Annette Pehnt: Wie schreibe ich einen Roman?

Dominik Schmidt

Hunderte Seiten Text. Eine abgestimmte Geschichte, ausgefeilte Charaktere. Wie schwer ist es, einen Roman zu schreiben und wie geht man dabei vor? Die Freiburger Autorin Annette Pehnt berichtet von ihrem ganz persönlichen Arbeitsprozess und spricht über die Mythen des Romanschreibens.



Fertig. Die letzte Seite gelesen, es war ein fesselndes Buch. Man klappt es zu, lehnt sich zurück und wundert sich über den Kopf, der solch ein Werk zustande bringt. Jeder von uns hat in der Schule Aufsätze geschrieben, vielleicht auch ein Tagebuch oder längere Briefe. Wir fangen in der Regel mit dem ersten Satz an und hangeln uns durch die Geschichte. Spontaner Output, eine Vorgehensweise die bei kleineren Texten gut funktionieren kann. Wie verhält sich das aber bei einem Roman? Wie strukturiert und plant man eine komplexe Geschichte, stimmt hunderte Seiten Text aufeinander ab?


Die Freiburger Autorin Annette Pehnt schmunzelt, als sie in ihrem Lieblingscafé sitzt, dem Jos Fritz,  und das Thema des Interviews erfährt. „Da gibt es nicht viel zu erzählen, alles ganz unspektakulär.“ Ach, wirklich? Ist Schreiben als Gabe in die Wiege gelegt worden? Kann jeder einen Roman schreiben? „Gute Schriftsteller sind gute Leser. Man muss eine Affinität zur Sprache haben. Das ist etwas, das sich nicht erzwingen lässt und in das man hineinwachsen muss.“

Annette Pehnt lebt in Freiburg mit ihrem Mann und drei Kindern. Geschrieben hat sie schon immer. Journalistische Texte während ihres Studiums in Irland, kleinere Erzählungen. „Meine Texte wurden immer länger, ich las bei Lesungen vor und irgendwann kam der Punkt, da war ein Text reif genug und ich schickte ihn an einen Verlag.“ Mittlerweile hat sie vier Romane veröffentlicht, außerdem Kinderbücher, Fachartikel und Essays. Sie ist eine Schriftstellerin, über deren Bücher die großen Feuilletons der Süddeutschen und der FAZ urteilen. Ihr Stil wird gelobt, ihre Fähigkeit zu Beschreiben bemerkt.



Ihr Hund liegt neben ihr, er ist aus dem Tierheim und muss immer dabei sein. Annette Pehnt trinkt Cappuccino und denkt über Harry Potter nach. „Nie gelesen. Das ist Spannungsliteratur, die interessiert mich nicht.“ Spannungsliteratur mit einem vorgeplanten Handlungsbogen, Pehnt benutzt den Begriff schon fast negativ. Für sie ist das Schreiben ein kreativer Prozess, ein entdeckerischer Vorgang. „Ich schreibe nicht mit dem fertigen Produkt bereits im Kopf. Was am Ende herauskommt, muss nicht zwingend verkäuflich sein.“ Geld verdienen muss und möchte sie trotzdem mit ihren Büchern, aber beim Schreiben an den Leser zu denken, das verbietet sie sich.

Die Vorstellung scheint naiv zu sein, dass ein Autor keine finanziellen Probleme mehr habe, sobald er in den großen Medien Beachtung findet. Annette Pehnt lehrt parallel zum Schreiben an der PH Freiburg. Auch ihr Tagesablauf ist streng geplant, kein künstlerisches Laissez-faire. „Es ist eine der großen Mythen, dass Schriftsteller sich hinsetzten und warten bis es sie überkommt. Das Schreiben ist bei mir ein geplanter und disziplinierter Arbeitsvorgang.“ Jeden Tag um 9 Uhr klappt sie ihren Laptop auf, stellt sich eine Tasse Kaffee daneben und schreibt für ein paar Stunden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gerade Lust hat oder eine besondere Idee. Dieser Arbeitsprozess erstreckt sich über ein bis zwei Jahre, bis der Roman fertig ist.

