Als Bier-Beraterin im Bermuda-Dreieck

Stefanie Stahlhofen

Das Alkoholverbot im Bermudadreieck ist mittlerweile Geschichte. Das Alkohol-Problem vor Ort allerdings nicht. Die Stadt Freiburg ist weiterhin bemüht, zusammen mit dem Arbeitskreis Suchthilfe Freiburg mit dem Modellprojekt Prärie Jugendliche zu erreichen. Freitags und Samstagsnachts schickt Prärie die sogenannten Peer-Berater an die Hot-Spots des Freiburger Nachtlebens, um mit Jugendlichen über Alkohol reden. Das Besondere: die Berater sind selbst Jugendliche. Stefanie war mit auf Prärie-Tour.



Vor dem Martinstor feiern sechs Männer ausgelassen Junggesellenabschied. Zwei zieren ihr Haupt mit Burgerking-Kronen; einer schmückt sich mit einer Bierfass-Mütze, die restlichen lediglich mit der naturgegebenen Haarpracht. Überall um sie herum flimmert es auf Fernsehern und extra aufgestellten Großbildleinwänden, doch die Männer schauen nicht hin. Sie scheinen sich so ziemlich als einzige nicht für das gerade laufende WM-Spiel England-USA zu interessieren. Vom Bertoldsbrunnen schlendern ihnen drei Mädels in ungewöhnlicher Aufmachung entgegen: Über der Kleidung tragen sie neon-gelbe Warnwesten mit grell-weißen Reflektoren. Was den Bildschirmen nicht gelingt, schaffen die seltsam kostümierten Ladies - Sie ziehen die Blicke der Männer auf sich.

„Hey, seid ihr auch so'n Junggesellen-Abschied?“, brüllt einer aus dem Pulk. „Nein, wir sind was ganz anderes“ ruft eine schlanke, hübsche Blondine zurück und steuert auf ihn zu. „Wir sind Peer-Berater.“ „Bier-Berater?“ echot es ungläubig.

„Peer-Berater“ antwortet die junge Frau. Das Namensschild auf ihrer Weste verrät, dass sie Isabel Funke heißt. Sie dehnt die erste Silbe etwas und blickt mit großen blauen Augen offen in die Runde: Die Gesichter der Gruppe sind ein einziges Fragezeichen. Ahhhja. „'Peer', das ist Englisch und heißt 'auf Augenhöhe'. Wir sprechen auf Augenhöhe mit andren über Alkohol“, erklärt die 20-jährige locker und selbstbewusst. Bier-Berater war da am Ende also doch nicht so falsch; nur dass es bei der Peer-Beratung nicht etwa darum geht, Biersorten zu empfehlen, sondern darum, über Alkohol und seine negativen Seiten zu reden. Vielleicht macht sich ja doch der ein oder andere hinterher ein paar Gedanken.

„Ah, das ist 'n Job“, meint Mister Burgerking-Krone. „Nee, das ist ehrenamtlich. Seht ihr nicht unsren Heiligenschein?“, sagt Isabel und zeigt über ihren Kopf. Dann fügt sie hinzu: „Aber ihr seid eigentlich nicht unsre Zielgruppe, ihr seid alt genug, ihr wisst, was ihr macht.“ Isabel geht es vor allem um die 14-20jährigen.

Trotzdem fragt sie: „Habt ihr vielleicht Lust auf ein Spiel?“ Haben sie. Beim Alkohol-Quiz „Wahr oder unwahr?“ prüft Isabel mit ihren zwei Kolleginnen Sarah (22) und Marianne (20) das Wissen auf dem Gebiet „Alkohol und seine Wirkungen“. „0,1 Promille Blutalkohol ist innerhalb von 10 Minuten abgebaut. Wahr oder unwahr?“ - Nee, das dauert schon etwas länger. So'ne Stunde ungefähr.“ Korrekt. Zur Belohnung verteilt Isabel Maoam, Mentos oder Erdnussflipps, welche sie aus ihrer weißen präRIE/Arbeitskreis-Suchthilfe-Lastwagenplanen-Tasche zaubert. Gratis gibt es auch Infobroschüren und Alkoholfreie-Cocktail-Rezepte. Man unterhält sich noch ein bisschen, lacht viel und flirtet etwas, dann setzen die Peers ihren Rundgang im Bermudadreieck fort.

