An Feiertagen herrscht Krieg: Plädoyer für sinnvolles Feiern

Nightlife-Guru

Unser Nightlife-Guru hat es satt: An Feiertagen muss mittlerweile zwanghaft gefeiert werden, als ob es kein Morgen gäbe. Die Clubs überbieten sich mit ihren Headlinern, Feierhorden aus dem Umland reichern die Stadtluft mit stressigem Adrenalin an. Unser Party-Connaisseur fordert: Kommt mal klar! Und fangt endlich an, sinnvoll zu feiern.



Heute Abend tanzt Freiburg im Kollektiv in den Mai: in alkoholischen Abfüllstationen mit meist unqualifiziertem, studentischem Personal; in Großraumdiskos mit kurz angelernten, bei drei und mehr Gästen überfordertem Personal; in dunklen Kellern und Clubs, wo bereits wenige Minuten nach Türöffnung gerade mal volljährig gewordene Jungs und Mädels in den Gängen liegen - wächsern der Teint, schweißnass die Stirn, Keta-Leichen ohne Tripsitter.


Alles schön und gut, jeder wie er will. Was ich aber hasse, ist dieses gezwungene Feiern an einem ganz bestimmten Tag. Seit Wochen quellen Facebook-Timeline und E-Mail-Postfach über mit Anfragen, Einladungen und Aufforderungen, die Events zu teilen und sich damit eine Möglichkeit offen zu halten, vielleicht auf irgendeine Gästeliste zu rutschen.

Die Freiburger Veranstalter erzeugen auch sonst einen stets übertriebenen Buzz rund um das Event, um viele Fans und virtuelle Teilnehmer abzugreifen. Aber vor Fasnet, Ostern, dem Ersten Mai und was da sonst noch so an Feiertagen ansteht, drehen sie durch. "Ich verlose einen Platz auf der Gästeliste unter allen, die dieses Bild teilen und den Beitrag liken. Viel Glück!", schreiben sie.

Die vielen, mit ihrer Seite interagierenden Nutzer belegen, was ein Forscherteam der ETH Zürich bereits 2011 in einem Experiment gezeigt hat: Im Netz, besonders in sozialen Netzwerken, schlägt Schwarmintelligenz schnell in Schwarmdummheit um. Dazu muss man nur einmal die Kommentare unter solchen Verlosungsaktionen lesen.

Lärm und Ärger

Veranstalter überbieten sich an solchen Tagen auch mit Programmhöhepunkten. Unter dem Jahr lesen sich die Line-ups oft dermaßen öde, dass man schon beim Lesen einschläft. Dann aber, kaum dass der Kalender einen Feiertag ausweist, holen sie nicht einen oder zwei Headliner, sondern mindestens fünf, lassen nicht einen oder zwei Locals, sondern mindestens deren zehn auflegen. Jeder 'ne Dreiviertelstunde. Wer in der Zeit eine ruhige Platte schieben will, spielt zwei Stücke von Ricardo Villalobos. Kapiert auf der Tanzfläche sowieso kein Mensch.

Das hat natürlich alles einen Sinn: Ganz, ganz, ganz viele Menschen sollen den Weg in die Clubs finden, am besten auch noch alle aus dem Umland. Das bringt viel Lärm und Ärger mit sich. Erfahrungsgemäß versprechen sich Nachtausflügler aus dem Umland immer irgendetwas Besonderes von Clubbesuchen in der Stadt: den krassesten Absturz seit Monaten, den schnellsten Abschlepp-Erfolg seit Sabine, den härtesten Sex seit Tobi.

Im Club, an der Bar, aber auch auf dem Weg in die Stadt und auf dem Nachhauseweg herrscht Krieg. Es ist ein Krieg der Hormone. Das Gehirn produziert aber kein beglückendes Serotonin. Das Freudenejakulat bleibt aus, der Gesichtsausdruck leer und verloren. Das Gehirn produziert vielmehr stressiges Adrenalin, das manche irgendwo zwischen Bertoldsbrunnen und Bahnhof, zwischen Straßenbahnhaltestelle und Vorortszug abbauen müssen. Nervt! Wenn ich vom Hochgefühl einer guten Party oder vom MDMA auf dem Nachhauseweg sanft landen möchte, will ich alles, nur nicht solchen Leuten begegnen.

Ebbe im Geldbeutel

Dieser Feiertags-Ausgehwahnsinn lässt auch viele jammern, dass Ebbe im Geldbeutel herrsche. Über Mittag oder nach der Arbeit mal was Kleines essen gehen? Ein spontaner Tages- oder Wochenend-Trip in die Alpen zum Skifahren oder in die Vogesen zum Wandern? In Basel die Fondation Beyeler, in Riegel die Kunsthalle Messmer besuchen? Das brauche ich gar nicht erst vorschlagen. Kein Geld, kein Geld, kein Geld, heißt es dann. Zuammen kochen, sehr gerne, aber auch nur irgendetwas mit Analogkäse vom Discounter und Pilzen aus der Dose.

Aber kaum steht ein Termin wie "Tanz in den Mai" fest, hat selbst der prekäre Philosophie-Student Geld. Clubeintritt, drei, vier Bier, ebenso viele Kurze, dann noch 'ne Schachtel Kippen ziehen, wieder ein Bier, vielleicht zwei Rum-Cola, und anschließend noch Mäckes oder Bäcker - da sind schnell mal 50 Euro durchgezogen. Tags darauf wird ausgenüchtert, mit Instant-Kaffee und Kaffeeweißer, ausgeliehen von der 78-jährigen Nachbarin.'

Wer da nicht mitmacht, wird schnell zum Außenseiter. Auf dem Dorf, in einer Umlandgemeinde, der übercoolen Studi-WG, stelle ich mir das ganz furchtbar vor. Was bist du denn für ein Vogel?, Wie spießig bist du denn?, sagen die Blicke der Mitschüler, Kommilitonen, Mitbewohner. Wie armselig!

Feiern ist großartig. Der Rausch und manchmal auch das Wunden lecken am Morgen danach sind es auch. Ich verstehe nur nicht, warum das Feiertags-Freizeitleben ausschließlich auf Party ausgerichtet sein muss. Kommt mal klar!

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