„Das befriedigt mich, wie nichts anderes“, beschreibt Pehnt den Moment der Fertigstellung eines Buches. Hat man das letzte Wort geschrieben und blickt zurück auf den langen Prozess, ist man stolz, etwas Komplexes geschaffen zu haben. Ob das Schreiben ein mühsamer Vorgang ist? Pehnt überlegt, sie sucht nach den richtigen Worten. Vielleicht etwas diplomatisch gibt sie zu: „Es ist kein beschwingender Prozess, ich rausche nicht durch die Texte durch.“ Wenig schreiben, aber dafür konstant. Jedes einzelne Wort kann wichtig sein, „manchmal hänge ich auch wirklich, das kann Stunden dauern und sehr zäh sein“.



Nach dem Buch ist vor dem Buch. Meist mehrere Projekte laufen parallel. Ein Kinderbuch, ein Roman. Ist das eine fertig gestellt, wartet bereits die nächste Arbeit. Auch Lesereisen und die Zusammenarbeit mit dem Lektor gehören zum Schriftstellerleben. „Die Arbeit mit dem Lektor ist entscheidend. Funktioniert das nicht, kann man es eigentlich vergessen.“

Man muss sich auch auf Lektor und Verlag verlassen können. Der Einfluss des Autors auf Klappentext und Umschlag ist eher gering. „Man nickt die Sachen ab, kann ein bisschen mitreden. Aber das ist Lektoratsaufgabe und die lassen sich da nicht so gerne reinreden“. Fehler im Buch entdeckt man dennoch immer. Allzu oft kommt das Buch gerade aus dem Druck, man schlägt es auf und findet einen Rechtschreibfehler auf Seite Eins. Bei Pehnts neuster Veröffentlichung hat sie einen Fehler im Klappentext entdeckt. „Da kann man dann nichts mehr machen. Aber ist ja auch nicht mein Fehler. Schlimmer sind sprachliche Schiefheiten. Das sind oft Sachen, die ich damals bewusst gewählt habe und mittlerweile aber schlecht finde.“

Wenn die Süddeutsche den „poetischen Mehrwert“ in ihrem Roman „Mobbing“ sucht, geht das nicht einfach an einem vorbei, gesteht Pehnt. „Ich nehme Kritik unglaublich persönlich, lese es zwanzig Mal und fühle mich auch persönlich gekränkt“, sagt sie lächelnd. Sie scheint dabei über sich selbst zu lachen und sich mehr Lässigkeit zu wünschen. „Die Kritiken liegen auf einem Stapel in meinem Büro, fast zwanghaft muss ich sie immer lesen.“ Der Durst nach Kritik kommt nicht von ungefähr. „Als Autor hat man nur zwei Möglichkeiten Feedback zu bekommen: Lesungen und die Feuilletons. Das ist dann ein Urteil über zwei Jahre Arbeit. Natürlich bin ich da todernst.“

„Es ist gibt eigentlich keinen Grund, warum man das nicht tun sollte“, stellt Pehnt beim Thema elektronische Bücher fest. Entschlossen fügt sie aber hinzu, dass sie es persönlich nicht nutzen würde. Das Haptische fehlt, etwas in der Tasche zu haben und in einem Café aufschlagen zu können. Ebenso die Bloggerei. „Viele haben darin ihre Form des Schreibens gefunden. Meine ist es nicht. Über mich zu schreiben ist doch uninteressant. Meine Texte sind viel interessanter als mein eigenes Leben.“ Der Sog des Authentischen, Biografischen wird immer größer. Die Leute wollen immer mehr davon. Dabei möchte Pehnt eher trennen. Auch räumlich. „Ein eigenes Arbeitszimmer außerhalb des Hauses. Morgens das Haus verlassen, noch einen Kaffee trinken gehen und dann vier Stunden nur mein Text und ich. Ganz simpel eingerichtet: Ein Apple, ich und mein Text.“ Das wäre schön.

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Zur Person: Annette Pehnt wurde 1967 in Köln geboren und wohnt mittlerweile als Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin in Freiburg. Sie studierte Anglistik, Keltologie und Germanistik unter anderem in Irland. Ihr neuster Roman "Mobbing" erschien 2007 im Piper Verlag (ISBN 3492049389, Gebunden, 192 Seiten, 16,90 EUR).