Als Bufdi im Breisgau

Florian Stauß & Okan Bellikli

Der Zivildienst ist weg - stattdessen gibt es Bufdis. So werden alle genannt, die den neuen Bundesfreiwilligendienst antreten. War die Nachfrage anfangs noch gering, entscheiden sich jetzt immer mehr Männer und Frauen für den Dienst. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten ist groß. Florian und Okan haben Bufdis im Diakoniekrankenhaus und der Jugendherberge besucht.


Morgens um sechs hat Christoph Liebhardt schon einen weißen Kittel an. Auf den Gängen des Diakoniekrankenhauses Freiburg schiebt er einen Rollwagen vor sich her. Auf diesem befindet sich ein Computer, in den er die Vitalwerte der Patienten auf der Station M2a einträgt. Christoph ist kein Arzt und auch kein Krankenpfeger. Christoph ist  Bufdi, so werden die Dienstleistenden im Bundesfreiwilligendienst (BFD) liebevoll genannt.


Im Frühjahr 2011 hat der 19-jährige sein Abitur am Goethe-Gymnasium in Freiburg gemacht und wusste nicht gleich, was er studieren will. Deshalb hat er sich zur Überbrückung für den neu eingeführten BFD entschieden und ist seit September nun ein Bufdi.

Heute steht erst einmal die Übergabe von der Nachtschicht an. Danach widmet sich Christoph ganz seinen Patienten: Wasser bringen. Blutdruck, Puls, Temperatur messen. Pflegen. ,,Das ist schon eine körperliche Belastung“, sagt er.

Anfangs war das noch etwas ganz Neues. „Ich bin 13 Jahre zur Schule gegangen und hatte immer meinen geregelten Tagesablauf, körperlich war das nicht so anstrengend“. Jetzt muss er in der Pflegeabteilung der Inneren Medizin beinahe jeden Tag in einer anderen Schicht arbeiten. Acht Stunden lang. Die Frühschicht fängt um viertel nach sechs an, der Spätdienst um 13 Uhr.

Bei all den Aufgaben vergeht der Vormittag allerdings schnell. Immerhin reicht es zwischendurch noch für eine halbe Stunde Frühstück. Danach wird Kaffee und Tee auf der Station verteilt. Bei Wünschen oder Bedürfnissen können die Patienten per Druck einer Taste an ihrem Bett einen Pfleger zu sich rufen; Christoph muss dann „auf die Klingel gehen“. Auch wenn die Arbeit hart ist: „Es macht mir nach wie vor Spaß. Und mit der Zeit gewöhnt man sich an die Belastung.“ In der vergangenen Woche ist ein Patient gestorben, was Christoph schockiert hat. „Vorher hatte ich mit so etwas nicht wirklich zu tun. Aber das gehört dazu“.



Was lernt man noch beim Bundesfreiwilligendienst? „Flexibel sein“, sagt Christoph. Schließlich sei jeder seiner Patienten anders, sodass er sich stets auf neue Menschen einstellen müsse. „Und Teamfähigkeit. Besonders in Notfällen.“

Christoph ist gerne Bufdi - und damit nicht allein.

Laut dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben - dem Nachfolger des Bundesamts für den Zivildienst - haben sich seit Juli 2011 über 26 000 Menschen für den als Zivildienst-Ersatz eingeführten Bundesfreiwilligendienst (BFD) gemeldet. Beim BFD gibt es keine Altersbegrenzung. Jeder darf mitmachen, im Gegensatz zum Zivildienst auch Frauen. Es ist egal, ob man frisch von der Schule kommt oder bereits in Rente ist, ob man Lebenserfahrung dazu gewinnen oder weitergeben möchte.

Die Dauer des Dienstes ist flexibel, möglich sind zwischen sechs und 24 Monate. Potentielle Einsatzstellen sind dabei „gemeinwohlorientierte“ Einrichtungen wie Wohlfahrtsverbände (beispielsweise Caritas, Diakonie und Deutsches Rotes Kreuz), Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, aber auch Kinderheime, Schulen und Jugendeinrichtungen.

In der Jugendherberge Freiburg in der Kartäuserstraße arbeitet Mirko Kiewning, 18 (Bild rechts), als Bufdi. Auch er war sich nach seinem Abitur in Hannover nicht sicher, was er danach machen wollte und kam so auf den Bundesfreiwilligendienst. Eine Stelle im Ausland wäre bei ihm ebenfalls in Frage gekommen, er war jedoch zu spät dran. Das brachte ihn im Herbst nach Freiburg.

Auch Mirkos Arbeit beginnt früh am morgen, und zwar um sieben an der Rezeption. Dort hat er Einiges zu tun: Die Gäste empfangen, verabschieden und bei Fragen beraten, Telefonieren sowie Essensmarken ausgeben. Dabei unterstützt er einen Festangestellten der Herberge.



