An der Tankstelle nachts um halb vier, da krieg ich nicht mal mehr ein kleines Bier

David Weigend

Ab nächstem Montag, 1. März, 22 Uhr, dürfen Tankstellenbetreiber in Baden-Württemberg nachts keinen Alkohol mehr verkaufen. Freiburger Tankstellenbetreiber rechnen mit Umsatzverlusten von bis zu 75 Prozent. Auch der REWE-Markt an der Talstraße, der bis Mitternacht aufhat, ist vom Verbot betroffen.



Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech hat durchgesetzt, dass ab dem 1. März 2010 in der Zeit von 22 Uhr bis 5 Uhr keine alkoholischen Getränke mehr verkauft werden dürfen. Das Verbot betrifft Ladengeschäfte aller Art, Tankstellen, aber auch sonstige Verkaufsstände und Kioske.


Es richtet sich vor allem an junge Leute. Diese will Rech "vor alkoholbedingten Gesundheitsgefahren schützen, die gerade auch vom in den Nachtstunden jederzeit möglichen Erwerb von Alkohol ausgehen.“ Die Gewalt, die aus "nächtlichen Alkoholgelagen" resultieren würden, müsse bekämpft werden (Hier die offizielle Begründung des Verbots). Wir haben Freiburger Tankstellenbetreiber gefragt, was das Verbot für ihr Geschäft bedeutet.

Mohammad Latif, Betreiber der Jet-Tankstelle am Güterbahnhof

„Ich rechne mit mindestens 20 Prozent Umsatzverlust. Ich finde, das Verbot ist eine Sauerei. Die, die saufen wollen, können sich ja auch schon vor 22 Uhr mit Alkohol eindecken. Das bringt doch nichts. Wenn man sich Alkohol besorgen will, findet man einen Weg. Das merken wir jetzt schon bei den Jüngeren, die einen älteren Kumpel vorschicken, dass er für sie den Alkohol kauft.“

Werner Metzler, Betreiber der Total-Tankstelle an der Basler Straße

„Ich glaube, dass unser Umsatz wegen des Verbots um zwei Drittel zurückgehen wird. Denn derjenige, der sich hier nachts noch ein Bier holt, kauft in der Regel auch Pizza, Zigaretten und ähnliches. Wir werden nun am Nachtschalter verkaufen und nachts den Laden schließen müssen. Denn wenn jemand in den Laden kommt und das Bier sieht, dann werden wir ihn schwer davon überzeugen können, dass er es nicht kaufen darf. Allein der Nachtschalterverkauf führt dazu, dass wir weniger verkaufen. Es sind übrigens eher ältere Kunden und keine Jugendlichen, die nachts bei uns einkaufen. Der Großteil der Jugendlichen deckt sich in den Supermärkten mit Alkohol ein, auch, weil er dort billiger ist.



Meiner Meinung nach wollen die Politiker den Bürgern suggerieren, dass sie beim Problem „Alkohol bei Jugendlichen“ durchgreift, aber im Grunde müssen die doch wissen, dass diese Maßnahme nichts bringt. Vermutlich werden wir in den nächsten Monaten nachts schließen müssen, da sich das Geschäft nicht mehr rentieren wird. Von den paar Litern Sprit, die wir nachts verkaufen, könnte ich nicht mal nen Ein-Euro-Jobber bezahlen.“



Mirad Sadikovic, Freie Tankstelle, Eschholzstraße

„Auch, wenn wir nicht die ganze Nacht aufhaben - das Verbot wird uns hart treffen, denn wir machen den größten Umsatz zwischen 22 Uhr und 23 Uhr. Diese Stunde ist für uns sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass das Verbot viel bringt. Die Jugendlichen kaufen den Alkohol dann eben vor 22 Uhr.“



Gabriele Radke, Pressesprecherin von ESSO

„Es ist ja nicht nur der Alkoholverkauf betroffen, sondern auch die ganzen Kopplungsgeschäfte. Wer eine Flasche Bier kauft, kauft auch eine Tüte Chips. Betroffen sind auch die Spontankäufer: Sie haben Besuch bekommen, also holen Sie noch schnell an der Tankstelle eine Flasche Wein. Das könnte sich für unseren Umsatz als problematisch erweisen.

Davon abgesehen: Natürlich ist Alkoholismus ein großes, gesellschaftliches Problem, das man ernstnehmen muss. Aber ob sich jetzt der betroffene Abhängige wirklich an der Tankstelle den Alkohol besorgt, wage ich zu bezweifeln. Alkohol kann man sich auch nach 22 Uhr weiterhin in Gaststätten besorgen, insofern ist das Verbotskonzept nicht durchgängig.“



Der REWE-Einkaufsmarkt an der Talstraße (Johanneskirche) ist bis Mitternacht geöffnet. Wie handhabt man dort nach 22 Uhr das Verkaufsverbot von Alkohol?

Sabine Stachorski, Pressesprecherin von REWE

"Wir werden unsere Kunden durch Deckenhänger und Plakate am Eingang auf dieses Verbot hinweisen. An unseren Kassen haben wir schon länger ein Warnsystem, das darauf hinweist, welches Geburtsdatum ein Käufer von Bier, Wein oder Spirituosen haben muss. Die Kassiererin muss die Kasse manuell entsperren, sobald sie den Käufer geprüft hat. Sie haftet persönlich dafür, wenn ihr nachgewiesen wird, dass ein Verstoß gegen den Jugendschutz vorliegt.

Dies ist auch ein Grund, warum wir dieses Gesetz kritisieren: Der Jugendschutz besteht ja bereits, er wird auch von uns eingehalten. Wir machen uns schon ein wenig Sorgen, denn wir rechnen damit, dass unsere Kunden gelinde gesagt verständnislos auf das Verbot reagieren werden und unsere Mitarbeiter die Leidtragenden sind. Ich denke, viele Kunden werden das ganz persönlich nehmen und das Verbot erstmal als Schikane werten. Bis sich das Verbot herumgesprochen hat, wird es sicherlich nicht einfach werden. Wir rechnen damit, dass es Diskussionen an der Kasse geben wird, vielleicht auch Proteste, etwa: "Nö, dann nehme ich eben gar nichts mit."

[Fotos: Ruben Sakowsky, Geir Ebeltoft, Ingo Schneider]

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