Archive im Jazzhaus: Mittel bis mäßig

Alexander Ochs

Die Vorzeichen standen gut für die vom Trip-Hop und Prog-Rock beeinflusste britische Combo Archive: Sie hat am Sonntagabend im Jazzhazs nach langer, langer Zeit ihren ersten Freiburg-Gig hingelegt. War’s eine denkwürdige Premiere oder ein Konzert zum Vergessen? Alex war für fudder da:

Neben mir sind scheinbar alle glücklich: Ganz vorne in der Mitte tummeln sich gestandene Archive-Fans, viele Franzosen, Hobbyfotografen mit Handy oder kleiner Knipse, ein eng umschlungenes Pärchen Ende 20 und sogar ein Paar um die 60 – in der ersten Reihe. Kein einziger Konzertbesucher weit und breit hat ein Bier oder sonstiges Getränk in der Hand, die Rauschwirkung erzeugt (wahrscheinlich) allein die Musik. Kein einziger Konzertbesucher hier verlässt im Laufe des Abends seinen Platz, alle scheinen glücklich mit der Situation, so wie sie ist.

Und doch... Wenn man genauer hinschaut, fällt einem auf: Das junge Paar redet den ganzen Abend kein Wort, manche schließen selbstvergessen die Augen, andere konzentrieren sich aufs Festhalten des Auftritts per Handy. Restlose Begeisterung sieht anders aus. Auch wenn häufig ordentlich Beifall gespendet wird. Aber was spendet man nicht so alles im Laufe eines Lebens?

Archive, das ist diese Band, die – das lehrt ein Blick ins Archiv – schon seit Ewigkeiten existiert, fast 20 Jahre, aber das Mainstream-Radar, zumindest in Deutschland, weitgehend unterlaufen hat. In Frankreich sieht das ganz anders aus, da füllt die Band, die in ihren besten Momenten gekonnt zwischen Massive Attack und Pink Floyd oszilliert, große Hallen und vertont ganze Kinofilme.

Doch was macht das derzeit neunköpfige Kollektiv im ausverkauften Jazzhaus? Es lässt seinen geilsten Song, das gut 15 Minuten lange Wahnsinns-Rockepos „Again“, einfach weg. Es versprüht wenig Spielfreude, kommuniziert karg und dreht stattdessen die Regler auf. Dabei hatte alles so gut angefangen: Nachdem Robin Foster eine halbe Stunde lang die Meute mit melodisch bis sphärisch aufgeladenem Instrumentalrock aufs Feinste temperiert hat, läuten Archive ihr Set mit dem fulminanten Instrumental-Intro „Wiped Out“ ein. Perkussiv, hypnotisch und kraftvoll. Insbesondere die Drummer – Smiley am Sitzschlagzeug, Dave Penny am Stehschlagzeug ohne Bassdrum – peitschen mit ihren tribalartigen Trommelschlägen das Ganze rhythmisch voran.

Links und rechts am Bühnenrand rahmen die Keyboards der Masterminds Danny Griffiths und Darius Keeler die Szenerie ein. In der Mitte wechseln sich Bass, diverse Gitarren und vielfacher Gesang ab. Den ruhigeren, eher introvertierten Part übernimmt Gitarrist und Sänger Pollard Berrier, der gegen Ende des Gigs an Lockerheit gewinnt und für den besten Satz des Abends verantwortlich zeichnet: „Wir sind zum ersten Mal hier in this ausverkauft place.“ Sein Counterpart ist Stehdrummer, Gitarrist und Sänger Penny, mit exaltierten Zuckungen und inbrünstigen Verbiegungen eine wahre Augenweide.

Glatte Synthieflächen prallen gekonnt auf mal dräuende, mal monoton repetierte Riffs, irgendwo lugen temporär errichtete Gitarrenwände hervor, Noise-Fetzen wabern vereinzelt durchs Gemäuer. Eine düstere Soundkulisse entfaltet – einem gigantischen Mittelfinger gleich – ihre ganze Drohgebärde. „Fuck U“. Ein Hit.

Doch immer dann, wenn das Progrock-Feuerwerk zu zünden, wenn der Spannungsbogen so schön aufgebaut und aufgebauscht scheint, pffft!, verliert sich die Prog-Indie-Post-Elektro-Rock-Melange in für meinen Geschmack irgendwie breiig hin- und herwandernden Soundscapes, in immer wieder etwas zu eingängigen Passagen und dem bemerkenswert untergehenden Gesang der neuen Vokalistin Holly Martin. In der ersten Zugabe „You Make Me Feel“ passt dann alles: Die von ihr zusammen mit Berrier vorgetragenen Mini-Schmuse-Passagen mit ihren Allerwelts-Textzeilen werden konterkariert durch brachialen Rock. Überzeugend gerät auch „Bullets“. Nach drei Zugaben und 90 Minuten ist Schluss.

Doch insgesamt fand ich die Vorstellung seltsam blutleer. Diese Band, die mich mit einigen ihrer Songs restlos ins Nirwana beamen kann und so fantastische Live-Kritiken bekommt, sie verbringt diesen Abend ausnahmsweise mal bodenständig im Erdgeschoss. Der Gang in die Archive führt ja bekanntlich die Treppe hinab.

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