Zurzeit gibt es außer Isabel sechs weitere Freiwillige. Mindestens zwei Peers müssen da sein, alleine geht keine. Die Schülerin ist die einzige, die sonst nichts mit Suchtberatung am Hut hat. Sarah und Marianne beispielsweise studieren soziale Arbeit an der KFH. Isabel kam durch Zufall zu präRIE: „Die Mutter meiner Freundin arbeitet da. Sie hat mich gefragt. Ich hab halt mal mitgemacht und jetzt bin ich hier“, erinnert sich die Jugendliche. Sie ist dabei geblieben, denn es macht ihr Spaß. In der Suchthilfe zu arbeiten, kann sie sich aber nicht vorstellen: „Ich glaub, da fehlt einem irgendwann die Energie.“

Isabel ist seit 2009 dabei, sie kennt den Weg in und auswendig: An der „Parabel“ vorbei, runter zum „Aspekt“, da umdrehen, vorbei an „Euphrat“ und der Konkurrenz vom „Uni-Döner“ wieder zum Martinstor und schließlich zur Basisstation am Bertoldsbrunnen.



Hier hat der Arbeitskreis Suchthilfe seinen alten, orangefarbenen VW-Bus geparkt, zwei Bistrotische und vier Liegestühle sollen zum Verweilen einladen.„Und, wie ist die Lage?“ will Jeanette Piram, die Leiterin der Drogenhilfe Freiburg wissen. „Nur Public Viewing und sonst nix“, sagt Isabel und zuckt die Schultern. Es gab schon Abende, an denen haben sie 150 Menschen befragt, doch heute ist die Ausbeute mau. Das ist Isabel aber gar nicht nicht so unrecht. Sie hat gestern ihre letzte schriftliche Prüfung am Berufskolleg für Wirtschaft hinter sich gebracht und das musste gefeiert werden. Deshalb brummt ihr selbst noch etwas der Schädel, und sie ist froh, guten Gewissens früher gehen zu können. Selbst keinen verklemmten Bezug zu Alkohol zu haben, ist ihr wichtig: „Ich sehe mich als normale 20-jährige. Ich mach' natürlich auch Party und trinke Alkohol.“

Das merken manche erst, wenn sie Isabel hinterher zufällig ohne Weste wieder treffen. So bekam sie einmal einen blöden Spruch gedrückt, als sie alleine vor dem Stand am Bertoldsbrunnen war: „Da kamen drei Jungs und haben mich gefragt, ob ich auch was in Sexhilfe hätte. Sie wären alle sexsüchtig und deshalb sollte ich mal schnell mit ihnen in den Bus. Die haben mich schon richtig blöd angemacht und ich stand da in meiner Weste und hab erst mal nichts gesagt, weil ich nicht wusste, wie ich reagieren soll.“ Doch hinterher traf man sich auf einer Party wieder und Isabel geigt ihnen die Meinung, „wie arm das ist, zu dritt auf ein Mädel mit 'ner Weste loszugehen, das da allein steht“. Das sagt die Isabel ohne Weste, die auf der Party selbst was trinkt und mal 'ne Kippe raucht. Die Isabel, die eine ganz normale Schülerin ist und nebenbei als Kellnerin jobbt. Die Isabel, die für ihr Leben gerne snowboarded. Da merken sie, dass Isabel nicht nur „das Mädel mit der Weste von der Suchthilfe“ ist, und plötzlich ist ihnen die Aktion sehr, sehr peinlich. „Das sind eben die zwei Seiten, die man abends so hat.“

Klar ist es nicht immer leicht, die ehrenamtliche Arbeit mit dem eigenen Leben zu vereinbaren. Ob nun in solch einer Situation oder dann, wenn sie mit ihrem Kater doch wenigstens eine kleine Runde als Peer-Beraterin dreht. „Vielen Dank, dass du trotzdem gekommen bist“, sagt Jeanette zum Abschied. Isabel zieht die Weste aus, legt sie in den Bus und schwingt sich auf ihr neon-grünes Mountainbike: „Nur die Harten kommen in den Garten.“

 

Mehr dazu:

Wer Interesse hat, wie Isabel und ihre Kolleginnen als ehrenamtlicher Peer-Berater im Prärie-Projekt tätig zu werden, kann sich per Email bei Christa Armbruster melden: nachsorge@awo-freiburg.de Die nächste Schulung für Peer-Berater wird im Herbst stattfinden.

Foto-Galerie


Tipp:
Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.