Alter Falter! Joan Sallas, ein Faltkünstler aus Freiburg

Philipp Barth

Was ist er denn nun? Künstler, Forscher oder Gestalter? So richtig konnten amerikanische Medien Joan Sallas nicht einordnen, als Werke des Katalanen im Metropolitan Museum in New York ausgestellt wurden. Er selbst sagt "Ich bin kein Künstler, ich bin Falter". Dass er damit ganz schön tiefstapelt wurde fudder-Mitarbeiter Philipp beim Hausbesuch in Herdern schnell klar, als Joan Sallas für fudder einen Goldfisch faltete. [Mit Video!]

„Was, der soll berühmt sein?“ Lachen in der WG-Küche von Joan Sallas (Bild unten), der verlegen auf seinen Kuchenteller schaut. Seine Mitbewohner, ein Pärchen mit Kindern, haben Freunde eingeladen, denn die kleine Ronja feiert Geburtstag. Hier in seiner WG in Herdern ist der Katalane ein normaler Mitbewohner, im Wiener Hofmobiliendepot war er im letzten Jahr der Star. Das Museum widmete ihm die Einzelausstellung „Gefaltete Schönheit“. Auch das renommierte New Yorker Metropolitan Museum zeigte in der Ausstellung „Vienna Circa 1780“ seine Werke.


Was Joan Sallas faltet ist spektakulär: der zwei Meter große Tischbrunnen von 1677 zum Beispiel, bei dem sich ein Löwe und ein Greif gegenüberstehen, detailliert, elfenbeingleich und doch aus Stoff (Bild oben). Für die Ausstellung in Wien faltete er wochenlang, Tag und Nacht, bis aus 200 Metern Stoff feingliedrige Schlangen und pompöse Tischdekorationen wie der Tischbrunnen entstanden. Der 49-jährige ist einer der ganz Wenigen weltweit, die diese alte Tradition des Serviettenfaltens oder Serviettenbrechens beherrschen.



In der Renaissance kam das Falten aus Padua an die deutschen Höfe und wurde hier kultiviert, festgehalten und weiterentwickelt. Im Barock hatte es seinen Höhepunkt: Kein wichtiger Anlass, kein Empfang und keine Hochzeit ohne aufwändig gefaltete Tischdekorationen und Servietten. Denn damit präsentierte sich der Adel und zeigte seinen Reichtum und seine Macht. Doch dann kam das Porzellan und setzte sich als Tischdekoration durch, denn es war im Gegensatz zum Stoff haltbar und nicht nur von kurzzeitiger Pracht. Das Falten wurde in Deutschland vergessen.

Joan Sallas hat die alten Vorlagen recherchiert, geordnet und die Dekorationen nach alten Zeichnungen nachgefaltet. Seine Bibliothek mit Faltbüchern, im Arbeitszimmer der WG, ist weltweit einzigartig. Hier finden sich Bücher aus allen Epochen, das älteste Original ist von 1676. Er ist, überspitzt formuliert, der Hüter der deutschen Faltkunst – und stößt hier dennoch kaum auf Interesse. „In Deutschland wird das Serviettenfalten der Tischkultur zugeordnet und das Papierfalten dem Kinderbasteln. Als seriöse Disziplin wird es nicht wahrgenommen.“

Das konnte er auch bei der Ausstellung „Fremde Heimat - Kunst in Baden-Württemberg“ in der Kunsthalle Mannheim merken. Beteiligte Freiburger Künstler beschwerten sich, dass er in der Ausstellung vertreten war. „Sie fragten mich: 'Wer bist du denn?', und waren fast schon beleidigt, denn sie hatten mich in der Freiburger Kunstszene noch nie gesehen. Ich selbst kenne diese Szene nicht, doch daraus muss man wohl kommen, wenn man akzeptiert werden möchte.“



Joan Sallas entzieht sich jeder Selbstvermarktung und wünscht sich irgendwie trotzdem, dass das Kulturamt auf ihn zukommt, den Wert des Faltens für die Stadt erkennt, und ihn und sein Schaffen fördert. Denn die Ausstellungen bringen vielleicht Ruhm, aber kaum etwas ein. Er überlebt durch seine Origamischule, veranstaltet jährlich in Freiburg die Internationale Tagung zur Didaktik des Papierfaltens, verlegt Kinderfaltbücher und bringt jungen Erzieherinnen das Falten als pädagogisches Werkzeug näher. „Wenn Menschen etwas Gefaltetes sehen, dann sind sie überrascht, lachen und freuen sich. Selbst sehr seriöse und ernste Menschen werden dann locker. Diese Reaktion, das ist meine Bezahlung.“

In der nächsten Zeit werden seine Mitbewohner mit dem Nachwuchs ausziehen. Die Miete für eine Wohnung, in die auch die Bücher passen, kann Joan Sallas alleine nicht stemmen. Vielleicht wird er sogar wegen der hohen Mieten nach 16 Jahren aus Freiburg wegziehen müssen. „Das wäre schade für mich, weil ich mich hier sehr wohl fühle. Aber es wäre irgendwie auch schade für Freiburg.“

Wie man eine Serviette kunstvoll faltet

 



Joan Sallas faltet einen Goldfisch