"Alles was ich selbst nicht ändern kann, das ist egal": Egal-Party Veranstalter DJ Enlin im Interview

Kerstin Ernst

Seit einem Jahr lebt der Belgier Karim Enlin alias DJ Enlin in Freiburg. Im Waldsee veranstaltet er seine Party "Egal", die am Donnerstag zum dritten Mal steigt. Was die Deutschen von den Belgiern beim Feiern unterscheidet, erzählt er im Interview.

Karim, mir ist zum Beispiel das Wetter egal, was ist dir eigentlich so vollkommen egal?

Karim: Alles was man selbst nicht ändern kann. Zum Beispiel die berufliche Situation könnte man ändern, wenn du unzufrieden mit deinem Job bist, dann hol‘ dir einen neuen. Aber was ist mir völlig egal? Stiltreue ist mir zum Beispiel völlig egal. Es geht nicht um Skills oder Effekte. Einen richtig guten DJ, dem stellst du einen fremden Plattenkoffer hin, zwei Plattenspieler und ein Mischpult, lässt ihn eine halbe Stunde in die Platten rein hören, und er kann es rocken.

Warum heißt deine Partyreihe "Egal"?

Das ist der Spirit: Sobald du dir selbst sagst "Egal!", nimmst du der Sache die Macht über deine Gefühle, weil es ist egal. Dieses Egal hat sich so durch mein ganzes Leben gezogen und mit dieser Reihe schließe ich sozusagen den Kreis zu meiner Egal-Phase aus der Kindheit. Diese Einstellung hatte ich schon als Kind, als mir mein Lehrer damit gedroht hat, das ich von der Schule fliege, weil ich zu spät gekommen bin.

Und dann bin ich vor einem Jahr hier her nach Freiburg gezogen und dachte mir, dass ich hier auflegen möchte. Zuerst wollte ich in Schmitz Katze, aber das ist ja leider nicht mehr da. Dann blieb als Plan B nur das Waldsee und die sind sogar auf mich zugekommen, als ich auf einer Tag eins Party gegangen bin und mich mit dem Barkeeper unterhalten habe.



Bist du während deiner Trotzphase zur Musik gekommen?

Das kam sozusagen von meiner Mutter. Als ich früher von Partys zurück gekommen bin, fragte sie mich, wie es war. Da hatte ich immer was an der Musik zu meckern, die mir nicht so besonders gefallen hat. Irgendwann meinte sie zu mir: "Mach‘ es doch besser". Das war dann der Moment, als ich mir zwei Schrott-Plattenspieler gekauft und mir das selbst beigebracht habe.

Du sagst, du kommunizierst über die Musik mit den Leuten?

Das ist jetzt nicht so, dass ich auf einer Party hingehe und die Leute einfach mit irgendetwas beschalle. Crowd-Reading ist das Wichtigste, zu schauen, wie etwas bei den Leuten ankommt und den Raum zu fühlen. Aber auch zu schauen: Wie weit kann ich gehen? In einem Moment, in dem quasi alles super ist und man die Leute in der virtuellen Hand hat. In so einem Moment kann man sagen: "So. Jetzt erzähl‘ ich euch meine Geschichte". Da spiele ich dann auch schon mal Platten aus meiner Sammlung, die intim sind und die ich sonst kaum jemandem zeige. Kunst ist immer auch nonverbale Kommunikation. All das wo Sprache aufhört, da fängt Kunst an. Mir ist es wichtig, meinen eigenen Vibe zu spielen und den Funken über springen zu lassen.

Du philosophierst gern, oder?

Kann sein, das kommt von der Serie "Twilight-Zone", die ich als ich so sieben Jahre alt war immer geschaut habe. Die haben dort Gedanken zu Ende gedacht und der Autor hat am Ende von den 20-minütigen Kurzfilmen immer alles offen gelassen, weil bei Philosophie alles immer offen ist. Das hat mich als Kind oft so fasziniert, das ich auch einmal eine ganze Nacht lang wach war und darüber nachgedacht habe. Was Musik angeht und die Philosophie dahinter, ich möchte wissen, was ich mache und welchen Effekt das hat und das Kompetitive: Was kann ich besser machen.

