Aufregen ist ihr Hobby

Alltagsdiskriminierung gibt's auch zwischen schwulen und bisexuellen Männern

Dita Whip

Alltagsdiskriminierung von LGBT-Menschen kommt von vielen Seiten – doch auch zwischen schwulen und bisexuellen Männern findet sie oft statt. Für fudder-Kolumnistin Dita Whip ein ernstes Thema im zweiten Teil ihrer Kolumne "Aufregen ist ihr Hobby".

Der Begriff "Alltagsdiskriminierung" lässt in meinem Kopf eine Myriade von Beispielen vor meinem inneren Auge erscheinen. Ein Großteil an Situationen, in welchen sich LGBT-Menschen alltäglich diskriminiert sehen, kommen von außen: Sei es von "heteronormativen" Personen, Systemen oder Strukturen. Allerdings müssen sich vor allem schwule und bisexuelle Männer eingestehen, dass sie in der Volkssportart der gegenseitigen Diskriminierung, die Goldmedaille schon längst im heimischen Trophäenschrank haben. Die Realität: Genau die Menschen, welche von einer diskriminierungsfreien Gesellschaft stark profitieren würden, packen gern selber die Diskriminierungskeule aus. Die Hinterlist an der Sache: Oft passiert das mit dem unbewussten Endziel, sich selbst und andere, so zu normieren wie es diskriminierende Einflüsse von außen gern sehen würden.


Ein Fallbeispiel gefällig? Die größtenteils schwulen und bisexuellen Dating Apps "Grindr" oder "Planet Romeo", sind schon längst nicht mehr digitale Zufluchtsorte für die Suche nach Freundschaft, Liebe und dem nächsten One-Night-Stand. Queere Dating-Plattformen sind zu Portalen voller internalisierter Homophobie, Mysogynie und Rassismus geworden. Hier wird mit Profiltext-Aufzählungen wie: "Keine Fetten, Keine Sissies/Handtaschenträger, Keine Asiaten/Türken/Araber/Schwarze, keine Alten und nur "heterolike", direkt ganzen Gruppen an Menschen, nicht nur das Interesse an ihnen abgesprochen, sondern auch noch einer ganzen Bagage an Diskriminierungsformen Raum gegeben. Dabei scheint es in einer See aus seelenlosen Sixpack-Selfies unerheblich, dass die Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen rassistisch ist, Bodyshaming scheiße bleibt und "heterolike" sagt: "Ich hasse mich als Schwuler selber".

Selbstverständlich ist das kein isolierter Trend. Die zwischenmenschliche Kälte und Fassadenartigkeit von Interaktionen ist im Zeitalter der sozialen Medien und der Selbstdarstellung ein allgegenwärtiges Problem. Nur trägt es bei schwulen und bisexuellen Männern eben enorm "kreative" Früchte.

Die eigene "Non-Heteronormativität" wird nicht als gemeinsamer Nenner verstanden

Der Trend zur Ablehnung von allem, was nicht in das Bild der eigenen Realität passen will, war auch im realen Leben noch nie größer. Zwar sind wir jederzeit vernetzt, aber: Die Gruppenbildung, allgemeine Einsamkeit und gegenseitige Ablehnung ist offensichtlich das modische Gebot der Zeit. Anstatt die eigene "Non-Heteronormativität" als gemeinsamen Nenner zu verstehen, scheint es Trend zu sein, die Arbeit derer, die uns mit Freude diskriminieren, selbst voran zutreiben. Wie wäre es mit einem Label für dieses Verhalten: "100 Prozent fremdinduzierter und eigenkultivierter Selbsthass!"
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AktivistInnen sowie KünstlerInnen gelten im aktuellen Sozialklima der LGBT-Community schnell als schrille Szene-Menschen, für die man sich schämen muss. Personen, die sex-positiv zu ihrem Fetischen stehen und für Vielfalt eintreten, sind nun Menschen die man der Öffentlichkeit nicht zeigen darf... aus Angst, dass man selber zu "denen" gezählt wird. Nicht dem Schönheitsideal entsprechende oder ältere Menschen sind als Creeps, Verzweifelte und Säcke verschrien. Personen, die sich für ein bürgerliches Leben entscheiden, gelten im selben Zuge als zu angepasst und nicht revolutionär genug. Jede Seite schlägt drauf wo sie nur kann.

"Anstatt sich als bunte Community zu verlinken wird selbstnormiert, angepasst, versteckt, selbstgehasst."

Am Ende bleiben nur noch Klischeebilder von gut trainierten, "heteroliken" Typen übrig, die für als "weiblich" geltende Attribute nicht mehr übrig haben, als für die letzte Zara-Sommerkollektion. Dabei sehen alle gleich aus, empfinden das Gleiche, mögen alle das Gleiche und sind so weit von einer differenzierten queeren Identität entfernt wie Alice Weidel. Anstatt sich als bunte Community zu verlinken wird selbstnormiert, angepasst, versteckt, selbstgehasst und anderen die Wertigkeit ihrer Identität abgesprochen um nicht aufzufallen oder "normal" zu sein.

Wenn wir von der Gesellschaft einfordern uns fair und gleichberechtigt, wie jeden anderen heteronormativen Menschen zu behandeln, sollten wir vielleicht anfangen, vor unserer eigenen Tür zu kehren. Denn neben Glitter und Konfetti liegt da doch eine ganze Menge giftiger Gedankenmüll.
Heterolike

"Heterolike" ist ein Begriff, der seit einigen Jahren in der schwulen/bisexuellen Szene auf dem Vormarsch ist. Er bedeutet die Vorliebe für "männliche" Männer, also Personen die eher dem stereotypen Mann entsprechen. Das dabei eigentlich sämtliche Facetten von "schwul" als solches diskreditiert werden, man sich selber diskriminiert, fällt den Meisten nicht auf.

Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.

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