Manchmal hat Mirko auch Spüldienst. Außerdem stehen ab und zu noch andere Tätigkeiten an: Gartenarbeiten, Müll aufsammeln, dem Hausmeister bei Reparaturen helfen. Er ist nicht der einzige Bufdi der Jugendherberge, es gibt noch vier weitere. Alle wohnen zusammen in einem Gebäude nebenan.

Unterkunft und Verpflegung sind gratis, wie es der BFD vorsieht; Alternativ könnten die entsprechenden Kosten ersetzt werden. Zudem gibt es ein festes monatliches Taschengeld von höchstens 330 Euro, wobei die jeweilige Einsatzstelle über die genaue Höhe entscheidet. Zusätzliche Leistungen wie die Erstattung von Fahrtkosten sind ebenfalls möglich. So kommt Christoph im Diakoniekrankenhaus zum Beispiel auf 450 bis 500 Euro im Monat. Sein Dienstherr hat für die Bufdis sogar eine Prämie ausgeschrieben, die jeder Freiwillige nach erfolgreicher Beendigung seines Dienstes erhält.

Marcel Andree, Assistent der Leitung in Mirkos Herberge, berichtet von stark rückläufigen Bewerberzahlen seit der Abschaffung des Zivildienstes. Dennoch gebe es in der Freiburger Herberge keine Schwierigkeiten, die ausgeschriebenen Bufdi-Stellen zu besetzen, es müssten nur weniger Absagen erteilt werden. An weniger beliebten Standorten macht sich diese Tendenz deutlich stärker bemerkbar: In den Jugendherbergen in Baden-Württemberg sind  zur Zeit insgesamt 31 Bufdis beschäftigt, die sich auf 56 Herbergen verteilen. Fünf Bufdis sind in Freiburg, vier in Heidelberg, drei am Feldberg. 38 weniger beliebte Standorte müssen ohne Bufdi-Unterstützung auskommen.

Christoph wollte nach seinem Dienst eigentlich Tourismusmanagement studieren, seine Arbeit bei der Diakonie hat ihn inzwischen allerdings auf Gesundheitsmanagement gebracht. „Das hat auch mit Krankenhäusern zu tun.“ Jetzt hat er seinen Dienst aber erst einmal um vier Monate verlängert.

Interview mit Andreas Steiner, Personalleiter des Diakoniekrankenhaus Freiburg über Bufdi



Quelle: YouTube

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD)

Seit dem ersten Juli 2011 gibt es in Deutschland keine Wehrpflicht und somit auch keinen Zivildienst mehr. Um die dadurch entstehende Lücke im sozialen Bereich zu füllen, wurde auf Initiative von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt.

Nach Erfüllung der Schulpflicht sind Männer und Frauen bis ins Rentenalter berechtigt, diesen Dienst in sozialen Einrichtungen zu leisten. Im Regelfall ist er auf sechs bis zwölf Monate begrenzt, kann jedoch in Ausnahmefällen auch 18 oder 24 Monate umfassen. Unterkunft, Verpflegung und Dienstkleidung werden gestellt, Sozialversicherungsabgaben gezahlt. Zusätzlich bekommen Bufdis bis zu 330 Euro „Taschengeld“ für die Vollzeitstelle. Darüber hinaus soll in Kürze zusätzlich Kindergeld beziehbar sein, welches dann auch rückwirkend für 2011 erstattet wird. Die Bufdis sind zur Teilnahme an begleitenden Seminaren im durchschnittlichen Umfang von 25 Tagen im Jahr verpflichtet. Nach erfolgreichem Abschluss des BFD wird ein Zeugnis ausgestellt.



Die ehemals knapp 170.000 Zivildienststellen sind automatisch für den BFD qualifiziert, aber die Anzahl der geförderten Plätze ist auf 35.000 beschränkt. Hatten sich zu Einführung des Dienstes erst 3.000 Freiwillige gemeldet, so ist diese Zahl nach einem halben Jahr bereits auf über 26.000 gestiegen. Damit stehen die Chancen auf eine volle Auslastung über die kommenden Jahre nicht schlecht. Dennoch können die jährlich über 100.000 Zivildienstleistenden dadurch nur zu einem Drittel ersetzt werden. Außerdem steht der BFD als Freiwilligendienst in Konkurrenz zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und zum Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ). Da rund 80 Prozent der derzeitigen Bufdis jünger sind als 27, besteht die Gefahr, dass es lediglich zu einer Umverteilung der Freiwilligen auf das zusätzliche Angebot kommt, wenn keine neue Zielgruppe mobilisiert werden kann.

Die Autoren

Florian Stauß (27, Germanistik und Philosophie) und Okan Bellikli (19, Angewandte Politikwissenschaft) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester 2011/2012 an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

Mehr dazu:

[Spülbild/Symbolbild: © Esther Hildebrandt - Fotolia.com/ Rest: Okan Bellikli/Florian Stauß]