
Chamäleon Mr. Bojangles zu ihrer Rettung auf. Aber wer rettet hier eigentlich wen? Perèz entwirft in riesigen, detailreichen Bildern eine atemberaubend schräge Welt.
Raumschlachten mit Supersoldaten
Action treibt auch
Schlock Mercenary von
Howard Tayler an. Der Comic begleitet eine Söldnertruppe im Jahr 3000, für die schon die Befolgung des simplen Grundsatzes „Erst plündern, dann brandschatzen“ einige Zurückhaltung erfordert. Von
Raumschlachten zwischen Schiffen von der Größe Long Islands bis hin zu Nahkämpfen zwischen nanotechnologischen
Supersoldaten spielt der Comic alle SciFi-Actionstandards durch.
Weder die Geschichte noch der theoretische Hintergrund kommen dabei zu kurz. Etwa als
Tayler erklärt, warum Raumschiffe mit den aus Star Trek bekannten Schutzschilden eigentlich unsichtbar sein müssten. Ein Comic für Science-Fiction-, Physik- und
Actionliebhaber.
American Elf
Dagegen ist
American Elf von James Kochalka sehr leise und ruhig.
Der amerikanische
Schriftsteller, Comiczeichner und Musiker stellt seit 2002 jeden Tag eine kleine, schnell gezeichnete autobiografische Skizze ins Internet. Das kann eine
Szene aus einer Lesung sein, in dem Kochalka mitgeteilt wird, dass auch das
Kaninchen eines Lesers sein Buch schätzt. Oder eine Darstellung der Probleme, die auftreten, wenn Kochalka
sein Kleinkind füttert. American Elf staunt auf entspannend unangestrengte Weise über den ganz normalen Alltag.
Erfworld
Parson Gotti ist ein Versager, dem nichts lieber wäre, als diesem Alltag zu entfliehen. Er flüchtet sich in die
Phantasiewelt seiner ausgeklügelten Strategiespiele. Eines Tages, als Parson gerade ein neues Spiel beginnen will, verschwindet er vor den Augen seiner Freunde und findet sich in
Erfworld (Autor: Rob Balder, Zeichner: Jamie Noguchi) wieder – einer Welt, die seinem Strategiespiel verdächtig ähnelt. Seine Aufgabe: er soll die Armeen von
Lord Stanley, der ihn herbeigerufen hat, zum Sieg führen.
Erfworld oszilliert auf surreale Weise zwischen der realen Welt und der fiktiven. Die verfeindeten Armeen bestehen aus niedlichen
Stofftieren und sprechen Internetslang. Flüche werden in Schriftsprache weggepiepst. Parson hat jetzt eine Menge neue Probleme. Die
feindlichen Armeen sind weit überlegen, er steht auf der Seite der Bösen und weiß nicht, ob er sich nur in einem
Komatraum befindet oder ob ihm sein Wunsch nach einem anderen Leben erfüllt wurde. Der Comic ist ein postmodernes Erzählexperiment, vielleicht auch eine schräge Satire. Unterhaltsam ist er auf jeden Fall.
Minus
Fiktion und Realität verschwimmen auch bei Ryan Armands
Minus. Die Titelheldin, ein kleines Mädchen, hat
gottgleiche Kräfte. Es gibt keinen Aspekt in ihrer Umwelt, inklusive der Zeit, den sie nicht beeinflussen kann. In einigen Comics stirbt sie sogar, ohne sich davon stören zu lassen. Diese Macht nutzt sie auf teils niedliche, teils erschreckende Weise und macht sich damit zur Außenseiterin. Allein die wunderschönen
Aquarellillustrationen des Comics sind einen Blick wert. Seine facettenreiche Darstellung von Minus' Welt macht ihn aber außergewöhnlich.
Perfider Kinderbuchstil
Ebenso außergewöhnlich sind die Comics von Nicholas Gurewich. Sein
Perry Bible Fellowship ist einer der bekanntesten Webcomics überhaupt und wird in über 30 Zeitungen abgedruckt. Die Strips verbindet keine durchgehende Handlung. Sie spielen aber eindeutig in derselben Welt. in der sich
hinter jeder harmlosen Szene Boshaftigkeit verbirgt, Liebe unweigerlich in der
Katastrophe endet und von Herzen kommende Kinderwünsche auf zuverlässig unerfreuliche Weise
in Erfüllung gehen.
