Anoymous: Internet-Feldzug gegen Scientology

Christoph Müller-Stoffels

Seit Mitte Januar hat es Anonymous, eine lose Verbindung zahlreicher Internetnutzer, auf die Organisation abgesehen. Das Ziel: Scientology aus dem Internet zu drängen. Der Krieg wurde per YouTube-Botschaft erklärt.



"Eure Organisation soll zerstört werden", heißt es in einem Video, dass mit dem Titel "Message to Scientology" seit Mitte Januar bei YouTube zu sehen ist. "Wir werden Euch aus dem Internet vertreiben und die Church of Scientology, wie sie heute besteht, systematisch auseinander nehmen." Dabei sieht man schnell abgespielte Bilder von ziehenden Wolken. Eine Stimme aus dem Off fährt fort: "Ihr könnt Euch nicht verstecken. Wir sind überall. Wir können nicht sterben. Es gibt uns für immer."


Vorgeworfen werden der Organisation, von Anonymous als Kult bezeichnet, in erster Linie ihre "Kampagnen der Fehlinformation", die "Unterdrückung abweichender Meinungen" und ihre "prozesssüchtige Natur". Ihr letztes Propaganda-Video (womit wahrscheinlich das von und mit Tom Cruise gemeint ist) und das Ausmaß des bösartigen Einflusses auf die, die der Organisation vertrauen würden, hätten das Fass zum Überlaufen gebracht. Und so schließt die erste Botschaft mit "Wissen ist frei" und "Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns." Scientology hatte vorher von Gawker verlangt, ein Video einer nicht-öffentlichen Feier aus dem Netz zu nehmen, was das Magazin ablehnte.

Wie der erklärte Krieg aussieht, musste Scientology in den vergangenen Wochen schmerzhaft erfahren. Scherzanrufe, Fax-Sendungen von schwarzen Seiten und so genannte Denial-of-Service-Attacken, bei denen die Internetsite so lange mit Anfragen bombardiert wird, bis die Server zusammenbrechen. Die Sprecherin der deutschen Scientology-Abteilung, Sabine Weber, sagte gegenüber WELT ONLINE, die Aktionen hätten "eine Dimension, wie es sie vorher nie gegeben hat."



In weiteren Videobotschaften macht Anonymous, die sich auch als Legion gezeichnen, deutlich, dass physische Gewalt gegen Scientologen zu keinem Zeitpunkt zu ihren Zielen gehöre. Vielmehr wolle man die Öffentlichkeit auf die fragwürdigen Methoden der Organisation aufmerksam machen und zeigen, dass es sich um ein totalitäres Unternehmen handele, das verfassungsfeindlich sei. Die Glaubensfreiheit solle nicht angetastet werden. Derzeit wird Scientology vom Verfassungsschutz überwacht, wogegen unlängst Klage erhoben wurde.

Über die Identität der Angreifer herrscht weitgehend Rätselraten. Der Name, so viel ist sicher, leitet sich von den anonym (engl. anonymous) abgegeben Beiträgen und Kommentaren in Foren und Diskussionsrunden ab. Während Wired sie als "loses Bündnis von online troublemakers" bezeichnet, geht Fox Newsin einem Beitrag so weit, sie als hackers on steroids zu bezeichnen, die das Web wie ein Real Life Videospiel benutzen würden.



Die Selbstdarstellung von Anonymous weist das zurück. Es handele sich nicht um eine kleine Gruppe von Super-Hackern, sondern um Menschen aus allen Lebensbereichen. "Menschen fast jeden Alters, Glaubens und Berufs, sind in unseren Reihen vertreten." Es sind in jedem Fall nicht nur um "dumme Jungs", denen langweilig ist. Das zeigen auch die verschiedenen Real Life-Proteste gegen Scientology, an denen sich am vergangenen Sonntag rund 7000 Menschen in 93 Städten rund um den Globus beteiligt haben sollen, etwa in Hollywood.

Wie geht Scientology damit um? Bei Drohanrufen werde Anzeige erstattet, so Sabine Weber. Außerdem scheint es, als versuche man, Anonymous mit den eigenen Waffen zu schlagen. So berichtet ein Blog, der IRC-Chat von 711chan.org, einer Webpräsenz von Anonymous, werde "permanent von Scientology Bots geflutet und im Forum gibt es eine Menge Ärger mit Fakes".

Derweil wurde am Dienstag vor einem Gericht in Münster entschieden, dass Scientology auch weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet werden darf. Die Richter sahen "tatsächliche Anhaltspunkte" dafür, dass die Organisation eine Gesellschaftsordnung anstrebe, die der bundesdeutschen Verfassung entgegenstehe. Anonymous sind sich über ihre eigene Strategie im Unklaren. Ein Berliner Blog berichtet von Auseinandersetzungen über das weitere Vorgehen. Auch seien nicht alle, die sich Anonymous zurechnen, mit den bisherigen Aktionen einverstanden, da auch unschuldige Dritte in Mitleidenschaft gezogen worden seien, so ein "Mitglied" im Interview.



Auf YouTube wird die ganze Geschichte zum Anlass genommen, immer wieder neue vermeintliche Botschaften und Antworten zu veröffentlichen, begleitet von Parodien zu Tom Cruises Propagandavideo und den Botschaften von Anonymous. Für den stillen Beobachter jedenfalls bleibt es spannend, denn würde Anonymous es tatsächlich schaffen, Scientology derart zu treffen, dass sie sich aus dem Internet zurückziehen, würde das einen Meilenstein darstellen, ganz egal, wie man das bewerten will. YouTube hat inzwischen die erste Videobotschaft "due to terms of use violations" von der Seite genommen. Natürlich ist sie wieder aufgetaucht.

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