Wie würdest du deinen Musikstil beschreiben?

Ich würde meine Musik als herzlich dynamisch beschreiben. Herzlich im Sinne von positiv gemeint. Für mich muss meine Musik immer ein Uplifting, einen positiven Vibe haben. Emotion und Technologie, das ist eigentlich die Musik, die ich immer spiele. Aus Belgien kommt meine Liebe zu Trance, wie zum Beispiel von Tiesto. Ansonsten spiele ich Techno, House, Trance, eigentlich alles. Früher gab es nur zwei Begriffe: Techno und House. Das eine war das Statische und das andere das Dynamische. Auf einen Stil will ich mich aber nicht festnageln lassen. Meine Musik ist auch genreübergreifend, das kann überall hingehen.



Du lebst seit einem Jahr in Freiburg, wo kommst du denn genau her?

Ich komme ursprünglich aus Eupen, einer deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien und bin dort zweisprachig aufgewachsen, Deutsch und Französisch. Ich bin in meinem Leben schon ziemlich viel rum gekommen, jetzt nicht nur als DJ. Ich bin sozusagen auch ein Drei-Länder-Eck-Typ, ich habe eine Zeit lang in Aachen gewohnt, an der Grenze zur Niederlande und Belgien, aber auch in Chamonix in Frankreich, was nahe zur Schweiz und Italien liegt und seit einem Jahr hier in Freiburg.

Was hat dich nach Freiburg verschlagen?

Ich habe vorher in Frankreich gewohnt, wo ich mit den Dämonen meiner Kindheit abgeschlossen habe. Auf einer Fahrradmesse, weil ich auch im Fahrradbereich arbeite, habe ich eine Freundin aus Freiburg getroffen, die mich auf die Idee gebracht hat. Eine Sache warum ich nach Freiburg gekommen bin, war das Wetter, man nennt Freiburg ja auch die Toskana des Markgräfler Lands. Mit ein Grund, war auch die Möglichkeit hier gut Radfahren zu können und wegen der Freunde, die ich hier in Freiburg habe.

Was ist das Konzept deiner Partyreihe oder ist das egal?

Das Konzept ist, egal wer du bist und wo du herkommst, komm her und lass dich berieseln. Auf einer Party ist das so ein gesetzloses, gerechtes Miteinander und jeder soll das mitbringen, wie er selbst ist. Das ist auch das, was eine Party hinterher geil macht. Mein Anspruch ist es dafür zu sorgen, dass die anderen Leute eine gute Zeit haben, damit ich selbst auch eine gute Zeit habe. Das klingt vielleicht ein wenig egoistisch. Für mich ist aber das Klassenziel erreicht, wenn der Funke überspringt und die Person eine schöne Zeit hatte.

Wie ist das bisher angekommen?

Ich befürchte, dass ich da maketingtechnisch noch mehr machen muss um es noch mehr publik zu machen. Die ersten beiden Male war nur wenig los. Dann hoffe ich noch, dass die Leute auch darüber reden und es über die Mundpropaganda nach außen tragen.

Würdest du sagen das es einen Unterschied zwischen den Leuten auf Partys in Deutschland und Belgien gibt?

Das ist ganz easy und schnell erklärt: In Belgien füllt sich ein Raum von innen nach außen, in Deutschland von außen nach innen. Das erste was in Belgien passiert: die Leute werfen ihre Jacke in die Ecke und fangen an, mitten auf der Tanzfläche zu tanzen und von da an geht es nach außen, aber es tanzt alles. In Deutschland ist es so, alle kommen erst mal ganz vorsichtig. So ähnlich ist es in Belgien und Deutschland auch mit Freundschaften. Die Deutschen brauchen da ein wenig länger, bis eine Freundschaft entsteht.
Was: Egal-Partyreihe Vol.3
Wann: Donnerstag, 21. September
Wo: Waldsee Freiburg
Web: Facebook-Veranstaltung