American Football: Selbstversuch bei den Sacristans Freiburg

Lea Schnetzler, Julian Stengelin & Gideon Goerdt

Am 5. Februar 2012 findet der 46. Super Bowl, das Finale der National Football League (NFL), in Indianapolis, Indiana statt. Wie anstrengend ist American Football eigentlich? Gideon hat sich beim Training der Sacristans Freiburg aufs Spielfeld gewagt: Statt Super Bowl auf dem Sofa - Sprints, Squats und der Kampf mit Big Mama.



Freitagabend, 19.50 Uhr. Leichter Nieselregen setzt ein. „Nicht auch das noch!“, denke ich mir.  Ich hätte den Abend ganz entspannt auf der Couch verbringen können, stattdessen gehe ich zum ersten Mal zum American Football - und zwar nicht zum Zugucken, sondern zum Trainieren.

Leicht fröstelnd mache ich mich vom dunklen Parkplatz des FT Sportparks in Littenweiler auf den Weg zum flutlichtbeleuchteten Kunstrasenplatz.  Jedes Jahr stehe ich nachts auf, um mir den Super Bowl im Fernsehen anzusehen, und damit bin ich nicht alleine: mit 150 Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt ist das Finale der National Football League (NFL) eines der größten globalen Einzelsportereignisse. Taktik, Intelligenz und Härte dieses Sports haben mich in den Bann dieses Spiels gezogen. Heute Abend zum ersten Mal selbst mit den Sacristans Freiburg zu trainieren, das ist aber eine völlig neue Herausforderung für mich.

25 Spieler nehmen heute Abend am Training teil. Ich finde, das sind viele, tatsächlich sind es weniger als sonst. Sie sehen anders aus, als  ich nach meinen bisherigen Super Bowl-Eindrücken erwartet hätte: Manche Spieler sind klein und drahtig, andere muskulös und offensichtlich gut im Training, aber ein paar richtig schwere Jungs sind auch dabei. Alle bereiten sich - trotz der miesen äußeren Umstände- feixend und gut gelaunt auf das Training  vor.  Nur auf den klischeemäßigen Starquarterback und die Cheerleader warte ich vergeblich.

Eine laute Stimme beendet meine Träume von mich anfeuernden Cheerleadern schlagartig, und bringt mich zurück in die nasse, kalte Realität des Freiburger Sportplatzes. Sie gehört Jochen Kern, dem Headcoach, der mit seinem ganz in schwarz gehaltenen Trainingsoutfit einen autoritären und konzentrierten Eindruck vermittelt. Er trainiert die Freiburg Sacristans seit 2007, seit sie  in der Regionalliga Mitte, der dritthöchsten Spielklasse in Deutschland spielen.

Das Team versammelt sich zu Trainingsbeginn im Kreis um ihren Chef. Kern begrüßt die Jungs zur ersten Einheit: „ Irgendwas passiert im neuen Jahr was ich wissen müsste?“, kurzes Luftholen, keine Antwort wird registriert. „Gut dann habt ihr jetzt die ersten 50 Minuten Spaß mit Peter!“

Das Training beginnt. Spaß mit Peter, das sind 50 Minuten Athletiktraining  in bester amerikanischer Drill-Manier.  Liegestützen, Sprints, Skippings, verschiedenste Sorten von Sprüngen, Ausfallschritte und Stretching – und alles verdammt anstrengend. Irgendwann müssen wir uns in Zweiergruppen vor dem  angrenzenden Maschendrahtzaun des Geländes aufstellen. Ich stehe vor dem Zaun und muss tief in die Hocke gehen – dann setzt  sich mein Trainingspartner auf meine Schultern. Coach Peter ordnet an, mit dem Partner auf den Schultern aus der Hocke aufzustehen. Es sind die anstrengendsten Minuten meines  heutigen Tages, ach was, meiner Woche. Eigentlich will ich schon nicht mehr, sehne mich kurz nach meiner Couch, aber natürlich geht es weiter.

Kurze Trinkpause, ein paar Sekunden durchatmen, und weiter geht es. Langsam dämmert  mir, dass es jetzt wohl erst richtig zur Sache gehen wird. Die Spieler ziehen Helme, Mundschutz und Shoulder Pads an. „Hier, zieh' das an!“, sagt einer, und gibt mir meine Schutzkleidung. Überraschenderweise  sind die Sachen viel leichter, als ich gedacht habe. Zum Glück habe ich keine Zeit, lange darüber nachzudenken, ob das für mich tatsächlich einen vorteilhaften Sachverhalt darstellt. Im Dauerlauf geht es zum benachbarten Hartplatz. Trainiert wird positionsabhängig in Kleingruppen, hier bekomme ich, laut Coach Kern, die meiste Action geboten.