Man erschrickt erstmal ein bisschen, lacht dann aber doch. Das verstärkt die erschreckende Wirkung des einfachen,
kinderbuchartigen Zeichenstils noch. Gurewich ist ein sehr vielseitiger Künstler, der seinen Stil mühelos an jeden Inhalt anpasst.
In einer ganz anderen Welt spielt Kazu Kibuishis
Copper. Der Comic, der auch als Buch erschienen ist, hat zwei feste Protagonisten: den Jungen Copper und dessen
sprechenden Hund Fred. Er besteht aus lose zusammenhängenden, eine Seite umfassenden Geschichten.
Meist reisen Copper und sein Begleiter durch wunderschön gezeichnete
Landschaften, ohne dass man genau sagen könnte, warum und wohin sie unterwegs sind. Auf jeder Etappe lernen die beiden etwas über sich und ihre Freundschaft. Die Vertrautheit und Sicherheit der beiden spiegeln sich in den Szenerien wieder, die eine idyllische Ruhe verströmen.
Monthy Python im Holzstich
Überhaupt nicht ruhig geht es in
David Malkis Wondermark zu. Der Comic besticht durch seinen
bizarren,
vulgären und völlig
albernen Humor – und durch Malkis ungewöhnliche Technik: Der Autor verwendet
Stiche und Illustrationen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die er neu zusammenstellt und dann mit Sprechblasen ergänzt.
Neurotische
Katzen, ängstliche Motorkutschen und tanzende Zwerge schreien sich gegenseitig an. Wer die Animationssequenzen bei
Monthy Python lustig fand, wird diesen Comic lieben.
Achewood - Meister der Webcomics
Der
ungekrönte König der Onlinecomics ist
Achewood von Chris Onstads. Die völlig bizarren Erlebnisse einer Clique von menschenförmigen
Tieren und Robotern in der fiktiven Stadt Achewater haben es bis ins Time Magazine geschafft. Weshalb, ist etwas schwerer zu verstehen. Die Strips haben keine Handlung, enden auch nicht mit einer Pointe.
Stattdessen stolpern die
skurrilen Charaktere in immer skurrilere Situationen: Ray entdeckt Spyware auf seinem Computer, während sein Freund Roast Beef seinen
Bauchnabel scannt. Dazu kommen nachdenkliche Momente: Ray und Roast Beef
sprechen im Auto über Sex, Theodore erinnert sich an seine Kindheit.
Seit ihrer Erstveröffentlichung im Jahr 2001 haben die Charaktere von
Achewood eine beachtliche Tiefe bekommen. Onstad hat eine genaue Vorstellung von den Eigenschaften seiner
Charaktere; er schreibt sogar Blogs für sie, in denen er ihre Persönlichkeiten weiter ausbaut.
Über den Autor und die Auswahlkriterien
Philip Hehn ist 27 und Student. Seine Liebe zu Trash, seine betrüblich kurze Aufmerksamkeitsspanne und der unwiderstehliche Reiz, den bunte Dinge auf ihn ausüben, haben ihn irgendwann auf Comics gebracht. Für fudder wühlte sich Philip tagelang durch Webcomic-Archive und hat dabei folgende
Auswahlkriterien berücksichtigt:
Gute Comiczeichner haben eine enorme Bandbreite an
Stilen und Inhalten. Das heißt im Idealfall: Jeder Leser findet sofort einen interessanten Einstiegs-Comic, den er versteht und
lustig findet. Comics mit zuviel Insiderwissen und Expertengeschwafel sind langweilig und selten witzig. Deshalb hat Philip bei der Zusammenstellung auf Webcomics verzichtet, die
einschlägiges Expertenwissen voraussetzen. Deshalb findet sich hier auch kein Comic aus der der Videospiel- und Pen-and-Paper-Rollenspiel-Szene.