Tackle-Training am Blockschlitten steht auf dem Programm. Ziel der Übung:  den Blockschlitten, einen senkrecht auf zwei Metallkufen montierten gelben Dummy, mit der richtigen Technik anzuheben und soweit wie möglich über den Platz zu schieben; Big Mama nennen die Spieler das Ding übrigens liebevoll. Die Jungs stellen sich in einer Reihe hinter Big Mama auf. Der Erste stürzt sich auf den Dummy, der Rest bewegt sich hinter dem Schlitten her. Jetzt sind die Spieler voll in ihrem Element. Es kommt mir  vor, als wäre ich Teil einer Horde wilder Tiere, die Blut geleckt hat. Konzentriert treiben wir den Dummy über den Hartplatz  und kennen nur noch ein Ziel - die Beute zu erlegen. Längst habe ich alle Nässe, Kälte und den Schmerz in den Muskeln vergessen.  Mit Vergnügen stürze ich mich auf den Dummy - auch wenn es bei mir nicht annähernd so elegant aussieht, wie beim Rest des Teams. Ich will gar nicht mehr aufhören, viel zu früh geht es zurück auf den Kunstrasen.

„Ready! Go!“
ertönt das Kommando. Helme krachen gegeneinander, das Klatschen des Aufschlags, von Händen auf die Pads, hallt in den Ohren nach. Zum Zuschauen verdammt, betrachte ich die sich, im Kampf Mann gegen Mann, über den Rasen schiebenden Spieler.  Bei den Full Contact-Übungen muss ich auf Anordnung des Trainers zugucken: das Verletzungsrisiko wäre für mich zu groß. Vor wenigen Minuten hätte ich nichts lieber gemacht, als mich mitten in das Gewühl von Spielern zu stürzen, aber nüchtern vom Spielfeldrand betrachtet, bin ich  ganz froh über diese  Entscheidung. Die Jungs die da auf dem Rasen gegeneinander antreten, haben schon einiges drauf.



Langsam wird mir die Kälte wieder bewusst. Gebannt schaue ich auf das Treiben vor mir, höre das Klatschen, die englischen Kommandos, bin gefesselt von den intensiven Eindrücken dieser Sportart. Wieder reißt mich nur die Stimme von Coach Kern aus meinen Gedanken: „So Jungs, das reicht für heute!“ Wie zu Beginn des Trainings versammeln sich alle Spieler um den Trainer. Kern verkündet, dass er für diese Saison, deren Kick-off Ende April ist, einiges vorhabe.

Zum Abschluss reißen alle Spieler dicht gedrängt ihre Arme in die Luft.  „Team on one!“  Kern macht eine kurze Pause. „One“!“ schreit er.  „Team!“ schreit das Team zurück. Auch ich habe meinen Arm in der Luft und spüre den Zusammenhalt der Sacristans, als ich in den Freiburger Nachthimmel brülle. Durchgefroren, müde aber zufrieden verlasse ich den Platz. Football ist schon ein geiler Sport.

Footballtraining bei den Sacristans



American Footballer als Anziehpuppe



 

American Football in Deutschland

American Football wird in Deutschland schon seit dem Ende des zweiten Weltkriegs gespielt. Damals allerdings spielten fast ausschließlich amerikanische Besatzungssoldaten den bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Ballsport und spielten in ihren eigenen Ligen. Erst das Jahr 1977 gilt als Geburtsstunde des American Footballs in Europa, da damals der erste Verein von den Frankfurter Löwen gegründet wurde.

In den nächsten zwei Jahren folgten so viele Mannschaften, dass 1979 die erste Saison in Deutschland gestartet werden konnte und es 1981 sogar schon zu einem internationalen Wettbewerb kam. Der AFVD American Football Verband Deutschland ist die Dachorganisation dieses Sports mit aufsteigender Tendenz, wurde im Jahr 1982 gegründet und hatte zum Stichtag am 1.1.2007 mittlerweile 250 Vereine unter sich.

In Deutschland gibt es zahlreiche Ligen, angefangen von den Flag-, Jugend- und Damenligen zu den Herrenligen, bei denen es 6 verschiedene zu unterscheiden gilt: die Aufbau-, Landes-, Ober- und Regionalliga so wie die zweite Bundesliga und die höchste Liga, dieGerman Football League(GFL). Letztere genießt ein hohes Ansehen und gehört zu den weltweit besten Amateurligen. Den Höhepunkt und gleichzeitig den Abschluss der Footballsaison in Deutschland bildet der German Bowl, das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft.

Lust auf American Football bekommen?

Die Freiburg Sacristans trainieren mittwochs in der Halle des Deutsch-Französischen Gymnasiums  und freitags auf dem Kunstrasen-Platz des FT Sportparks, jeweils von 20 bis 22 Uhr. Neulinge sind immer willkommen.

Die Autoren

Lea Schnetzler (22, Europäische Ethnologie & Spanisch), Julian Stengelin (23, VWL) & Gideon Goerdt (22, VWL) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester 2011/2012 an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

Mehr dazu:


Foto-Galerie: Sacristans Freiburg

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